Es schlie?en sich die Kreise —

Telefonsex mit ECHTEN Frauen: Zusätzlich mit Kamera Funktion möglich!

Es schließen sich die Kreise — und ein zweiter Versuch

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Diese neue Geschichte enthält viel unterschwellige Erotik, aber nicht so sehr viel harten Sex. Die potentiellen KommentatorInnen mögen das verzeihen — es folgen auch wieder Geschichten, da wird es anders sein.

Zur Übersicht für die geneigte Leserin und den geneigten Leser — es gibt ja deren einige, denen meine Geschichten gefallen — hier noch einmal eine chronologische Übersicht meiner bisherigen Geschichten:

VOREHELICHES

[Der Unterschied]

EIS Werbung

[Die Grundbegriffe]

Das Obligatorische

[Über einen starken Typ]

[Ferienspaß I]

PennälerInnenfeten

Lernen fürs Abitur

[Ferienspaß II]

Erstes „Eheleben“

ERSTE EHE NEBST NEBENBESCHÄFTIGUNGEN

Auf Schlingerkurs in den Hafen (mit Ferienspaß III)

Der weltberühmte Pianist hat heute nicht seinen besten Tag

Auf der Durchreise

Der Wanderclub

Die Ernennung

[Hinter unverschlossenen Türen]

Vetternwirtschaft

Vom anderen Ufer

An der Ostsee hellem Strande …

Wenn der Herr außer Haus ist, tanzt das Mäuslein im Bette

Die Sportskanone

Rameaus Geburtshaus

Die Rettung aus der Gosse

Die Tröstung

NACH DER SCHEIDUNG: FREI FLOATEND

Gartenarbeit

Das Cembalo

Urlaub mit Mama

Als Scheidungswitwe — Ehevermittlung die erste

Nachgeholte Schülerliebe — oder Ehevermittlung die zweite

Heldenzeugen

Die Viererbande

Nachhutgefecht

AUSFLUG INS HORIZONTALE GEWERBE

Ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt

Der Rußlandheimkehrer

Fast, aber nur fast

Der Ausstieg

Der Segeltörn

WEITER WIEDER ALS „NORMALE“ SCHEIDUNGSWITWE

Spanische Tage und Nächte und ein Abend in Frankfurt

Kontakte mit der freien Wirtschaft

Kuchen und Pizza — aber bitte mit Sahne

Es ist viel zu beichten

Verführung eines Unschuldigen

Saturnalia

Photokunst

Telephone und Handys

Jenaer Straße dreiundsiebzig

Manchmal gibt's auch Schläge

Frust ersäuft man am besten im Alkohol

Verbotenes

ZWEITE UND VORERST LETZTE EHE — MIT NEBENBESCHÄFTIGUNGEN

Nóstimon Hêmar — oder der rettende Hafen

Es schließen sich die Kreise — und ein zweiter Versuch

Die mit [] markierten Texte sind nicht in ### zu finden, denn sie handeln von Jugenderlebnissen, bei denen einige der handelnden Personen noch keine achtzehn Jahre alt sind, oder sie sind kürzer als 750 Wörter.

Wer auch diese Texte oder mein Gesamtwerk in seinem gegenwärtigen Zustand lesen möchte, melde sich bei mir, möglichst per E-Mail.

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Einmal, als wir uns schon an die neue größere Wohnung gewöhnt hatten, lagen wir am Sonntagmorgen nach dem Aufwachen gemütlich in unseren warmen Betten und sahen uns verliebt an. Da begann Waldemar:

„Melanie, du hast mal ganz am Anfang von unseren Jugendfreunden gesprochen.

„Ja, das war bei unserem allerersten Treffen. „

„Und du hast gesagt, unter anderem, du würdest mit deinem Freund Peter auch wieder ins Bett gehen, wenn er wieder mal in Hamburg ist. „

„Das hab ich gesagt — aber inzwischen hat sich ja vieles geändert — sehr vieles. „

„Ja, und ich bin glücklich darüber! Nein, was ich sagen wollte: Du kannst gern ein–zwei–drei Nächte zu Peter ins Hotel gehen –„

„Das ist lieb von dir, daß du mir das von dir aus erlaubst — ich weiß aber nicht, ob ich, nach dem, was sich jetzt verändert hat, noch gern zu Peter ins Hotel gehen würde, außer mit ihm ein Glas Bier oder Wein zu trinken.

