Beautiful Loser

Telefonsex mit ECHTEN Frauen: Zusätzlich mit Kamera Funktion möglich!

Mitten in seinem Traum schrillte plötzlich etwas. Eine Sirene. Nein, ein Telefon.

Leck mich doch am Arsch.

Er träumte, dass er das ätzende Gerät packte, es ins Klo schmiss und runterspülte. Was in Träumen nicht alles möglich war.

Tatsächlich hörte das nervtötende Geräusch auf, dafür setzte ein noch lauteres Hämmern ein, das ihn endgültig aus dem Schlaf holte.

Was zur Hölle …?

„Foster!“, hörte er eine wütende Männerstimme.

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„Machen Sie verdammt noch mal auf! Ich weiß, dass Sie da sind, Sie verfluchter Mietnomade!“

Verschlafen grunzte er einen Fluch. Da war jemand an der Tür. Dann hätte er das Telefon gar nicht wegspülen müssen. Die verdammte Türklingel hatte ihn geweckt.

„FOSTER! ICH HOL DIE POLIZEI, WENN SIE NICHT SOFORT AUFMACHEN!“

Alter, du kannst mich mal …

Stöhnend wälzte er sich herum, wunderte sich noch, dass er nichts mehr unter sich spürte und landete in der nächsten Sekunde polternd auf dem Boden, eine umgekippte Wodkaflasche in den Rippen.

„Ah! So eine Drecksscheiße, verfickte!“

Er öffnete ein verquollenes Auge und stellte fest, dass er mal wieder auf dem Sofa eingepennt war. Kein Wunder, dass er völlig kreuzlahm war.

„FOOOSTEERRR!“

„Ja, verdammt!“, brüllte er heiser zurück, die Stimmbänder rau von Alkohol und Zigarettenqualm.

Schwankend kam er auf die Füße, kickte dabei unabsichtlich leere Bierflaschen und Kippen zur Seite.

Benommen schlurfte er aus dem miefenden Zimmer in den kleinen Flur. Die dünne Wohnungstür erzitterte durch das Gehämmer.

„Ach du heilige Scheiße“, murmelte er und fuhr sich mit der Hand über das unrasierte Gesicht. Er konnte kaum klar denken und musste sich mit so einem Arsch herumschlagen. Gerade als die Tür sich unter einem Faustschlag bereits nach innen zu wölben schien, drückte er die Klinke herunter.

Im Hausflur stand mit bedrohlich geschwollener Halsschlagader, die Rechte noch zum nächsten Schlag erhoben, Claus Lancaster, sein Vermieter.

Und ein Stück hinter ihm zwei junge Mädchen, die sein verkatertes Hirn nicht einordnen wollte. Was hatten die denn hier verloren? Und wieso fiel ihm gerade jetzt auf, dass er in Jeans und Unterhemd im Türrahmen lehnte und obendrein aus sämtlichen Poren nach Schweiß und Alkohol stank, weil er seit vorgestern Abend nicht geduscht hatte?

Ach, scheiß drauf.

„Was soll 'n der Terror am frühen Morgen, Mann?“

„Auch noch frech werden!“, schnauzte Lancaster, schon ganz außer Atem vom Schreien.

„Seit Monaten hab ich mich von Ihnen hinhalten lassen, Sie elender Sozialschmarotzer! Seit Mo-na-ten! Denken nicht dran, sich Arbeit zu suchen, hängen den ganzen Tag nur in der Kneipe oder pennen und lassen die Wohnung vergammeln! Aber jetzt reicht 's, ich bin lang genug Menschenfreund gewesen. Entweder, Sie legen mir bis Ende der Woche die Miete auf den Tisch oder Sie landen auf der Straße!“

„Bis Ende der Woche?“, fragte er und kratzte sich am Kopf.

„Was is‘ 'n heute noch mal für 'n Tag?“

„Montag“, sagte sein Vermieter eisig. „Und um Ihrem versoffenen Hirn noch ein bisschen auf die Sprünge zu helfen: Mit Ende der Woche meine ich Freitag. Das heißt, Sie haben exakt dreieinhalb Tage Zeit, Ihre Schulden zu begleichen!“

„Wieso dreieinhalb?“, wollte er irritiert wissen und warf der grinsenden Wasserstoffblondine, die hinter Lancaster betont lässig am Treppengeländer lehnte, einen ärgerlichen Blick zu.

„Was gibt's da zu lachen, hm?“

„Der Montag ist schon zur Hälfte vorbei, Sie Penner! Also sehen Sie zu, dass Sie das Geld zusammenkriegen, wenn Sie nicht mitsamt Ihrem ganzen Krempel auf der nächsten Müllkippe landen wollen!“

„Bleiben Sie mal auf'm Teppich, ja?“ Erst jetzt wurde ihm langsam klar, was Lancaster da von ihm verlangte. „Moment mal — ich soll bis Freitag was?“

„Ihre verdammten Schulden bezahlen!“ Das Gesicht des Alten nahm allmählich einen wirklich ungesunden Farbton an.

„Alter, das sind doch … “ Wie lange hatte er jetzt nichts bezahlt — Mai, Juni …

„Neunhundert Pfund!“ Lancaster betonte jede Silbe einzeln. „Für drei Monate, die ich diesen Firlefanz hier schon mitmache. Neunhundert Irische Pfund — schreiben Sie sich das am besten gleich auf, falls Sie das überhaupt können. „

„Neunhundert, Mann! In drei Tagen? Wollen Sie mich verarschen?“

„Dreieinhalb Tage“, stellte sein Vermieter mit einem süffisanten Lächeln richtig.

„Das sollte doch locker zu schaffen sein, wenn Sie Ihr Geld in der Zeit nicht versaufen, oder, Foster?“ Damit drehte er sich zu den Mädchen um und marschierte zur Treppe. „Kommt, Kinder, wir haben hier genug Zeit verschwendet. „

Die aufgedonnerte Blonde mit den bescheuert hochtoupierten Haaren löste sich mit einer lasziven Bewegung vom Geländer und ließ mit einem breiten Grinsen ihren Blick an ihm hoch- und wieder heruntergleiten, bevor sie hinter dem Alten die Treppe herunter stakste.

Die andere, ungeschminkte, deren braune schulterlange Locken zu einem einfachen Pferdeschwanz gebunden waren, folgte ihr zögernd. Ihr Blick kreuzte einen Moment lang seinen, war aber zu seiner Überraschung nicht im Geringsten herablassend oder gehässig. Eher … mitfühlend. Fast, als würden ihre Augen ihn um Entschuldigung bitten für den Auftritt von Lancaster.

Verdammt, er wollte kein Mitleid!

Als das Mädchen die Treppe herunter verschwunden war, stürmte er aus der Wohnung und beugte sich übers Geländer.

„Neunhundert Pfund?“, brüllte er nach unten. „Haben sie dir ins Hirn geschissen, du blöder Wichser? Für das Scheißloch ist jeder Penny zu viel!“

Als Antwort fiel krachend die Haustür ins Schloss.

