Zwei Liebende Teil 02

Anmerkung vom Autor:

Dieses Kapitel dient hauptsächlich zur Fundierung von Handlungssträngen, die im nächsten Kapitel merklich an Bedeutung gewinnen. Außerdem ist es das letzte Kapitel, in dem es noch etwas milder zugeht. Also für alle, die schon gespannt sind, wie es wirklich zur Sache geht — bald ist es soweit!

KAPITEL 2: Das Liebesgeständnis

Es kommt immer anders, als man glaubt. So auch am Morgen nach dem zaghaften Kuss meiner Schwester.

Der Morgen verlief für mich so wie immer, ich duschte und machte mich für unseren Ausflug zurecht. Dabei war ich mir sicher, dass ich in der Gegenwart von Julia wieder weiche Knie bekommen würde – keine gute Voraussetzung fürs Eislaufen.

Ich stülpte mir gerade mein Shirt über den Kopf, da öffnete meine Mutter die Tür. „Morgen! Finn, ich muss mit dir und deiner Schwester was dringendes besprechen. Kommt ihr mal eben runter?“ Und damit war sie auch schon beim Zimmer meiner Schwester und wiederholte ihre Bitte an Julia, die nach meinem kurzen Blick nach noch im Bett lag.

Ich ging zu Mama in die Küche und half ihr dabei, ein paar Toasts für Vater zu machen, die ich ihm servierte. Dann versammelten sich Julia, ich und unsere Mutter am Esstisch. Wir frühstückten nicht häufig zusammen, vor allem da wir als typisch junge Erwachsene chronische Langschläfer waren. Doch wenn es einmal zu einem gemeinsamen Frühstück an einem Samstag kam, bedeutete das in der Regel eine schlechte Nachricht.

„Was ist los, Mama?“, fragte Julia besorgt und rieb sich den Schlaf aus den Augen, als sie sich setzte.

Unsere Mutter blickte kurz in die Leere, dann wandte sie sich uns beiden zu. „Es geht um Tante Lina. Sie ist… krank. Ziemlich schwer krank. Sie hat mich gebeten zu ihr zu fahren und ein paar Tage bei ihr zu bleiben. Sie fürchtet… dass sie das vielleicht nicht überstehen wird. “ Sie stockte und es begannen die Tränen an ihren Wangen herunter zu laufen.

Julia und ich nahmen je eine ihrer Hände und versuchten sie so gut es ging zu trösten.

„Kein Sorge“, schniefte sie, als ihre Tränen langsam versiegten, „es wird sicher nur ein paar Tage sein. Ihr müsst in der Zeit aber auf euren Vater aufpassen, ja?“ Sie versuchte ein Lächeln hervor zu pressen.

„Wenn du möchtest, komm ich mit, Mama“, schlug Julia aus heiterem Himmel vor. Ich sah sie mit großen Augen an. Zum Teil, weil ich überrascht war, aber auch weil sich die Gesprächspläne mit ihr dadurch verzögern würden.

Und das sogar immens.

Aber natürlich konnte ich mir das nicht anmerken lassen, geschweige denn etwas dagegen sagen. Julia wollte Mama nicht begleiten, um mir auszuweichen, sondern um ihr beim Umgang mit der schweren Krankheit ihrer Schwester umzugehen.

Bei dem Gedanken, wie verrückt es mich machen würde, wenn es meiner geliebten Julia so schlecht gehen würde, konnte ich nicht mehr ganz klar denken und versank in einem Szenario, in dem Julia von mir gepflegt wird.

Im Schlaf würde ich ihre Nase küssen und sie würde es mit einem (unbewussten) Lächeln quittieren. Und wenn es ihr, Gott behüte, einmal wirklich schlecht gehen würde, wäre ich an ihrer Seite und würde sie sanft in meine Arme schließen, und sie könnte sich an mich schmiegen.

„Finn? Hallo?“ Ich wurde jäh aus meinem Luftschloss gerissen, als mir Mama mit der Hand vor der Nase herumwedelte. „Ist es jetzt OK für dich?“

„Was ist OK?“, fragte ich, scheinbar einen Teil der Konversation komplett verpasst habend.