„Das können wir ja sehen, wenn er wirklich mal kommt. Im Augenblick meine ich — ich hab damals ja auch von meiner Jugendfreundin Conny erzählt. Sie würde ich ganz gern noch mal wiedertreffen und hören, wie es ihr ergangen ist. „

„Willst du auch das damals Versäumte nachholen?“

„Vielleicht — gern — wenn Conny einverstanden ist — und du!“

„Ich wäre einverstanden, das hab ich ja schon gesagt.

Und wie willst du sie finden?“

„Ihre beiden Brüder sind, glaub ich, noch in Hamburg, und ihr Nachname ist nicht häufig, die find ich sicher im Telephonbuch — und sie finde ich als Wissenschaftlerin hoffentlich im Internet. „

„Weißt du denn, wie sie verheiratet heißt?“

„Nee, daran hab ich nicht gedacht!“

„Dann bleiben also doch nur die Brüder. „

„Oder sie lebt noch oder wieder unter ihrem Mädchennamen.

„Dann ruf gleich mal einen von denen an!“

„Es ist doch jetzt Sonntag Vormittag und noch etwas früh, ich warte lieber bis elf Uhr. „

„Tu das — und wer macht das Frühstück?“

„Immer wer so dumm fragt!“

„Sadist!“

„Gestern morgen war ich dran, wie du dich vielleicht erinnerst!“

Trotz seinen unverschämten Reden gab ich Waldemar noch einen Kuß und stand dann auf, zog meinen Morgenmantel an und begab mich in die Küche.

Waldemar drehte sich noch einmal um und verschwand unter der Bettdecke, um sein Schlafbedürfnis zu demonstrieren, aber als ich anfing, in der Küche zu hantieren, hörte ich, wie Waldemar ins Bad ging. Er liebte es nicht, in aufgestandenem Zustand noch im Morgenmantel herumzulaufen, sondern zog sich auch sonntags schon zum Frühstück korrekt an. Ich dagegen frühstückte gern noch im Morgenmantel — „wie eine Vorstadtschlampe“, wie Waldemar manchmal lächelnd kommentierte — und verschob die Entscheidung, was ich anziehen sollte und ob ich nicht überhaupt erst noch einmal ein ausgiebiges Bad nehmen sollte, auf später.

Der gute Waldemar hatte allerdings dieser meiner Gewohnheit Rechnung getragen und mir einen eleganten Morgenmantel geschenkt, in dem ich zur größten Not auch auf den Flur vor der Wohnungstür gehen konnte, um zum Beispiel den Briefträger abzufertigen.

Beim Frühstück sagte ich zu Waldemar:

„Du möchtest also deine Conny wieder ausfindig machen. Wir hatten ja schon darüber gesprochen: Ich würde gern auch wissen, was aus Rolf geworden ist.

„Soll ich mal im Internet nach ihm suchen? Wie heißt er eigentlich mit Nachnamen?“

„Petereit. „

„Stammt die Familie aus Ostpreußen?“

„Ja, aber Rolf hat das natürlich nicht mehr erlebt. „

„Und willst du auch das Versäumte nachholen?“

„Eigentlich gern — vice versa — wenn Rolf will und du es erlaubst. „

„Natürlich — du erlaubst mir ja auch solches mit Conny — eventuell, wenn sich was ergibt.

Aber ich muß dir schon sagen: Fremdgehende Partnerinnen gehören bisher nicht zu meinem Erfahrungsschatz — an den Gedanken muß ich mich erst mal gewöhnen, daß du vielleicht manchmal was mit anderen Männern hast. „

„Erstens: Wer weiß, ob sich überhaupt etwas ergibt; zweitens: Deine Anne ist dir wohl immer treu gewesen, aber du nicht der Anne. „

„Du hast vollkommen recht: Ich hab nicht das Recht, irgendetwas zu sagen.