Mickey starrte noch eine Weile sinnlos Löcher in die Luft, dann stieß er sich vom Geländer ab und schlurfte zurück in seine Wohnung.

Dreieinhalb Tage. Das dämliche Arschloch konnte ihn mal.

Er schnüffelte an seiner Achsel. Verdammt, er stank wirklich. Also, erst mal zur Abwechslung unter die Dusche und dann… noch 'ne Runde pennen.

***

„Musstest du uns unbedingt hierhin mitnehmen, Dad?“, fragte Meryl im Auto. „Dieser Typ ist ja wohl das Allerletzte. „

„Genau deshalb wollte ich, dass ihr hier mit reinkommt“, erwiderte Lancaster und fuhr so zügig der Verkehr es zuließ, um aus dem verlotterten Dubliner Vorort wieder herauszukommen.

„Solche Kerle sind genau das, was junge Menschen wie ihr als abschreckendes Beispiel benötigt. Damit ihr bloß nicht auch mal so endet. „

Luca verdrehte auf dem Rücksitz bloß die Augen. Und wir haben mal wieder erlebt, wie schön du dich zum Affen machen kannst, dachte sie. Ein ganzes Haus zusammenschreien und jemandem fast die Tür einschlagen, was für ein seriöser, respekteinflößender Vermieter du doch bist.

Ihr Vater warf ihr im Rückspiegel einen scharfen Blick zu.

„Na, du sagst ja gar nichts. Du würdest diesen Vollidioten noch in Schutz nehmen, was?“

Meryl kicherte. „Wahrscheinlich steht sie auf den ekligen Penner. „

Die junge Frau schüttelte nur den Kopf und schaute aus dem Fenster. „Wer Frank Zappa hört, kann kein Vollidiot sein“, sagte sie leise.

Lancaster drehte sich halb zu ihr um. „Was?“

„Nichts. „

Sie hätte Vater und Schwester gern die Meinung gesagt, wäre vielleicht sogar laut geworden, aber sie wusste nur zu gut, dass das zu nichts führte.

Früher hatte sie es manchmal versucht, meistens dann, wenn sie voraus sah, dass etwas, was die beiden vorhatten, schief gehen würde. Weder ihr Vater noch ihre jüngere Schwester hatten jemals auf sie gehört, waren im Nachhinein aber auch nicht bereit, zuzugeben, wenn sie Recht gehabt hatte — was meistens der Fall war. Schließlich war Luca dazu übergegangen, nichts mehr zu sagen und gnadenlos zu blockieren, wenn jemand sich bei ihr ausheulen wollte. Mittlerweile wehrte sie sich auch nicht mehr gegen die Schadenfreude, sie genoss sie manchmal sogar regelrecht.

Dafür nahm sie auch mehr oder minder gleichgültig in Kauf, wenn ihr Vater sie als kaltherzig beschimpfte. Sie war ja nur noch zu Besuch zu Hause, da brauchte ihr die Meinung ihrer Familie nicht so wichtig zu sein.

„Seid so gut und zeigt euch gleich von eurer besten Seite“, sagte Lancaster, während er einen gehetzten Blick auf die Uhr warf und noch weiter beschleunigte. „Das Ganze ist zwar überwiegend ein lockeres Grillfest, aber es sind durchaus wichtige Leute dabei.

Meryl zupfte an ihren gebleichten Haaren herum. „Das sagst du jetzt zum hundertsten Mal“, maulte sie. „Weiß überhaupt nicht, was ich da soll. Sind doch eh nur alte Leute da. „

Er will mit uns angeben, was glaubst du denn, dachte Luca. Schaut mal, was ich für tolle Töchter habe. Die Große studiert und mein kleiner Engel wird bald einen hervorragenden Schulabschluss hinlegen. Zum Kotzen.

Laut sagte sie: „Wenn du nicht den Abstecher zu diesem armen Teufel gemacht hättest, müsstest du jetzt nicht so rasen.

“ Aber du wolltest ja unbedingt den starken Mann markieren.

„Armer Teufel! Sag ich doch, sie steht auf den Typen, wetten?“, triumphierte Meryl.

„Oh, haltet den Mund, Mädchen“, stöhnte Lancaster und hieb frustriert aufs Lenkrad, als sich ein Lastwagen vor ihm einfädelte und ihn zum scharfen Bremsen zwang.

„Gerne“, murmelte Luca, aber so, dass es keiner hörte. Ihre Gedanken kehrten zurück zu Mr Foster.

Sie hätte gern gewusst, was in ihm vorging. Ein ganz und gar schlechter Kerl war er mit Sicherheit nicht. Von ihrer Position im Treppenhaus hatte sie die Poster in seinem Flur gesehen. Zappa, Pink Floyd, Guns ‚N‘ Roses. Und sie meinte, durch die offene Wohnzimmertür auch eine Gitarre an der Wand gesehen zu haben. Wer sich mit Musik beschäftigte, konnte nicht völlig dumm sein. Aber diese Meinung behielt sie besser für sich.

***

Gegen Abend wurde Mickey allmählich lebendig.

Er legte eine Scheibe von Black Sabbath auf und versuchte danach mal wieder ein paar Takte auf der Klampfe. Das erinnerte ihn an bessere Zeiten, wodurch seine Stimmung rapide absackte, weil er bis auf weiteres nichts besonders Gutes in seiner Zukunft sah. Und wie immer, wenn er miese Laune hatte, fiel ihm die Decke auf den Kopf. Beim Abschließen der Wohnungstür überlegte er sich, wo er am besten hingehen konnte. Im „Miller's“ hatte er endgültig verschissen, beim „Luna“ konnte er sich auch bald nicht mehr blicken lassen… Bob.

Bob ließ ihn bestimmt noch anschreiben.

Pfeifend polterte er die Treppe hinunter. Ein paar Drinks in Aussicht hoben seine Stimmung augenblicklich.

Nur wenige Leute waren im Pub, wie üblich. Bei Bob verkehrten eigentlich nur Stammkunden, man kannte sich also. Hatte eher weniger Vorteile.

„MICKEY MOUSE!“, grölte Bert, kaum dass er zur Tür rein war.

„Hey Bert, wo hast du Ernie gelassen?“, gab er trocken zurück, als er über den klebrigen Fußboden auf seinen Stammhocker an der Theke zusteuerte.

Immer die gleichen öden Sprüche. Er kam sich schon vor wie in der hundertsten Wiederholung von 'nem verdammten Film.

Der dicke Glatzkopf und seine Kumpel lachten heiser. „Immer witzig, unser Kleiner. Ey, willste heute nich‘ mal 'ne Runde schmeißen?“

Sean mit dem ungesunden Husten stieß Bert den Ellenbogen in die Seite. „Nu sei nicht so fies zu ihm. Er hat doch kein Geld. „

Der letzte Satz triefte nur so vor gespieltem Mitleid.