Mir wurden stechende und fragende Blicke aus vier Augen gleichzeitig zugeworfen. „Ob es in Ordnung für dich ist, dass wir beide dich hier ein paar Tage mit Papa alleine lassen“, gab Julia mir zu verstehen. Ich wollte zwar eigentlich nicht, dass Julia ausgerechnet jetzt wegfährt, aber mir wollte auf die Schnelle kein Argument einfallen, dass sie zum Bleiben zwingen würde. Meine in wenigen Tagen anstehende Fahrprüfung war das einzige, was mir einfiel.

Bei weitem nicht dringend genug. Daher blieb mir nur, ein kurzes „Kein Problem!“ zu murmeln und mich wieder in meine Wunschträume zu verziehen.

An diesem Tag ging ich trotz meines Missmuts doch zum Eislaufen. Eingeladen waren ein paar ehemalige Schulkollegen, nämlich Julias drei beste Freundinnen, sowie zwei Jungen, die je mit einer der drei zusammen waren. Die einzige Andere, die wie ich das fünfte Rad am Wagen war, hieß Crissy.

Zu Crissy gibt es wenig zu sagen, außer, dass sie mich seit einigen Monaten versuchte anzugraben. Sie war zwar ganz hübsch mit ihren langen, tiefschwarzen Haaren und einem recht kleinen und an den richtigen Stellen runden Körper, aber sie war eben nichts für mich. Nicht vor dem Kuss mit Julia und schon gar nicht seitdem.

Während der drei oder vier Stunden, die wir auf dem Eislaufplatz im Stadtzentrum herumtollten, wollte sich Crissy kaum von meiner Seite lösen.

Das ging sogar soweit, dass sie ihre Toilettenpausen mit meinen abstimmte. Man könnte durchaus sagen, dass sie von mir besessen war. Sogar noch mehr von mir besessen, als ich es von meiner Schwester war.

Es war bereits am Dämmern, nachdem wir uns alle wieder von den Eislaufschuhen befreit hatten. Die beiden Paare verabschiedeten sich und verließen den Platz. Ich blickte ihnen hinterher und konnte nur hoffen, dass Julia und ich auch einmal Hand in Hand durch die Gassen schlendern würden.

„Hey, Finn“, kam es von hinter mir, während ich gerade meine Schuhe fertig band. Natürlich war es Crissy. Wer sonst?

„Hey“, grüßte ich höflich zurück und hoffte, sie wollte sich nur verabschieden.

Pech für mich, dass die kleine Schwarzhaarige doch andere Pläne hatte. „Kön… Könntest du mich eventuell nach Hause bringen. Du weißt, im Dunkeln und in der Gegend hier… würde ich lieber nicht ganz alleine Heim laufen.

“ Und ein Blick in ihre Augen verriet mir, was sie sich von dem gemeinsamen Spaziergang erhoffte.

„Naja, ich hab eigentlich noch was vor… Kannst du nicht deine Mutter oder deinen Vater anrufen, dass sie dich von hier abholen kommen?“

Crissy wurde plötzlich weniger fröhlich, und sie schwankte beinahe, während sie vor mir stand. „Ne, Finn. Ich hab dir doch erzählt, dass meine Mutter noch ein paar Tage weg ist.

„Und dein Vater?“, fragte ich, als sie scheinbar nicht mehr weiter reden wollte.

„Der… ach, vergiss es. Der kommt mich nicht abholen. Also, bringst du mich Heim?“ Und damit war der lüsterne Blick von einem ersetzt worden, den ich so bisher nur von Hunden oder Zeichentrickfiguren kannte. Mit großen Augen sah sie mich an.

Ich ließ mich doch erweichen, sie nach Hause zu bringen.

Schließlich wollte ich nicht Schuld daran tragen, sollte ihr etwas zustoßen.

Auf dem Weg ging sie dich neben mir. Crissy erzählte mir unter anderem, dass ihr Vater sich wohl in Kürze von ihrer Mutter trennen würde, denn er hatte eine Freundin. Woher Crissy das wusste, wollte sie mir nicht verraten, aber sie war sich sicher, dass ihr Vater mit ihr zusammen war, wenn er mal wieder „länger arbeitete“.