Und du bist eben anders als andere Damen — und hast mir das klar gesagt — und ich hab das akzeptiert! Also los: Gehen wir auf die Suche nach unseren Jugendfreunden!“

„Mit offenem Ausgang!“

„Mit völlig offenem!“

Wir warfen uns lachend eine Kußhand zu; unsere quasi Ehe war schon so routiniert geworden, daß wir wegen eines Kusses während des Essens schon nicht mehr aufstanden.

Nach dem Essen verschwand ich im Badezimmer, damit Waldemar ungestört mit Connys älterem Bruder telephonieren konnte.

Er hatte es nicht gern, wenn man ihm beim Telephonieren zuhörte oder gar das Gehörte anschließend kommentierte.

Aber Waldemar telephonierte gar nicht lange, sondern klopfte bald an die Badezimmertür:

„Kann ich reinkommen?“

„Erstens sollte es heißen: ,darf`, zweitens weißt du, daß ich die Tür nie abschließe, und drittens hast du mich schon so gesehen. „

Waldemar steckte den Kopf durch die Tür, trat dann ganz ein und sagte:

„Werner — was Connys älterer Bruder ist — hat sich sehr gefreut, daß ich mich wieder gemeldet habe.

Wir haben aber am Telephon nicht viel geredet, er hat uns — uns beide! — heute um vier zum Kaffee eingeladen — du bist doch einverstanden?“

„Ja, gern — wenn du jetzt nochmal ans Telephon gehst und unseren Kaffeebesuch bei Mama mit irgendeiner Ausrede absagst. „

Das tat Waldemar; er kam bald zurück und berichtete:

„Ich hab deiner Mutter gesagt, deine Erkältung von letzter Woche sei noch nicht abgeklungen.

„Lügner!“

„Aber du hast doch selbst gesagt –„

„Hab ich das? Ja, ich glaube, ich hab! Also gehen wir heute Nachmittag zu Werner — wie heißt er und hieß Conny eigentlich mit Nachnamen?“

„Thomsen — wir müssen fahren: Er wohnt jetzt in Harburg! — So, jetzt sieh nicht hin, ich muß mal!“

„Pinkel doch in die Wanne, wie du es so gern machst!“

Dazu muß man sagen, daß wir voreinander manche Schamhaftigkeiten beibehalten haben — Zähneputzen und Nägelschneiden zum Beispiel — aber die Pinkel-Scham abgelegt hatten.

Waldemar hatte sich schon vor langem geoutet, daß er beim Baden das Wasser gern gelb anfärbt, und so pinkelten wir dann auch beide unter Wasser in die Wanne, wenn wir zusammen badeten. Es ist ja auch viel praktischer. Beim Plätschern des Badewassers kommt es einem ja oft zum Pipimachen, und würde man sich scheuen, die meist wenigen Tropfen in die Wanne zu entleeren, dann müßte man aus der Wanne steigen, sich abtrocknen, zum Klo, und so weiter.

Diesmal allerdings hatte Waldemar eine etwas größere Menge abzuladen, und er zielte und traf meinen großen Zeh. Wie schön, wenn erwachsene Männer die eine oder andere Kleine-Jungs-Marotte beibehalten!

Nachdem ich aus der Badewanne erstanden war und ich mich angezogen hatte, suchten wir im Internet nach „Rolf Petereit“ — und fanden nichts! Und unter „Petereit“ allein wurden uns so viele Webseiten angeboten, daß wir auch nichts damit anfangen konnten.

„Weißt du noch, was Rolf damals studieren wollte?“

„Ich glaube Jura.

Aber auch das half nicht, und Waldemar sagte:

„Ich ruf mal meinen Kollegen Viktor an, der hat eine CD mit allen deutschen Telephonnummern — weißt du: die, die damals den Skandal gemacht hat, weil jemand, ohne um Erlaubnis zu fragen, in China alle deutschen Telephonbücher hat abschreiben lassen. „

Viktor war zu Hause und setzte sich offenbar auch gleich an den Computer, denn nach wenigen Minuten kam Waldemar mit drei Rolf Petereits zurück, in Pinneberg, Hannover und Olpe.