Mickey ging das dämliche Gelaber am Arsch vorbei. Hauptsache, er bekam hier was zu trinken.

Endlich bequemte sich mal jemand aus der Küche. Der Service wurde auch immer lausiger. Bob musste der Kleinen demnächst dringend in den Arsch treten…

„Guten Abend, was darf 's sein … oh. „

Er sah ihr ins Gesicht und hob überrascht die Augenbrauen. „Ach nee.

Sie lächelte etwas verlegen. „Hallo, Mr Foster. „

Mr Foster„, kommentierte einer von Berts Tisch verächtlich. „Fehlt noch, dass sie ihn „Sir“ nennt. „

Mickey verzog die Lippen zu einem schiefen Grinsen. „Soso, der alte Lancaster hat 's also mit Bardamen. Dachte eigentlich, er mag 's etwas stilvoller. „

Das Mädchen mit den braunen Haaren, die sie jetzt hochgesteckt trug, starrte ihn ein paar Sekunden mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an, bevor sie kühl zurück lächelte.

„Interessant, dass Sie sich mit den Gewohnheiten meines Vaters auskennen. Ich hatte heute früh nicht den Eindruck, Sie würden ein besonderes Faible für ihn hegen. „

Hatte er sich jetzt verhört? Er schüttelte den Kopf. „Was war das eben? Va-?“

„Vater, genau“, nickte sie mit einem sonderbar harten Funkeln in den Augen.

Er strich sich die zerzausten dunklen Haare aus der Stirn und stöhnte.

Das hatte ihm noch gefehlt.

„Na großartig“, knurrte er, ohne sie anzusehen. „Dann geh ich mal wieder. „

Er war schon halb von seinem Stuhl herunter gerutscht, als sie mit fast versöhnlichem Ton sagte: „Jetzt warten Sie doch. „

Mickey wandte ihr den Kopf zu. Diesmal wirkte ihr Lächeln schon freundlicher.

„Was?“, fragte er finster. „Ich wollte nur in Ruhe was trinken und diesen Scheißtag vergessen.

Da kann ich 's nicht brauchen, dass mir Lancasters Bagage auf den Wecker geht. „

Eigentlich hatte er damit gerechnet, das Mädchen erfolgreich beleidigt zu haben, aber komischerweise wirkte sie eher belustigt.

„Sie sind albern, wissen Sie das?“, sagte sie ein bisschen spöttisch. „Ich hab doch nichts mit den Angelegenheiten meines Vaters zu tun. Von mir aus können Sie gerne hier sitzen und Ihr Geld vertrinken, mir soll 's recht sein.

Dann verdient Bob wenigstens an Ihnen. „

„Das mach mir mal vor, Mädchen, wie du an einem verdienen willst, der nix hat“, mischte Bert sich höhnisch ein.

Mickey zeigte ihm nur wortlos den Stinkefinger und wandte sich zum Gehen.

„Anscheinend sind Sie doch bescheuerter als ich geglaubt habe“, hörte er das Mädchen hinter sich murmeln. Er marschierte stur in Richtung Tür, dann aber, er wusste selbst nicht warum, blieb er noch mal stehen und warf einen Blick über die Schulter.

Lancasters Tochter hatte ihm anscheinend bis eben nachgeschaut, aber jetzt wandte sie sich betont gleichgültig ab und begann, Gläser zu polieren.

Einen Moment zögerte Mickey noch, dann hatte er sich entschieden.

„Zumindest für ein Bier würd Sue mich noch anschreiben lassen“, sagte er, als er wieder an der Theke saß.

Das Mädchen schmunzelte und griff nach einem Glas. „Dann werde ich Sue mal würdig vertreten.

„Wo steckt die Kleine überhaupt?“, wollte er wissen, nachdem er mit dem ersten Schluck das halbe Glas geleert hatte. „Gekündigt oder wie?“

„Unsinn. Keine Sorge, ich bin nur ihre Urlaubsvertretung. In einer Woche ist hier alles wieder beim Alten, dann können Sie sich betrinken, ohne bei meinem Anblick an Ihren Vermieter erinnert zu werden. „

„In einer Woche sauf ich Reste aus Flaschen, die andere in den Müll geschmissen haben“, erwiderte Mickey grimmig.

„Weil sie dann obdachlos sind, meinen Sie?“ Sie zog leicht missbilligend die Augenbrauen hoch. „Sehen Sie wirklich keine Möglichkeit, die Sache in Ordnung zu bringen oder haben Sie schlicht resigniert?“

Er warf ihr über den Rand des Bierglases einen schiefen Blick zu. „Hast du nicht eben gesagt, du hältst dich aus solchen Angelegenheiten raus?“

Sie zuckte die Achseln und wandte sich ab. „Schon gut, hab verstanden.

Etwas verblüfft sah er zu, wie sie in der Küche verschwand um kurz darauf mit einem Tablett sauberer Gläser zurückzukehren. Während sie die Gläser ins Regal räumte, versuchte er aus ihr schlau zu werden. Sie hatte eben nicht im geringsten zickig geklungen, sondern völlig neutral. Er war es nicht gewöhnt, dass Frauen eine klare Ansage ohne Groll und Widerspruch akzeptierten. Aufmerksam beobachtete er die geschäftigen Bewegungen ihrer Arme und ihres schmalen Rückens, aber auch in ihrer Körperhaltung war kein versteckter Ärger auszumachen.

Trotzdem, irgendwie konnte er das nicht so richtig glauben.

„Hey, bist du jetzt beleidigt?“

Mit einer Mischung aus Erstaunen und Belustigung warf sie ihm einen Blick über die Schulter zu.

„Ha? Wieso sollte ich?“

„Hm… Weil du nicht mehr mit mir redest?“ Herrgott, das klang so bescheuert, als hätte er schon komplett einen in der Krone. Aber sie lachte ihn nicht aus, sie lächelte nur.

„Ich dachte, Sie wollen sich nicht unterhalten. „

„Na ja, nicht darüber. „

Das Mädchen hatte wirklich ein nettes Lächeln. Ehrlich und warmherzig.

„Noch mal das Gleiche“, rief Bert zu ihr herüber und sie antwortete: „Sofort. „

Als sie dem alten Widerling und seinen Freunden das Gewünschte an den Tisch brachte, grinsten sie anzüglich. Mickey fiel auf, dass er ihr mit den Blicken gefolgt war und wandte sich schnell wieder dem Bierrest in seinem Glas zu.

„Hör mal, an deiner Stelle würd ich mich von dem ja nich anmachen lassen“, sagte Sean zu dem Mädchen.

„Genau. Ich wüsst da wen Besseres, an den du dich halten könntest…“

Völlig unvermutet und für ihn selbst fast erschreckend hatte Mickey größte Lust, zu Berts Tisch rüberzugehen und jedem Einzelnen von denen die Fresse zu polieren. Was bildeten die sich ein, dieses Mädchen blöd anzuquatschen!