„Aber prinzipiell ist mir das egal.

Er kann machen, was er will. “ Sie versuchte mich offenbar davon abzuhalten, Wunden tief in ihr aufzureißen. „Aber apropos Freundin, wie kommt es eigentlich, dass du noch keine Freundin gehabt hast?“

„Wie bitte kommst du jetzt darauf?“, wollte ich wissen.

„Finn, wir kennen uns seit über fünf Jahren. Noch nicht einmal habe ich dich mit einer Freundin gesehen. Also, wie kommt's?“

Mein Gehirn zermarterte sich, während mein Herz raste.

Was sollte ich ihr denn sagen? Sicher nicht das, was mich im letzten Jahr von einer Freundin abgehalten hatte. Sie musste sich wohl oder übel mit einer Halbwahrheit begnügen.

„Naja, schau mich doch mal an. Ich bin nicht besonders groß, bin nicht gerade wie Schwarzenegger gebaut und hab Asthma. Obendrein bin ich nicht gerade ein Partylöwe. Da hilft einfach keine noch so gute Persönlichkeit. Und jetzt sag mir doch mal ehrlich: Wer aus unserer Klasse hätte sich mit mir verabredet?“

Ich konnte erkennen, dass Crissy ein wenig verblüfft war, dass ich ihr meine Fakten so auf den Tisch geknallt hatte.

Doch das heilt sie nicht davon ab sich noch ein wenig näher an mich zu klammern, als wir in ihre Straße abbogen.

„Ich wüsste da jemanden“, informierte mich Crissy. „Zum Beispiel mich. „

Meine Augen wurden größer und ich sah zu meiner Linken, an der sich Crissy inzwischen im Gehen fast ganz an mich gekuschelt hatte. „Sehr witzig!“ Ich versuchte mich mit allen Mitteln aus der Affäre zu ziehen.

Sie flirtete zwar mit mir, aber ich dachte nicht, dass sie es wirklich ernst meinte.

„Nicht witzig“, gab sie ernsthaft zurück. „Ich meine das genau so, wie ich es gesagt habe. Seit der elften Klasse habe ich mehrmals versucht mich an dich ran zu machen… Aber du bist so verdammt zurückhaltend. „

Wir waren vor dem Haus angekommen. „Wenn du magst, kannst du noch bei mir zu Abend essen“, schlug Crissy vor.

Ich musterte sie und versuchte ihre wahren Absichten an ihrem Gesicht abzulesen. Doch aus irgendeinem Grund war ich in diesem Augenblick nicht besonders gut darin. Und als ob sie meine Zweifel spüren konnte ergänzte sie schnell: „Keine Sorge. Wenn ich Abendessen sage, dann meine ich auch nur Abend essen. … Unter einer Bedingung. „

„Was für eine Bedingung?“, fragte ich, mich sichtlich unwohl in der eigenen Haut fühlend.

„Du lädst mich für nächstes Wochenende ins Kino ein.

“ Sie hatte sich selbstsicher zwischen mir und dem Weg zur Straße aufgebaut.

Ich seufzte. „Und wenn nicht? Wirfst du dich auf mich, sobald wir die Wohnung betreten?“

Sie grinste schelmisch. „So ungefähr. „

Also stimmte ich zu und blieb ich zum Essen. Es gab leckeren Fisch mit Kartoffelsalat, den wir beide mit gutem Appetit verputzten, dank der sportlichen Aktivitäten früher am Tag. Und als ich ging rief mir Crissy hinterher: „Nächsten Samstag, 20 Uhr.

Wir treffen uns beim Kino. “ Ich nickte und verließ die Wohnung.

Am Montag war ich gerade damit beschäftigt, meinem Vater das Abendessen — fertige Currywurst — warm zu machen, da klingelte mein Handy. „Hallo?“

„Hey, Finn“, meldete sich meine Schwester mit seltsam traurigen Tonfall.