„Willst du nicht gleich dein Glück versuchen?“

„Jetzt, wo es soweit ist, hab ich doch Amgst vor der eigenen Courage. „

„Willst du dir vielleicht zuerst Mut antrinken?“

„Eine glänzende Idee! Dann hol mal bitte den Cinzano. „

Nachdem auch dieser letzte Aufschub zu Ende war, griff ich zum Hörer und rief die Pinneberger Nummer an. Dort wohnte aber kein Petereit mehr, und der jetzige Besitzer des Anschlusses hatte keine Ahnung, wo Petereit oder Petereits abgeblieben sein könnten.

Dann rief ich in Hannover an. Es antwortete eine freundliche Frauenstimme:

„Hier Petereit. „

„Hier Melanie Knaack aus Hamburg. Ich hätte gern mit Herrn Rolf Petereit gesprochen. „

„Darf ich fragen, wer Sie sind, Frau Knaack?“

„Natürlich dürfen Sie das! Ich hatte vor über zwanzig, genauer gesagt vor fünfundzwanzig Jahren, in Hamburg einen Freund namens Rolf Petereit, und ich bin jetzt auf meine alten Tage dabei, wieder Kontakt mit Jugendfreunden und auch Lehrern aufzunehmen.

„Ja, das könnte er sein, mein Mann stammt aus Hamburg — ich hol ihn mal ans Telephon. „

Ich hörte, wie Frau Petereit durch die Wohnung rief:

„Rolf, da ist eine Melanie Knaack aus Hamburg am Apparat, komm doch mal!“

Dann meldete sich Herr Rolf Petereit.

„Hier Melanie Knaack, geborene Heilbu –„

„Mensch, Melanie, wie hast du mich denn gefunden?“

„Auf der chinesischen CD mit den Telephonnummern.

Sag, wie ist es dir ergangen?“

„Ich hab, wie ich wollte, studiert, geheiratet, hab zwei inzwischen erwachsene — na ja, erwachsen — Söhne und bin Justitiar bei einer bekannten Backpulverfirma. Und du?“

„Ich hab, wie ich wollte, Altphilologie studiert, hab geheiratet, bin Studienrätin geworden, bin inzwischen wieder geschieden und hatte ein recht bewegtes Leben. Jetzt steuert es auf eine neue Ehe oder etwas ähnliches zu. Das gibt mir auch die Sicherheit, nach dir zu suchen.

„Erzähl doch mal!“

„Nicht am Telephon! Können wir uns nicht mal treffen?“

„Ja, wenn du meinst — ich komm im Mai nach Hamburg, da feiert meine Tante ihren Achtzigsten. „

„Solange soll ich noch auf dich warten?“

„Oder kannst du mal nach Hannover kommen?“

„Na, mal sehen. Ich freu mich jedenfalls, dich wiedergefunden zu haben.

Weiß eigentlich deine Frau von mir?“

„Bis jetzt nicht. „

„Du hättest ihr doch ruhig von uns erzählen können — wir haben doch nichts Böses gemacht damals — dazu ist es doch gar nicht mehr gekommen — du erinnerst dich!“

„Ja, das war ganz blöd von mir damals. „

„Das war es in der Tat. „

„Aber wir waren noch so jung und romantisch.

„Ja, das waren wir — und jetzt sind wir nur noch jung und weniger romantisch! — Na, dann tschüs, und sieh, ob du nicht schon mal etwas früher hierher kommen kannst!“

Waldemar fragte mich gleich:

„Na, wie war's?“

„Es ist mein Rolf. Jetzt ist er verheiratet und arbeitet als Justitiar beim Backpulvererfinder in Hannover. Er wird wahrscheinlich im Mai nach Hamburg kommen.

„Nur deinetwegen?“

„Nein, eine Tante von ihm hat achtzigsten Geburtstag. „

Während des Mittagessens erzählte mir Waldemar mehr von seiner Jugendliebe zu Conny.