Und was war mit ihm los, verdammt noch mal?, fragte er sich im gleichen Augenblick und brachte sich damit wieder zur Vernunft.

Was hatte es ihn zu interessieren, wenn 'ne Bedienung dumme Sprüche kassierte?

Zumal sie sich davon ohnehin nicht irritieren ließ, sie überging die Männer einfach.

„Sagen Sie Bescheid, wenn Sie zahlen möchten“, sagte sie bloß, höflich, aber kühl.

Kurz darauf war sie wieder hinter der Theke und bückte sich zur Musikanlage, um sie ein klein wenig lauter zu stellen. Nicht so laut, dass das Gedudel störte, aber laut genug, dass man nicht mehr zwangsläufig jedes Wort verstand, was am Nebentisch gesprochen wurde.

Mickey räusperte sich etwas verlegen. „Könnte ich vielleicht doch noch eins bekommen?“

Sie nickte nur und füllte sein Glas aufs Neue.

„Wieso“, stellte er endlich die Frage, die ihm schon die ganze Zeit im Kopf herumging, „hast du es eigentlich nötig, so eine miese Arbeit zu machen?“

Ihre Augen funkelten spöttisch. „Sie meinen, warum ich mich nicht auf der Kohle meines Vaters ausruhe? Ganz einfach.

Sollte ich einmal Kinder haben, möchte ich ihnen erzählen können, dass ihre Mutter sich ihr Studium selbst finanziert hat. Und nicht im gemachten Nest hocken geblieben ist, wie es meine Schwester wahrscheinlich tun wird. „

Beim letzten Satz — bei dem Mickey fast das Gefühl hatte, er sei gar nicht an ihn gerichtet gewesen — war der harte Ausdruck wieder in ihr Gesicht getreten. Es war unschwer zu erraten, dass das Mädchen mit seiner Familie nicht besonders glücklich war.

„Deine Schwester, ist das diese blondierte Ziege, die heut morgen mit dabei war?“

Ein Grinsen huschte über ihr Gesicht und vertrieb die Härte daraus. „Genau die. „

„Daddys Liebling, hm?“

„Sie haben's erfasst. „

Mickey schüttelte den Kopf. „Aber du kannst mir nicht erzählen, dass dein Alter nicht mit dir angibt. Immerhin studierst du ja. „

Ihr Blick verriet ihm, dass sie die ironische Betonung sehr wohl mitbekommen hatte, aber sie ging nicht darauf ein.

„Mag sein. Aber Tiermedizin war es eigentlich nicht, was er sich für mich vorgestellt hat. Humanmedizin hätte er besser gefunden. Die Vorstellung, dass seine Tochter bei einem Rind Geburtshilfe leistet, passt nicht so in sein Weltbild. „

In Mickeys auch nicht wirklich. Stirnrunzelnd musterte er das zierliche Mädchen, versuchte sie sich mitten in der Nacht in einem kalten Stall vorzustellen, blutüberströmt, die Arme bis zu den Schultern in einer vor Schmerzen brüllenden Kuh versenkt.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn fragend an. „Was?“

„Nichts“, brummte er und senkte den Blick wieder in sein Glas, dessen Flüssigkeitspegel schon wieder fast bei Null lag. „Hab nur grad überlegt, ob Lehrerin nicht der bessere Job für dich wäre. „

Jetzt lachte sie laut auf, aber es war kein albernes Gegacker, sondern eine Äußerung ehrlicher Heiterkeit.

„Um Gottes Willen!“

„Na ja“, meinte er, „vielleicht doch nicht.

Dafür bist du wahrscheinlich zu nett. „

Erst nachdem er diesen Satz ausgesprochen hatte, fiel ihm auf, dass er wie ein Kompliment klang, nein, schlimmer, wie eine Anmache. Noch dazu wie eine verdammt unbeholfene.

Sie aber warf nur einen Blick auf sein Glas. „Sagen Sie doch gleich, dass Sie noch ein Bier wollen. „

***

Die Stunden vergingen schnell. Irgendwann verschwanden der glatzköpfige alte Sack und seine Freunde, nachdem sie noch ein paar Mal versucht hatten, Mr Foster hochzunehmen und Luca mit Anzüglichkeiten in Verlegenheit zu bringen.

Beides erfolglos. Als es ihnen zu langweilig wurde, gingen sie also. Mr Foster blieb.

Luca ließ ihn trinken, wobei sie mit einer Mischung aus Erstaunen und Erschütterung feststellte, wie viel er vertragen konnte, ohne dass ihm auch nur das Geringste anzumerken war. Er soff wie ein verdammtes Loch, ohne dass seine grünen Augen sich trübten oder seine Sprechweise unsicher wurde. Mr Foster war ein lupenreiner Alkoholiker — oder wenigstens auf dem allerbesten Weg dahin.

Diese Erkenntnis änderte nichts daran, dass sie ihn mochte. Er war ein kantiger Typ, alles andere als umgänglich, aber dabei kein schlechter Kerl. Wenn ihr Gespräch irgendein Thema streifte, das ihm nicht behagte — und davon schien es jede Menge zu geben — knurrte er, aber es kostete Luca keine Mühe, ihn wieder zu besänftigen. Sie ließ ihn in Ruhe, wenn es angebracht war, und bohrte nicht weiter. Offenbar überraschte ihn das, aber es schien ihm sehr zu gefallen.

Sie blieb dabei, ihn Mr Foster zu nennen, obwohl sie gehört hatte, dass die anderen Männer ihn Mickey riefen. Das kam für sie nicht in Frage, obwohl er sie duzte. Sie selbst fühlte sich mit knapp zwanzig immer noch nicht erwachsen, aber er — gut, er war vielleicht zehn Jahre älter als sie, höchstens — kam ihr mit seinen Erfahrungen und Problemen so vor, als gehörte er zu einer anderen Generation.

Als zur Abwechslung ein schon etwas älterer Song aus der Anlage erklang, setzte er plötzlich sein Glas ab (von Bier war er längst zu Whiskey übergegangen) und hob den Kopf. Sein Blick kehrte sich irgendwie nach innen, er lauschte aufmerksam und nach den ersten beiden Textzeilen fiel er leise mit ein.

„Hey little schoolgirl, won't you come home with me? We'll drink some coca-cola and watch my colour TV … „

Er brach ab und hörte weiter zu, den Blick ins Leere gerichtet.

„Fuck“, sagte er schließlich halblaut, immer noch mehr zu sich selbst. „Das haben wir oft gespielt. Aber an Angry Andersons Stimme bin ich nie rangekommen. „

Dass er bis vor einiger Zeit in einer Band gespielt hatte, war bereits kurz zur Sprache gekommen, aber bisher hatte Luca eher den Eindruck gehabt, dieses Thema gehörte zu den für ihn unangenehmen.