„Julia. Wie geht's Tante Lina?“

„Der geht es so weit gut. „

„Was ist dann los? Du klingst irgendwie… niedergeschlagen.

„Danke“, sagte Julia sarkastisch. „Naja, der Grund für den Anruf ist eigentlich, dass…“ Sie stoppte.

„Was für ein Grund?“, harkte ich nach.

„Wir kommen wahrscheinlich erst am Wochenende zurück. „

Ich war etwas vor den Kopf gestoßen. Zwei Tag zuvor meinte meine Mutter noch, dass sie wohl am Dienstag zurück sein würden. Nun sollte es noch einige Tage dauern, bis ich endlich offen mit Julia sprechen konnte.

Doch mir blieb wohl nichts anderes übrig.

Diese Woche verging schrecklich langsam. Ich verbrachte sicher einen ganzen Tag damit über die Möglichkeiten nachzudenken, wie ich Julia meine Gefühle gestehen sollte. Keine davon war in meinen Augen besonders brilliant. Darum entschied ich mich für die direkteste Lösung, die mich nicht wie einen Verrücken aussehen ließ.

Der Samstag kam und verging und je näher der Abend rückte, desto mehr fragte ich mich, wie mein „Date“ mit Crissy wohl ablaufen würde.

Ich wusste nicht genau, was mich erwartet, aber ich war mir sicher, dass Crissy alle Register ziehen würde. Es war schon irgendwie absurd, dass ich — ein maximal durchschnittlich aussehender Typ — absichtlich ein hübsches Mädchen wegstoßen wollte, nur um meiner eigenen Schwester zu gesehen, dass ich sie liebte. Und wenn es verrückt war, dann wollte ich nie wieder was anderes als genau das sein.

Wir trafen uns wie verabredet am Eingang vom Kino.

Ich kam genau pünktlich und Crissy stand bereits da. Eigentlich hatte ich mit einem fast schon aufreizenden Outfit gerechnet, doch die kleine Schwarzhaarige war mehr süß als heiß gekleidet. Fast schon wie ein Nerd. Ob sie sich mir anpassen wollte? Keine Ahnung, aber sie begrüßte mich herzlich und wir gingen hinein.

Der Film war nicht besonders gut, einfaches Popcorn Kino, wobei man sich mehr auf die Kinosnacks als den eigentlichen Film freut.

Crissy ging voraus, als wir das Gebäude verließen. „Magst du noch kurz ein oder zwei Gläser Wein kippen?“, fragte sie gerade heraus.

„Eigentlich… also… lieber nicht. „

„Warum, Finn. Du hast mir versprochen, dass du mich heute ausführst…“

„Dass ich mit dir ins Kino gehe“, korrigierte ich sie. „Mich mit dir volllaufen zu lassen war nicht Teil der Abmachung. „

Crissy setzte erneut ihren Hundeblick auf.

Und wieder funktionierte er.

Wir waren bei ihr. Zwei Gläser Wein vor uns, eine fast leere Flache daneben. Crissy und ich saßen auf dem Sofa.

„Finn, warum bist du immer so abweisend mir gegenüber?“, fragte sie, ihr Blick ernst, ihre Stimme von Alkohol angeschlagen.

Ich musste meine Gedanken sammeln. Im Normalfall trank ich keine drei gut gefüllten Gläser Wein, maximal ein paar Schlucke bei Feiern.

„Ich… Naja, ich bin halt nicht wirklich in dich verliebt. „

Sie sah mich mit verdutzen und ungläubigem Blick an. Etwas Trauer konnte ich auch erkennen. „Ok, du bist ziemlich offen… naja, wenn du meinst, dass du nicht in mich verliebt bist. Warum hast du dann überhaupt ja zu heute gesagt?“ Ich merkte, dass sie sich die Tränen etwas unterdrücken musste.

„Du hast gesagt, dass du dich auf mich stürzt, wenn ich es nicht tue.

Sie schien zu glauben, ich hätte sie vorhin veräppelt. Denn plötzlich war ihre Hand an meinem Bauch und rieb ihn, den Weg abwärts suchend. „Das Angebot steht übrigens noch“, flüsterte sie mir ins Ohr.