„Auch mit Conny fing es mit Konzertbesuchen an — ich glaub, wenn man eine glückliche Jugendliebe hatte, sucht man immer denselben Frauentyp. „

„Da hast du bestimmt recht — und das gilt für uns Frauen wohl auch so.

„Anders als mit dir und Rolf gingen wir in dieselbe Klasse, und anders als mit dir und Rolf wurden wir nach zwei Jahren sehr platonischer Freundschaft — eigentlich nur hingehauchte Küßchen — in der letzten Klasse schnell intim. Wir konnten uns bei Conny treffen, denn ihre Eltern arbeiteten beide, und ihre Brüder studierten schon beide — da war nachmittags die Wohnung frei für unsere Liebe. Ich war auch mit Connys Eltern, aber vor allem mit ihrem älteren Bruder — den ich heute angerufen habe — sehr gut, und alle dachten wohl, vor allem ich, aber auch meine Eltern, die an meiner Freundschaft mit Conny nichts auszusetzen hatten — von dem Intimen wußten sie allerdings nichts, was ging die das an — alle dachten also, wir würden recht bald und recht jung heiraten und für Nachwuchs sorgen.

„Aber das tatet ihr nicht!?“

„Das hätten wir wohl schon getan, wenn Conny sich nicht in einen anderen verknallt hätte. Sie war plötzlich für mich nicht mehr vorhanden, ließ sich am Telephon verleugnen, und so weiter. Als ich Werner darauf ansprach, zuckte er nur die Achseln, und wir versprachen einander, gute Freunde zu bleiben. Aber allmählich brach auch zu ihm der Kontakt ab — bis heute. „

Zum Kaffee fuhren wir dann also nach Harburg.

Werner hatte für sich und seine Familie ein schönes Haus nahe am Wald gebaut, und er begrüßte seinen alten Freund Waldemar sehr herzlich:

„Na, Mensch, Waldi — Waldemar, ach ja, du mochtest das ja nicht, kann ich verstehen — daß du dich mal wieder meldest, na, komm rein, und Sie sind Frau –„

„Melanie Knaack. „

„Sie sind Waldemars zweite Frau –„

„Na ja –“ machte Waldemar.

„Ich verstehe, es sind ja jetzt andere Zeiten — darf ich nur Melanie zu Ihnen sagen?“

„Sie dürfen gerne, und sagen Sie auch Du, damit es nicht so s-teif ist!“

„Danke Melanie — da kann ich dich ja nur beglückwünschen, Waldemar — du sagst, deine erste Frau ist bei einem Unfall ums Leben gekommen?“

„Ja, vor zweieinhalb Jahren — aber reden wir ein anderes Mal darüber! — Schön hast du das hier!“

„Ja — und die nahen Berge — im Winter wird hier Ski gelaufen, ob ihr's glaubt oder nicht — aber nach über zwanzig Jahren immer noch nicht ganz abbezahlt.

„Dafür spart ihr die Miete. „

„Ja, schon. Aber wenn irgendetwas dazwischenkommt — ich krieg graue Haare, wenn ich daran denk. „

„Und was macht deine Frau?“

„Die ist bei unserem Ältesten; seine Frau — das heißt, seine Freundin — die heutige Jugend! — erwartet ihr erstes Kind nächste Woche. „

„Na, dann wünsch ich, daß alles gut geht!“

„Danke, Melanie.

Die Ärzte sagen, es ist alles in Ordnung — und wir Alten freuen uns natürlich riesig. — So, und du, Waldemar, willst wieder Kontakt zu Conny aufnehmen. — Hat dir Waldemar von Conny erzählt, Melanie?“

„Wir haben uns ziemlich alles voneinander erzählt — oder jedenfalls das meiste; ja, auch von Conny. „

„Dann können wir ja ganz offen reden. Also: Waldemar und Conny in den letzten Schuljahren — das war für unsere Familie so was wie ein Traumpaar.