„Ich mag Rose Tattoo“, sagte sie behutsam.

„Das Stück ist von ihrem ersten Album, oder?“

Er nickte langsam. „Mhm. „Stuck On You“, heißt die Nummer. Mann, 1978 — das ist schon beschissene acht Jahre her. „

„Das hier ist eigentlich sogar eins meiner Lieblingsstücke von den Tatts. Gleich nach „Rock 'n‘ Roll Outlaw. „“

Jetzt schien Mr Foster sie wieder richtig wahrzunehmen. „Was?“, fragte er amüsiert. „Du stehst auf solchen Pub Rock?“

„Wieso nicht?“, gab sie ein wenig beleidigt zurück.

„Dachten Sie, ich höre mir nur Klassik an? Ich mag auch Aerosmith, Guns ‚N‘ Roses, Judas Priest … und eben solche Aussie-Bands wie Rose Tattoo oder AC/DC. „

„AC/DC … „, meinte er nachdenklich. „Scheiße, ich hätte nie gedacht, dass die gleich nach Bons Tod das beste Album ihrer Karriere raushauen würden. Irgendwie hat mich das ziemlich deprimiert. „

„Nichts gegen Brian Johnson“, sagte Luca, „aber für die meisten Fans wird die Bon-Scott-Ära für immer die beste sein.

Sieht man doch schon an den unzähligen Tribute-Bands, die es weltweit gibt. „

„Na ja, insofern ist er wohl im richtigen Moment abgetreten. So hat er's noch geschafft, zum Mythos zu werden, bevor's dafür zu spät war. „

„Also war Ihrer Meinung nach die klügste Handlung seines Lebens, sich zu Tode zu saufen. „

Ihr Tonfall war unvermutet scharf geworden und er sah sie überrascht an.

Ziemlich schnell verstand er die Anspielung und er stürzte mit finsterer Miene den restlichen Whiskey herunter. Als er schließlich eine Antwort gab, war sie erstaunlich bitter.

„Wenn ich es tun würde, wär der Rest der Welt zumindest froh drum. „

„Nein“, entgegnete sie entschieden und ohne darüber nachzudenken. „Ich nicht. „

Sie sahen sich in die Augen, eine Winzigkeit länger als normal, bevor er abrupt wegschaute.

„Ach, hör doch auf“, knurrte er.

Luca warf einen Blick auf die Uhr. „Gutes Stichwort. Ich muss den Laden jetzt dicht machen. „

„Alles klar. “ Mr Foster stand auf und verließ steifbeinig, aber trotz beeindruckender Alkoholmenge im Blut nicht schwankend, den Pub. Grußlos.

Sie starrte in Richtung Tür, trotz des Eindrucks, den sie von ihm gewonnen hatte, überrascht von diesem Abgang.

„Ach, Scheiße. „

Was war das überhaupt gewesen? Diese stundenlange, seltsame Gespräch, in dessen Verlauf sie sich diesem … verlotterten Ex-Rocker immer stärker verbunden gefühlt hatte. Wozu das Ganze? Ein Flirt? In so etwas war Luca nicht gut — er allerdings auch nicht, vorausgesetzt, er hatte überhaupt irgendeine Absicht gehabt …

Vergiss es. Nimm es hin und hak es ab.

Luca erledigte den Kleinkram, der noch zu tun war, schaltete die Musik aus, wischte dort, wo es nötig war, stellte die Spülmaschine an, machte einen Kassensturz.

Da nicht viel los gewesen war, ging das zum Glück schnell. Sie löschte überall das Licht und verließ den Pub durch die Vordertür. Sie hatte gerade abgeschlossen und wollte das Gitter vor die Tür ziehen, als sie mit einem erschrockenen Laut zusammenfuhr. Neben ihr stand jemand.

„Hey, alles gut. Ich bin's. „

Luca lachte erleichtert auf. „Mr Foster, verdammt. Wissen Sie, wie ich mich erschreckt habe?“

„Sorry.

Dachte mir nur … „, er rieb sich den Nacken, „dachte mir nur, dass ich dich in der miesen Gegend hier schlecht allein nach Hause gehen lassen kann. „

Sie rüttelte prüfend am Gitter und sah ihn dann halb gerührt, halb verlegen an. „Deshalb haben Sie die ganze Zeit hier draußen gewartet?“

Er zuckte unbehaglich die Achseln. „Mach kein großes Ding draus, okay?“, sagte er schroff. „Gehen wir.

Sie schmunzelte und setzte sich in Bewegung. Noch nie hatte irgendjemand ihr angeboten, sie zu begleiten. Anscheinend war sie nicht der Typ, von dem sich Männer etwas erhofften.

Mr Foster lief neben ihr her, in grüblerisches Schweigen versunken, in dem sie ihn lieber nicht störte. Ihr machte die Stille nichts aus, sie hatten vorher genug geredet. Sie vergrub die Hände in den Jackentaschen, denn die Nacht war kühl, wie die meisten Frühsommernächte in Irland.

Wenigstens regnete es nicht.

Als sie in seine Wohnstraße einbogen, machte er zum ersten Mal wieder den Mund auf. „Hier musst du lang?“

„Ja … ist so ziemlich der kürzeste Weg. „

Eigentlich stimmte das überhaupt nicht, aber hätte sie vielleicht sagen sollen, dass sie selbst nicht wusste, warum sie zugelassen hatte, dass ihre Beine sie so zielstrebig hierher trugen?

Vor seinem Haus blieben sie gleichzeitig stehen, schauten sich an, nur damit ihre Blicke einander schnell wieder auswichen.

Er drehte ihr den Rücken zu und schloss die Haustür auf. Sie folgte ihm, unsicher, ob sie ihn richtig verstand, aber er hielt ihr die Tür auf und ließ sie an sich vorbei ins muffig riechende Treppenhaus gehen. Lucas Herz schlug immer lauter, während sie in den ersten Stock gingen. Wenn Dad und Meryl mich jetzt sehen könnten, dachte sie und musste beinahe grinsen.

Mr Foster stieß die Tür zu seiner Wohnung auf und tastete nach dem Lichtschalter.

Eine matte Glühbirne tauchte den winzigen Flur in trübes Licht. Mit weichen Knien betrat Luca die Wohnung, in der Hoffnung, dass ihre Unsicherheit ihr nicht allzu sehr anzumerken war.

„Tja“, sagte er, als er die Tür hinter ihr schloss, „Luxus-Appartement kann man das hier nicht grad nennen … aber das weißt du ja eigentlich schon. „

Sie nickte und räusperte sich, damit ihre Stimme nicht kiekste. „Alles okay.

Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, wirkte ein wenig geistesabwesend. „Gut. Zieh dir ruhig schon mal die Jacke aus, bin sofort wieder da … „

Mit diesen Worten verschwand er im Bad und Luca sah sich vergeblich nach einem Garderobenständer um. Die einzige Ablagemöglichkeit bestand in einer kleinen Kommode, durch die der Flur schon fast an die Grenzen seiner Kapazität gebracht wurde. Es lagen schon etliche Klamotten und anderes Zeug darauf, also schaute Luca lieber nicht zu genau hin, sondern legte ihre Jacke halbwegs ordentlich dazu.

Mr Foster kam aus dem Bad zurück, die rechte Hand halb hinter dem Rücken.

„Ich hatte gerade 'ne Idee“, sagte er. „Du wirst sie wahrscheinlich nicht so gut finden. „

Er war verhältnismäßig schnell und der Flur nun mal eng. Im nächsten Moment fand Luca sich mit dem Gesicht an der Wand vor, während er ihr die Hände auf dem Rücken fesselte — so, wie es sich anfühlte, mit einer Plastikwäscheleine.

Natürlich bekam sie Angst, aber sie war zu überrumpelt um sich zu wehren oder zu schreien. Sie hatte diesem Mann bis vor ein paar Sekunden vertraut, so schnell konnte ihr Gehirn dieses Gefühl nicht verdrängen.

Immerhin, das stellte sie trotz ihrer Angst fest, war er nicht richtig grob zu ihr. Er ging zwar auch nicht eben sanft mit ihr um, aber er tat ihr nicht weh.

„So“, sagte er, als er ihre Handgelenke fest verschnürt hatte, fasste sie am Arm und schob sie vor sich her ins Wohnzimmer. Dort stand die Luft nach kaltem Zigarettenqualm und Alkohol, es gab ein schmales Sofa, einen niedrigen Couchtisch, ein Regal mit Zeitschriften, Plattenspieler, Fernseher und sonst nichts. Nur noch eine Unmenge leerer Flaschen und eine Gitarre, die an der Wand lehnte.

Er führte sie zur Heizung und drehte sie so, dass sie ihm das Gesicht zugewandt hatte.

„Setz dich. „

Luca gehorchte. Er klang nicht aggressiv, sprach in ganz normalem Tonfall. Sie war sich nicht sicher, ob das ein gutes Zeichen war. Mr Foster band das freie Ende der Wäscheleine am Heizungsrohr fest.

„So“, grunzte er wieder, erhob sich aus der Hocke und verließ das Zimmer.

„Scheiße“, sagte Luca leise. „Scheiße!“

Das ganze Geschehen wirkte auf sie völlig surreal, wodurch sie zum Glück keine Panik bekam.

Sie konnte sich nicht vorstellen, was er mit ihr vorhaben mochte. Prügeln? Vergewaltigen? Grausam töten? Verdursten lassen? Vorsichtig betastete sie ihre Fesseln. Er hatte keine komplizierten Knoten gemacht, aber aus dieser Position würde es für ihre Finger schwierig sein, sie zu lösen.

Nach vielleicht zehn Minuten kam er zurück, eine Wodkaflasche in der Hand, in der nicht mehr allzu viel drin war. Luca hoffte inständig, dass er sie schon vor dem heutigen Abend angebrochen hatte.

Ächzend ließ er sich aufs Sofa fallen, streckte die Beine lang aus und starrte ins Leere. Ab und an nahm er einen kleinen Schluck aus der Flasche.

Es dauerte nicht lange, bis Luca es nicht mehr aushielt.

„Und?“, fragte sie.

Jetzt war der Blick, mit dem er sie streifte, eindeutig verschwommen. „Hm?“

Sie hob fragend die Schultern.

„Ich wüsste gerne, was jetzt mit mir passiert. „

Er erwiderte das Achselzucken. „Na, nix“, antwortete er ganz selbstverständlich. „Was soll dir schon passieren?“

Fast hätte sie lachen können, wenn die Situation nicht so absurd gewesen wäre.

„Na ja, und was soll das hier dann?“

Langsam drehte er die Flasche in den Händen. „Ich brauch 'n Pfand. „

„Was?“, fragte sie verständnislos.

„Was“, wiederholte er kopfschüttelnd und vollführte eine Geste mit der linken Hand, die ungefähr das ganze Wohnzimmer umfasste. „Für das hier. Wegen der neunhundert Pfund, Mann. „

Jetzt verstand Luca und legte aufstöhnend den Kopf in den Nacken. „Oh Mann! Wie idiotisch ist das denn! Glauben Sie, Sie können zu meinem Vater hinmarschieren, sagen, sorry, ich hab Ihre Tochter — und ohne weiteres werden Ihnen Ihre Schulden erlassen? Ehrlich, Mick!“

Er hob den Kopf und sah sie aufmerksam an.

Seine Augen wirkten plötzlich wieder ein wenig klarer.

„Was hast du gerade gesagt?“

„Ich sagte, wenn Sie zu meinem Vater … „

„Nein“, unterbrach er sie ungeduldig. „Das hab ich mitgekriegt. Wie hast du mich gerade genannt?“

„Mick“, sagte sie zögernd. „Ich dachte, das sei Ihr richtiger Name. „

Er nickte, schien fast zu lächeln. „So hat mich nur mein Vater gerufen.

Er war der einzige, der mich geschlagen hat. “ Gedankenverloren rieb er sich den Nacken. „Und der einzige, der mich für voll genommen hat. „

Nun doch etwas unsicher auf den Beinen erhob er sich und kam zu ihr herüber, ließ sich aufs rechte Knie sinken. Forschend blickte er ihr ins Gesicht. Er sah wirklich nicht so aus, als würde er ihr etwas antun wollen.

„Du hast keine Angst, oder?“

Luca horchte in sich hinein.

Die Angst war tatsächlich verschwunden, jetzt, wo sie sicher war, dass diese … Geiselnahme eine reine, na ja, Schnapsidee war. Spätestens wenn er wieder einigermaßen nüchtern wäre, würde Mr Foster — Mick — sich darüber völlig im Klaren sein.

Sie seufzte. „Sie sind ein guter Kerl. Aber so was von daneben!“

***

Sie sah blass aus, aber ihr Blick war tapfer. Und, verdammt, sie meinte, was sie sagte.

Dieses Mädchen verstand seine Gründe, sie war wahrscheinlich sogar bereit, ihm zu vergeben, wenn die Sache vorbei war. Mickey wusste, dass sie natürlich recht hatte, diese Aktion war vollkommen schwachsinnig. Aber er war nun doch zu betrunken um sich das einzugestehen.

„Wie heißt du eigentlich?“, fragte er plötzlich. Den ganzen Abend hatten sie miteinander gesprochen, ohne dabei die üblichen Floskeln auszutauschen.

„Luca. „

„Schön.

Sie sahen sich an, ihre braunen Augen waren ganz ruhig, offen erwiderten sie seinen Blick und warteten. Mickey wusste nicht, was er sagen oder tun sollte. Zu viele Gedanken und Gefühle waren gleichzeitig in seinem Kopf und verwirrten ihn. Er wollte … er … eigentlich hatte er das hier überhaupt nicht gewollt.