Mit einem Ruck stand ich auf. „Danke, aber nein Danke. Ich liebe jemand anderen und ich werde jetzt garantiert nicht irgendetwas mit dir anfangen. „

Bevor sie eine Antwort geben konnte, da war ich auch schon aus der Türe und hetzte durch das Treppenhaus zur Eingangstüre.

In dieser Nacht hatte ich einen durchaus beängstigenden Traum. Ich ging gerade von Crissy weg, da kam Julia auf mich zu. Und sie spie mir entgegen: „Du Perversling. Willst deine eigene Schwester, sogar Zwillingsschwester vögeln. „

„Ich… aber ich liebe dich…“, bekam ich stotternd heraus. Ihre Antwort darauf war ein höhnisches Lachen. Dann meldete sich Crissy, die nun hinter mir stand zu Wort: „Tja, du wirst wohl alleine sterben.

“ Sie drehte mich um, dass ich sie nun ansah. Sie stand nackt und schön vor mir. „Und das entgeht dir auch noch. “ Nun stimmten beide in einen Chor aus teuflischen Gelächter ein.

Völlig durchgeschwitzt fuhr ich hoch. Es war bereits früher Morgen, weswegen ich aufstand. Schlafen konnte und wollte ich jetzt erstmal nicht mehr. Außerdem sollte heute der große Tag sein. Bereits Samstag zu Mittag hatten sich meine Mutter und Schwester für Sonntag Nachmittag angekündigt.

Tante Linda ging es erheblich besser und so fuhren sie zurück.

Und Julia hatte bei unserem kurzen Telefongespräch darauf eingelassen nach ihrer Heimkehr eine kleine Fahrt mit mir zu machen, da ich ihr stolz verkünden konnte, dass ich einen druckfrischen Führerschein vorzuweisen hatte.

So beunruhigend der Samstag war, so voller Vorfreude war der Sonntag. Es war etwa 15 Uhr, als ein Auto in unserer Einfahrt zum Stillstand kam.

Ich hatte gerade eine Schüssel Salat vor mir, in die ich ein paar Blätter Schinken schnitt. Meine Mutter und Schwester liebten Salat, also konnte ich ihnen so auf einfache Weise eine Freude machen.

Die beiden brachten jeweils einen Koffer zur Tür rein, als ich die Salatschüssel mit Besteck versah und sie auf den Küchentisch stellte.

„Wir sind zu Hause!“, kam es von der Eingangstüre. Ich stürmte raus und auf die beiden zu.

Und ganz instinktiv schlang ich zuerst meine Arme um Julia, die sich von mir überrumpelt nur knapp auf den Beinen halten konnte.

„Was ist denn jetzt los? So hast du mich ja noch nie begrüßt“, murmelte sie, während ich sie immer noch fest an mich drückte.

„Du warst ja auch noch nie so lange weg!“, gab ich zurück.

„Sollte ich vielleicht öfter machen…“ Sie sah mich an.

Ein Grinsen formte sich auf ihrem Lippen. „Scherz!“

Ich half den beiden auszupacken. Und wie auch immer im Urlaub bildete ich mir ein, dass die beiden mit mehr Zeugs zurück kamen, als mit dem sie weggefahren sind.

Schließlich war alles verstaut und ich passte Julia in einer ruhigen Minute ab, in der Mama unseren Vater alle Details über ihre Schwester und deren Krankheit erzählte. „Also, bereit für eine kleine Spritztour mit dem Alten?“

Julia musterte mich und den Autoschlüssel, den ich in Händen hielt.

„Meinst du Mamas Wagen oder meinen Fahrer?“, fragte sie neckisch.

„Hey, noch so eine Bemerkung und es ist aus mit dem ‚Mein großer Bruder beschützt mich‘ getue. “ Nicht, dass Julia das je wirklich gesagt hatte oder Schutz von mir gebraucht hätte. Wie auch? Sie wusste sich meist besser zu wehren als ich.

„Ok, alles klar. Aber wenn du fahren willst, dann jetzt. Muss ja nicht sein, dass ich nichts sehen kann, wenn du mich durch die Gegend kutschierst.