Du hast es ja jetzt erlebt, Melanie, was für eine Seele von Mensch unser Waldi — Waldemar ist, und einen solchen Schwiegersohn und Schwager kann sich jede Familie nur wünschen. Darum haben unsere Eltern auch nichts gesagt, als ihr schon während der Schulzeit in Connys Zimmer –„, und dabei drohte Werner Waldemar lachend mit dem Finger.

„Aber dann brachte Conny diesen Fatzke an“, fuhr Werner fort, „sein Name sei aus dem Buch der Geschichte mit Schwefel herausgebrannt — oder was man sonst so sagt — aber Conny trägt ihn noch, damit ihre beiden Töchter keinen anderen Nachnamen haben als sie.

Vor fünf Jahren, als die Töchter groß waren, hat sich Conny dann endlich scheiden lassen — sie hat das immer rausgezögert, weil sie das wohl als eine Schande empfand — wie hab ich ihr zugeredet. Allerdings, wenn ich zurückdenke, weiß ich auch von keiner Scheidung in unserer Familie — das war früher ja nicht so üblich wie heute. „

„Was hat Conny denn Schlimmes erlebt!“, fragte Waldemar.

„Das muß sie dir selbst erzählen.

Ich weiß zwar manches, wenn nicht alles, aber Conny muß entscheiden, was sie wem erzählt oder nicht erzählt oder erst mal verdrängt oder vielleicht später erzählt oder –„

„Gibst du mir dann ihre Adresse und Telephonnummer?“

„Auch das soll Conny dir geben –„

„Aber wie kann ich dann mit ihr sprechen?“

„Ich war noch nicht fertig: Conny kommt im allgemeinen jedes zweite Wochenende zu uns.

Nächste Woche wäre wieder so ein Termin. Ich werde Conny inzwischen vorsichtig sagen, daß du dich wieder gemeldet hast. Du kannst dann ja mal am Freitag abend anrufen, Conny kommt meist so gegen sechs. „

„Kommt sie dann mit den Töchtern?“

„Jetzt nicht mehr, seit die beiden in Rostock wohnen und studieren, wo auch mein jüngerer Bruder Wolfram lebt — dahin fährt Conny an den anderen Wochenenden. So hat sich das eingespielt, seit die Töchter studieren.

— Und noch was will ich dir gleich sagen: Seit kurzem erzählt Conny immer mal wieder von einem Freund, einem auch geschiedenen Kollegen — es klang zuletzt so, als wären die beiden sich schon recht nahe gekommen. „

„Das wäre ja wunderbar, wenn Conny wieder jemand gefunden hätte!“

„Das freut mich, daß du das auch so siehst!“ Damit stand Werner auf, um Waldemar zu umarmen. „Du warst ja damals der beste Freund auch von uns Jungs!“

Auch im weiteren verlief der Kaffeenachmittag mit Werner ruhig und harmonisch, wir erzählten voneinander, Waldemar lobte meine Intelligenz und meine Musikalität in so hohen Tönen, daß ich ihn ewig bremsen mußte — was er wieder tat, als ich erzählte, wie gut sich mit ihm unsere Ehe — nennen wir es doch endlich so und gehen irgendwann zum Standesamt und zur Kirche! — eingespielt hat — und schließlich versprachen wir, einander öfter zu besuchen.

Und so warteten wir mit etwas Bangen darauf, wie unsere Jugendfreunde darauf reagieren würden, wenn wir uns nach mehreren Jahrzehnten wieder bei ihnen melden — Conny in einer Woche, Rolf in einigen Monaten. Und Peter, den ich einmal angerufen und von Waldemar erzählt hatte, „drohte“ damals, so bald wie möglich wieder einmal nach Hamburg zu kommen, um Waldemar kennenzulernen, wie er sagte.

Während der Woche vor dem geplanten Anruf bei Werner war Waldemar sehr nervös, und ich versuchte, ihn zu beruhigen:

„Waldemar, was kann denn passieren? Natürlich ist es möglich, daß Conny nichts von dir wissen will und den Hörer aufknallt.