„Zumindest nicht von Anfang an. „

Fragend hob Luca die Augenbrauen.

„Ja?“

Ihm wurde bewusst, dass er nur die Hälfte des Gedankens ausgesprochen hatte.

„Na … das wollte ich nicht sofort, dich hier festhalten. Das war erst … als wir unterwegs waren, dacht ich mir, dass es ja vielleicht 'ne Option wäre. “ Er machte eine Pause und senkte kurz den Blick. „Als du dann im Flur standest, dachte ich, scheiß drauf, jetzt zieh's durch. „

Sie lächelte leicht, aber es lag etwas ernstes darin.

„Geiselnahme ist selten eine gute Lösung, sondern schafft leider meistens noch mehr Probleme. „

Mickey rieb sich die Stirn. „Nein, so richtig durchdacht ist die Sache nun mal nicht. „

Jetzt musste sie lachen, aber als er sie überrascht anschaute, stellte er fest, dass sie ihn nicht einmal in dieser Situation auslachte. Sie hatte immer noch Mitgefühl. Sie war so …

„Jedenfalls kannst du mir keine Entführung vorwerfen“, brummte er.

„Du bist schließlich von allein hergelaufen. „

Wurde sie rot? Sein Herz klopfte schneller, ohne dass er wahr haben wollte, weshalb.

„Anscheinend … „, begann sie heiser, räusperte sich und fing noch einmal an. „Anscheinend wollte ich … mit Ihnen hierhin … um … “ Sie brach ab, jetzt überzog eine deutliche Röte ihre Wangen.

„Um was?“, fragte Mickey, nun selbst mit heiserer Stimme.

Wütend blitzte sie ihn an. „Verdammt, als ob Sie nicht wüssten, was ich meine!“

Sie war süß. Das war die Bezeichnung, die er die ganze Zeit gesucht hatte. Mit ihrer Verlegenheit, der Art, wie sie lächelte, ihn ansah, wenn er sprach.

„Doch … schon“, sagte er. „Glaub ich wenigstens. Weißt du, es ist schon fast nicht mehr wahr, dass 'ne Frau zuletzt mit mir vögeln wollte.

Luca blies die Backen auf und pustete die Luft langsam wieder aus. „Tja“, sagte sie langsam, den Blick ins Nichts über seiner Schulter gerichtet, „scheint so, als wäre das ursprünglich mein Vorhaben gewesen. „

Allmählich schlief sein Bein von der knienden Position ein. Mickey erhob sich kurz und ließ sich neben das Mädchen auf den Boden plumpsen, den Rücken wie sie an die Heizung gelehnt.

„Hey“, sagte er.

„Redest du über so was immer so ani… anyl… anali…“

„Analytisch. „

„Genau. Klingt so, als würdest du's auch nicht besonders oft machen. Vögeln. „

„Kunststück“, erwiderte Luca ein wenig gereizt. „Wäre ja auch das erste Mal. „

Mickey sah sie ungläubig an. „Hä? Du hast noch nie?“

„Hm. „

„Warum denn nicht?“

Achselzucken.

„Keine Ahnung“, sagte sie betont gleichgültig. „Hat sich halt nicht ergeben. „

Er kratzte sich am Kinn. „Das will mir aber nicht in den Kopf. Ich mein, wieso willst … wolltest du dann ausgerechnet mit mir …?“

„Mann, ich weiß es nicht“, fauchte sie. „Vielleicht wollt ich's nur endlich hinter mir haben und du kamst mir in dem Moment wie der Richtige vor. Irren kann sich jeder mal, okay?“

Sie brachte ihn durcheinander.

Seit Ewigkeiten hatte ihn keine Frau mehr auf vergleichbare Weise angerührt, eigentlich überhaupt kein anderer Mensch. Nur einer Sache war er sich in diesem Moment absolut sicher: Er wollte von Luca nicht als Irrtum angesehen werden.

Ein paar Minuten saßen sie einfach so da, sprachen kein Wort. Endlich gab Mickey sich einen Ruck und beugte sich über Luca. Er spürte ihre Anspannung, als er um sie herumgriff und wie sie sich vorsichtig, beinahe ungläubig, wieder entspannte, als er ihre Fesseln zu lösen begann.

Ohne das Mädchen anzusehen, stand er mit der Wäscheleine in der Hand auf und brachte sie zurück ins Bad. Um das benebelte Gefühl wenigstens ein bisschen aus seinem Kopf zu vertreiben, schrubbte er sich das Gesicht mit kaltem Wasser, darauf wartend, die Wohnungstür ins Schloss fallen zu hören. Er wartete vergeblich. Als er zögernd wieder in den Flur trat, stand Luca vor ihm, genau an der Stelle, wo sie bereits vor einer halben Stunde gewartet hatte, dass er aus dem Bad kommen würde.

Für einen winzigen Moment hatte er das dämliche Gefühl, sie hätten die Zeit ein Stück zurück gedreht und er bekäme jetzt eine zweite Chance. Sofort aber hatte ihn die Realität wieder und er lehnte sich an den Türrahmen, den Blick Richtung Boden.

„Willst du nicht gehen?“

Er glaubte, ihr Lächeln zu spüren. Jetzt fing er wohl endgültig an zu spinnen.

„Tja“, hörte er Luca sagen, „ich fürchte, ich bin genauso bekloppt wie du.

Aber ich kann dich jetzt nicht einfach so allein lassen. „

Er musste sich verhört haben. Langsam hob er den Kopf und sah, wie sie sich ein Grinsen verkniff.

„Herrje. Du guckst ja wie ein geprügelter Hund … „

Sie öffnete leicht die Arme, die Handflächen ihm zugewandt. „Komm schon, Mick. „

Mit nicht mal zwei Schritten hatte er den Flur durchquert und drückte sie an sich.

Lange hielt er sie einfach nur fest, nahm ihre Wärme auf, staunte über ihren zierlichen Körper, sog den frischen Duft ihrer Haut auf, genoss es, wie sie die Arme um seinen Hals geschlungen hatte und ihm sanft den Nacken kraulte. Schließlich löste er sich von ihr, nur ein wenig, streichelte ihr vorsichtig über das weiche Haar und löste die Spange, die es immer noch ordentlich zusammenhielt.

Sie sah ihn ein wenig ängstlich, nein, eher unsicher an.

Ihr Herz schlug sogar noch schneller als seines.

„Ich hab wirklich keine Ahnung wie das alles … „

„Denkst du, ich?“, fragte er.

Küssen war nicht besonders schwer, da gab es eigentlich nichts zu wissen. Es war nur eine Frage des Vertrauens, des Sich-Fallen-Lassen und Genießen. Sie machten ihre Sache alle beide sehr gut, fand er. Irgendwie gelang ihm die richtige Balance von Sanftheit und forderndem Druck und Luca kam ihm entgegen, schien die warme Nässe seines Mundes zu mögen, statt im ersten Augenblick zurückzuschrecken, wie es vielen Mädchen beim ersten Kuss ging.