Wir stiegen ein und fuhren drauf los. Raus aus unserer Nachbarschaft und auf eine Landstraße, die sich mehrere Kilometer um einen großen See erstreckte. Und genau dort sollte mein Plan, mein Gespräch mit Julia, nun in die Tat umgesetzt werden.

Ich hielt an einem kleinen Parkplatz, wenn man ein paar Quadratmeter Erde neben der Fahrbahn so nennen konnte, und stellte den Motor ab. Direkt neben Julias Beifahrertüre führte ein kleiner Waldweg die paar Meter zum See hinab.

„Erinnerst du dich noch, als wir hier als Kinder ein paar Mal waren?“, fragte ich, den Blick auf das klar blaue Seewasser gerichtet, während ich in den Erinnerungen schwelgend.

Julia sah ebenfalls zum See. „Klar erinnere ich mich daran. Damals war alles… irgendwie einfacher. “ Sie ließ einen kurzen Seufzer loß und blickte unglücklich auf ihre Hände, die sie in ihren Schoß hatte fallen lassen. Ich kam nicht darum hin zu bemerken, dass ihre Hände ohne den Nagellack, den sie in letzter Zeit häufiger trug, auch wirklich nett anzusehen waren.

„Wie meinst du denn ‚einfacher‘?“, fragte ich.

„Einfacher eben. Damals hab ich noch gewusst, was ich gefühlt habe. „

„Und jetzt sind deine Gefühle unklar?“ Ich wurde neugierig.

„Mehr oder weniger“, gab sie zu und sah mich immer noch nicht an. „Ach weißt du was, ist doch egal. „

Ich legte meine Hand auf ihre Hand.

Einen so… beinahe intimen Moment hatten wir schon eine ganze Ewigkeit nicht mehr. „Nö, jetzt hast du mich neugierig gemacht. Sag schon, wie sind deine Gefühle unklar?“

Jetzt sah sie mich an. In ihren Augen konnte ich erkennen, dass sie sich den nächsten Satz mehr als zweimal überlegte. Dann holte sie tief Luft. „Kennst du das… wenn du Gefühle hast… die nicht wirklich gut für dich sind?“

„Gut?“

„Naja, gut im Sinne von richtig.

In Ordnung. Gefühle, die du besser nicht haben solltest. „

Oh, ich konnte ein Lied davon singen. „Ähm… ja. Ja, das kenn ich. „

Julia zog eine Augenbraue hoch. „Du kennst das? Was heißt, du kennst es? Was hast du den für Gefühle, die falsch sind?“ Ich hörte einen Anflug von Wut aus ihrer Stimme, als ob sie glaubte, dass ich sie auf den Arm nehmen wollte oder übertrieb.

„Seit einiger Zeit habe ich Gefühle, von denen ich weiß, dass sie eigentlich schlecht für mich sind. „

Jetzt war Julia an meinen Worten interessiert. „Was sind das denn für Gefühle?“

Was sollte ich denn sagen? Ich wusste genau, dass sie eine Lüge durchschauen würde. Doch mit der Wahrheit konnte ich nicht heraus. Nicht einfach so — darum versuchte ich das Thema über ein paar Ecken anzuschneiden.

„Es ist… ok, es ist Liebe. Ich habe mich verliebt, aber ich glaube nicht, dass ich zurück geliebt werde. Deshalb sind diese Gefühle nicht gut für mich. „

Julia sah mich überrascht an. „Du hast dich verliebt? Wann denn?“

„Vor etwa einem Jahr. „

„Und in wen?“

Genau das war der Knackpunkt. „In jemand, der nicht dafür gedacht ist, sich in ihn zu verlieben.

“ Ich konnte nicht mehr viel weiter ausweichen. Außerdem wollte ich schließlich, dass Julia ehe wir wieder nach Hause kamen zumindest eine Ahnung von meiner Liebe zu ihr hatte.
„Was heißt denn das schon wieder? Hast du dich in eine Nonne verliebt. „

„Schlimmer… in eine Person, die mir wirklich nahe steht. Ich meine sehr nahe!“

Julia sah mich an, ihr Gesichtsausdruck sehr seltsam und für mich unlesbar.