Viel wahrscheinlicher aber ist es, daß Werner ein paar gute Wörter für dich einlegt und Conny mit dir spricht. Und das weitere wird man dann ja sehen. „

Waldemar aber merkte mir an, daß ich Rolfs wegen wohl ebenso nervös war, und sagte:

„Und Rolf denkt wohl jetzt nach fünfundzwanzig oder wieviel Jahren auch anders über deinen kleinen Fehltritt. „

„Wobei ich getreten worden bin — wie die Hühner — kennst du den Ausdruck?“

„Ja, den kenn ich!“

Am Freitag nachmittag war es mit dem armen Waldemar schwer auszuhalten.

Um sechs Uhr anrufen — viel zu früh. Um halb sieben — jetzt erzählt Conny sicher gerade von der vergangenen Woche. Um sieben — jetzt packt Conny sicher ihren Koffer aus — „aber vielleicht hat sie einen Schwung Kleider längst bei Werner“, wandte ich ein — um halb acht wurde sicher zu Abend gegessen — „Wenn du jetzt nicht anrufst, ruf ich für dich den Werner an!“

„Ich ruf schon an!“

Ich machte mir in der Küche zu tun, damit sich Waldemar beim Telephonieren nicht beobachtete fühlte, Waldemar telephonierte lange, und ich wußte schon nicht mehr, welche Töpfe ich noch blankputzen sollte.

Schließlich kam er mit erleichtertem Gesichtsausdruck zu mir in die Küche und sagte:

„Wir haben uns prima mit Conny unterhalten. Und morgen treffen wir uns am Nachmittag in einem Café, und für Sonntag hat uns beide wieder Werner eingeladen — dann kannst du auch Conny kennenlernen. „

„Willst du nicht erst mal mit ihr und ihrem Bruder allein reden?“

„Das mach ich dann ja morgen, und es wäre schön, wenn du am Sonntag mitkommen würdest — wir haben uns schon von unserer momentanen Lage erzählt, und Conny weiß von dir und ich auch von ihrem Freund.

„Na, dann zieh dir morgen mal was Schönes an und triff dich mit Conny!“

„Du bist nicht böse, daß ich dich am Nachmittag allein lasse?“

„Nein, ich finde schon eine Beschäftigung — in Stellingen soll Stadtteilfest sein — vielleicht finde ich da einen netten Herrn –„

„Meinst du das im Ernst?“

„Nein, Waldemar, die Zeiten sind vorbei, seit ich dich kenne.

Fahr nur morgen und grüß Conny unbekannterweise von mir, falls ich das morgen vergesse!“

So fuhr Waldemar am Samstag nachmittag nach Harburg und ließ mich wirklich allein zu Hause zurück! Mir wurde dabei klar, wie sehr ich mich schon an das Eheleben mit Waldemar gewöhnt hatte, wie sehr er mir jetzt fehlte. Aber natürlich hatte ich ihm erlaubt, Conny wiederzutreffen. Und bei nüchterner Betrachtungsweise mußte ich mir eingestehen, daß ich die Lateinarbeit auch dann hätte korrigieren müssen, wenn Waldemar zu Hause geblieben wäre, und wahrscheinlich hätten wir deshalb nichts Gemeinsames unternommen, sondern Waldemar hätte gelesen oder Sport im Fernsehen gesehen.

Erst viel später kam ich darauf, daß ich Waldemar eigentlich für sein Vertrauen dankbar sein mußte, daß er Conny auch mir vorstellen wollte: morgen!

Nach drei Stunden rief Waldemar an:

„Ich bleib noch hier zum Abendessen — und Conny und Werner — ich auch — freuen uns alle sehr auf morgen — dann sollen wir auch zum Abendessen bleiben und uns vorher nicht den Appetit verderben. „

„Na, dann grüß alle schön, und fahr nachher vorsichtig, oder nimm eine Taxe, wenn du zu viel getrunken haben sollte — aber wie ich dich kenne –„

„Ich trinke doch nie viel!“

„Genau: Das meinte ich.

Also wirst du wahrscheinlich mit dem Auto kommen — ach, ich muß Mama ja auch für morgen wieder absagen — sollen wir sie dafür nicht mal am Montag besuchen?“

„Dienstag wäre für mich besser!“

„Also Dienstag! Tschüs bis nachher!“

Nun wurde es doch allmählich etwas langweilig. Irgendwie war ich nicht auf Lesen eingestellt, und so rief ich Trudi an.