Sie kosteten die ungewohnte Nähe in aller Ruhe aus, sie hatten alle Zeit der Welt. Ihre Zungen massierten einander, seine Hände strichen über ihren Rücken, ihre Rippen, ihre Taille. Als er sie unter Lucas Bluse wandern ließ und ihre warme Haut streichelte, stöhnte das Mädchen leise auf. Es erregte ihn, wie stark sie auf seine Berührungen ansprach, er presste sein Becken gegen ihres, damit sie spürte, wie er hart wurde.

***

Es war ihr unmöglich gewesen, sich vorzustellen, wie es war, sich mit jemand anderem gemeinsam gehen zu lassen.

Luca hatte sich in Sachen körperlicher Zuwendung immer für ziemlich unbeholfen gehalten, war davon ausgegangen, dass sie beim Sex in völlig passiver Haltung verharren würde, bis es wieder vorbei wäre. Jetzt sah es ganz anders aus. Als Micks Hände ihre Brüste erreichten und er mit den Daumen über die aufgerichteten Brustwarzen strich, verließen ihre Lippen seinen Mund und glitten stattdessen seinen Hals entlang zum Schlüsselbein, in das sie sanft hineinbiss. Er quittierte das mit einem Stöhnen und einem etwas festeren Griff an ihren Brüsten.

Sie begann, sein Hemd aufzuknöpfen, seine rechte Hand ließ kurz von ihr ab um ihr zu Hilfe zu kommen. Sein Atem war schwer geworden, als er sein Hemd achtlos hinter sich hatte fallen lassen, begann er ungeduldig, ihre Bluse zu öffnen, leckte dann seinerseits über ihren Hals, ihre Brüste, saugte an der linken — so, dass der Reiz fast zu stark war für Luca. Mit geschlossenen Augen ließ sie den Kopf zurückfallen, wand sich.

Sie hatte das Gefühl, auszulaufen, ihr Slip war komplett nass von ihrem Sekret. Wenn sie es sich gelegentlich selbst machte, passierte das nicht.

Micks Zunge setzte ihren Weg fort, hin zu ihrem Bauchnabel, er streichelte ihre Oberschenkel, grub die Finger in ihre Pobacken, er zog mit den Zähnen am Bund ihrer Jeans …

„Oh nein … „

Sofort hielt er inne, sah überrascht und bittend zu ihr hoch.

Luca atmete tief durch, die Scham, die sich plötzlich wieder in ihre Lust gemischt hatte, verschwand wieder. Sie lächelte ihn an.

„Okay“, stieß sie hervor, „alles gut. „

Erneut schloss sie die Augen, während er ihr die Jeans auszog, zuckte zusammen, als er sein Gesicht gegen ihren Venushügel presste und ihren Duft inhalierte. Er nahm den feuchten Stoff in den Mund und lutschte daran, worauf ihr noch verbliebener jungfräulicher Widerstand endlich verschwand und sie ihm Zugang zu ihrem Zentrum gewährte.

***

Mit der Zunge fuhr er zwischen ihre geschwollenen Schamlippen, schluckte den würzigen Saft, der aus ihrer Spalte strömte. Sie reagierte unglaublich empfindlich auf jede seiner Handlungen. Sie sagte nichts und stöhnte auch nicht besonders laut, aber während er ihre Lippen leckte und daran saugte, merkte er, wie sich ihre Muskeln in einem permanenten Wechsel aus Anspannung und Entspannung befanden. Als er ihren Kitzler mit den Lippen umschloss, griff ihre Hand in sein Haar und drückte seinen Kopf fester in ihren Schoß.

Er hätte sie wahrscheinlich nicht einmal innerhalb einer Minute zum Orgasmus gebracht, aber das Pochen zwischen seinen eigenen Beinen ließ sich nicht länger ignorieren. Er ließ von ihrer Spalte ab und richtete sich langsam auf. Sie lächelte ihn an und küsste ihn, nahm ihren eigenen Geschmack auf, vermischt mit seinem Speichel. Er öffnete seine Hose, Luca holte tief Luft und steckte ihre Hand hinein, als müsste sie ein letztes Mal ihre Scheu vor dem Unbekannten überwinden.

Als sie ihn berührte, schloss er die Augen und sackte leicht in den Knien ein, das forschende, sanfte Tasten ihrer Finger raubte ihm fast seinen restlichen Verstand.

„Lass mich rein“, brachte er rau hervor.

Statt einer Antwort nahm sie seine Hand und zog ihn mit sich zu Boden, schaute ihm in die Augen, als er über ihr war. Fast ohne Widerstand glitt er ein Stück in sie hinein, erschauerte, als er ihre Hitze fühlte.

Er zwang sich zur Langsamkeit, schob sich Stück für Stück weiter, während sie sich so eng um ihn schloss, als wollte sie ihn nie wieder herauslassen. Dann hatte er es geschafft, ein leichter Schweißfilm hatte sich auf ihrer Stirn gebildet, aber ihre Augen glänzten, verdrehten sich ein wenig, während ihr Becken seinen Bewegungen entgegen kam. Mit gesenktem Kopf beobachtete er, wie er sich aus ihr zurückzog und wieder eindrang, spürte, wie er sich mit diesem Mädchen verlor.

Er hatte tatsächlich fast schon vergessen, wie gut es sich anfühlen konnte.

Ihre Atemfrequenz veränderte sich, wurde schneller, flacher, mit einem tiefen Stöhnen bog sie den Rücken durch und kam, presste ihn in Wellen zusammen, massierte, molk ihn regelrecht. Das war es, was ihm gefehlt hatte, er warf den Kopf zurück und trieb auf seinem Orgasmus dahin, bis die Realität ihn wieder hatte.

***

Stöhnend wälzte er sich herum, wunderte sich noch, dass er nichts mehr unter sich spürte und landete in der nächsten Sekunde polternd auf dem Boden, eine umgekippte Wodkaflasche in den Rippen.

Fluchend öffnete Mickey die Augen und erblickte neben sich das Sofa, von dem er heruntergefallen war. Verdammt, irgendwie kam ihm das sehr bekannt vor. Nur eines war anders: Er war nackt.

Wann er auf dem Sofa eingeschlafen war, wusste er nicht mehr, aber was vorher passiert war, war ihm noch lebhaft in Erinnerung.

„Luca?“

Keine Antwort.

Müde rieb er sich die Stirn.

Lancaster kam ihm in den Sinn, die neunhundert Pfund und dass er jetzt nur noch zweieinhalb Tage hatte. Wahrscheinlich.

„Fuck. „

Ob Frauen oder Alkohol, dachte er, sie hinterlassen dir beide immer nur 'nen Kater.

Schwankend stand er auf und schlurfte in die Küche um sich ein Bier zu holen.

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