Jetzt musste ich es versuchen. Alles oder nichts.

„Ich habe mich in das schönste und nettest Mädchen verliebt, das ich kenne. … In dich!“

Plötzlich bekam ich es etwas mit der Angst zu tun. Ich startete das Auto und fuhr weiter.

Während der restlichen Autofahrt sah ich Julia nicht an. Ob sie mich ansah, das weiß ich nicht. Und wir sprachen in den restlichen Minuten auch nicht mehr miteinander.

Erst, als ich in unsere Einfahrt bog, da warf mir Julia ein kurzes „Gute Nacht!“ hin und verschwand so schnell wie ein Blitz im Haus. Ich stellte das Auto ab und gab die Schlüssel zurück.

Es war später Abend, als ich wieder etwas von meiner Schwester hörte. Es war ein zaghaftes, kaum hörbares Klopfen an meiner Tür, hinter welcher ich mir die größten Sorgen gemacht hatte, wie ich das Verhältnis zu Julia wieder in normale Bahnen lenken konnte.

„Herein“, murmelte ich in meine vorm Gesicht gefalteten Hände.

Meine Schwester trat ein und setzte sich auf das Bett neben mich, jedoch genau ans andere Ende. Ich sah sie an, sie sah mich an. Keiner von uns sagte etwas — für einige Minuten.

Ich hatte mir gerade einen guten Gesprächsstart zurecht gelegt, da platzte sie hervor: „Finn, was du da im Auto gesagt hast… Hast du da mit verliebt wirklich verliebt gemeint? Oder einfach nur, dass du mich anziehend findest?“

Wie so oft überrumpelte sie mich damit.

Doch meine Antwort auf diese Frage stand außer Zweifel. „Ich meinte wirklich verliebt. „

Julia holte Luft, um weiter zu sprechen, doch ich schnitt ihr das Wort ab. „Ja, ich weiß, dass das absolut verrückt ist. Das brauchst du mir nicht zu sagen. Aber mal ehrlich; wundert es dich? Seit ich denken kann waren wir immer so nah wie keine anderen Geschwister, die ich kenne. Irgendwann musste das ja mal passieren.

Ich kann nichts dafür. Und wenn du nichts mehr mit mir zu tun haben willst, musst du es nur sagen. Das muss ich dann wohl oder übel respektieren und ich werde dir nie wieder damit auf den Wecker gehen. Aber ich habe mich in dich verliebt und du solltest es wenigstens einmal gehört haben. Nur tu mir bitte nicht an, dass du mich ab jetzt ignorierst. „

Julia hörte aufmerksam zu.

Dabei bildete sich mehr und mehr ein Lächeln auf ihren wunderbaren Lippen. Als ich ausgesprochen hatte, gab sie mir einen dieser tiefen Blicke, in denen ich mich so häufig verlor. Dann rückte sie näher an mich heran und sprach mit leiser Stimme: „Ich versteh dich, Finn. Aber du musst dir keine Sorgen machen, dass ich mich jetzt von dir distanziere. “ Sie legte ihre Hände um meinen Oberkörper und umarmte mich, als sie in meine Halsbeuge weiter sprach.

„Um ehrlich zu sein, wünsche ich mir eher das Gegenteil. „

Ich löste mich aus der Umarmung und sah sie mit großen Augen an. Sie hatte nicht gerade das impliziert, was ich dachte, oder?

Doch sie lächelte. „Wie du gesagt hast, ich glaube bei uns war es unvermeidbar. „

Und damit lehnte sie sich nach vorne und gab mir einen Kuss. Genau auf den Mund.

Ich glaubte für eine Sekunde, die Welt würde um mich herum zusammenbrechen, so schüttelte es mich. Julia merkte das wohl auch und beendete den Lippenkontakt schnell wieder.

„Alles ok?“, fragte sie. In ihrem Blick lag Sorge um mich.

„Nein. Keine Angst. Aber du hast keine Ahnung wie lange ich von dem Moment geträumt habe. Ich glaube, ich kann es immer noch nicht fassen, was gerade passiert ist.

Sie lächelte mich an und näherte sich dann wieder. Diesmal verschlangen wir einander regelrecht mit dem Mund. Ich hatte schon zwei Mädchen auf Feiern küssen dürfen, aber wo sonst bei einem kurzen Lippenkontakt Schluss war, begann diesmal erst der wahre Kuss.

Julias Zunge und meine fanden sich und spielten miteinander. Eine ganze Zeit lang. Und es war mir in diesen herrlichen Minuten vollkommen egal, dass ich meine Schwester wie ein Liebhaber küsste.

Es fühlte sich nicht falsch an oder verboten. Es fühlte sich an, als wäre das die einzig richtige Sache, die ich je getan hätte.

Doch auch das Schönste aller Gefühle muss einmal zu Ende gehen und so lösten wir uns schließlich zaghaft voneinander.

Ich atmete heftig, als Folge des Kusses und meines Asthmas. Doch auch Julia hechelte ein wenig. Liebevoll streichelte ich mit meinem Handrücken über ihre Wange.

„Das war absolut fantastisch“, flüsterte ich ihr zu. Alles, was sie zustande brachte, war ein leichtes Nicken.

Ihre Hände, die bis dato um meinen Oberkörper geschlungen waren, begaben sich nun auf eine Reise meinen Körper hinab. Meine Hände taten das selbe und als ich ihre von keinem BH umfassten Brüste unter meinen Ballen zu spüren bekam, erschauderte ich vor Glück. Trotz des schützenden Stoffes ihres Nachtgewandes wusste ich, dass sich das darunter befindende Fleisch zart und schön sein musste.

Mit einem schnellen Handgriff fuhr ich mit der rechten Hand unter ihr Hemd und hatte nun direkten Hautkontakt zu ihrem linken Busen. Nun erschauderte sie und endete ihr wohliges Zittern mit einem erneuten, aber diesmal nur sehr sanften Kuss.

Als ich bereits vom Streicheln ihrer Brust zu sanftem kneten übergegangen war, erreichte ihre Hand meinen Schritt. Natürlich hatte sich hier bereits einiges getan und als ihre Handfläche über meine vom Stoff noch zurückgehaltene Erektion glitt, da hechelte ich ihr ins Ohr.

„Ich würde so gerne mit dir schlafen“, murmelte ich wie in Trance, alle Konsequenzen meiner Wörter völlig in den Hintergrund geschoben.

„Schön…“, war Julias einzige Antwort.

Doch plötzlich wich sie merklich zurück. Ich tat es ihr gleich. „Was ist denn?“, wollte ich wissen?

Julia druckste etwas herum, doch schließlich rückte sie mit der Sprache raus. „Naja, ich hatte bis jetzt noch keinen Sex…“

„Ich doch auch nicht“, versuchte ich sie zu beruhigen.

„Glaubst du, dass ich dir weh tun werde? Ich schwöre, dass ich das nie tun würde — schon gar nicht absichtlich!“

Meine Schwester schüttelte den Kopf. „Darum geht's nicht. Ich hab keine Kondome und die Pille nehme ich ja auch nicht. Also… wie verhüten wir?“

Daran hatte ich absolut nicht gedacht.

Es dauerte ein paar Minuten, bis wir zu einer passenden Lösung gekommen waren.

Julia würde möglichst bald zum Frauenarzt gehen und sich die Pille besorgen.

„Ok“, meinte ich nur, aber eindeutig ziemlich enttäuscht, dass wir noch einige Zeit lang warten mussten.

Julia umarmte mich. „Glaub mir, es wird sich lohnen! Ich weiß es-„

„Woher ‚weißt‘ du das? Du hattest doch noch nicht?“

„Ich weiß es…“, sie sah mir tief in die Augen. „… weil ich weiß, dass es am schönsten ist, wenn man mit demjenigen Sex hat, den man liebt.

Und mit einem langen Kuss auf die Lippen verabschiedete sie sich und huschte schnell aus meinem Zimmer.

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