„Also, der läßt dich allein“, entrüstete sich Trudi, als sie meine Lage begriffen hatte, „um seine Ex zu treffen, wie ich das finde!“

„Erstens ist es nicht seine Ex, sondern seine erste große Jugendliebe, zweitens hab ich ihm dies ausdrücklich von Anfang an erlaubt, und drittens erlaubt er mir auch, mich mit Rolf zu treffen.

„Was, der Rolf kommt — oder du fährst zu ihm — der Hymen-Fetischist, der dich damals wegen des Häutchens hat sitzen lassen — so muß man es doch ausdrücken!“

„Ja, du hast ja recht — aber Rolf war meine erste große Liebe. „

„Ich dachte, das war Peter. „

„Mit Peter hatte ich meine erste längere Sex-Beziehung, und ich hab ihn dann auch liebgewonnen — sehr lieb –, aber Rolf war meine erste große, leider aufs Letzte unerfüllte Liebe.

„Und die Erfüllung willst du jetzt nachholen?“

„Das wird wohl nicht gehen, Rolf ist glücklich verheiratet. „

„Hast du schon mit ihm gesprochen?“

„Ja, er kommt wahrscheinlich im Mai. „

„Die beste Zeit für eine Erfüllung von unerfüllten Jugendlieben. „

„Sag nicht so was!“

„Gib's doch zu, Melanie: Du träumst doch sicher von einem Treff mit ihm auf einer schönen Wiese — wie damals –„

„Also, ehrlich gesagt — aber die Wiese gibt es ja schon längst nicht mehr.

„Aber es gibt andere Wiesen — du hast doch deine Stammwiese — und daß jemand verheiratet war, hat dich sonst auch nicht gestört!“

„Seit ich mit Waldemar zusammen bin, ist irgendwie alles anders — auch das mit den fremden Männern. „

„Na, wenn du meinst. — Und was machst du heute weiter?“

„Ich ruf jetzt noch mal meine Mutter an, vielleicht besuch ich sie heute statt morgen mit Waldemar.

Morgen stellt er mich übrigens seiner Conny vor — oder umgekehrt. „

„Na, denn man tau! Bernd winkt mir eben zu, er läßt dich grüßen. Weißt du übrigens, was er mich letzte Woche gefragt hat — ich hab dir das noch gar nicht gesagt. „

„Na, was denn?“

„Er sagt, ich soll dich mal fragen, ob du ihm nicht mal für eine Aktzeichnung Modell stehst.

Ich hab ihm das ausgeredet. „

„Das war vielleicht etwas voreilig!“

„Na, aber, jetzt, wo du mit Waldemar lebst?“

„Na und, kann ich da nicht einem seriösen Künstler Aktmodell stehen?“

„Oder liegen — oder beim Liegen — ich kenn doch meinen Bernd. „

„So was kann man vielleicht abwimmeln — aber gezeichnet oder gemalt zu werden, das würde mich schon reizen — er kann uns ja auch beide zeichnen!“

„Dann denkt doch jeder, wir sind lesbisch.

„Würde dir das was ausmachen?“

„Schon! Und dir?“

„Wenig. Und du weißt doch: Bernd zeichnet so wenig gegenständlich, daß man gar nicht sieht, wer da Modell gestanden hat. „

„Na, mal sehen! Tschüs, Melanie!“

Inzwischen hatte ich mich dazu entschlossen, meine Mutter heute und nicht am Dienstag zusammen mit Waldemar zu besuchen. Ich rief sie an und fragte:

„Mama, kann ich nicht heute schon kommen? Ich bring auch Kuchen mit.

„Na, dann komm mal, min Deern!“

Ich setzte mich ins Auto, kaufte auf dem Weg Kuchen in einer Konditorei, die so spät noch geöffnet hatte, und stand wenige Minuten später bei meiner Mutter in der Tür.

„Du kommst allein? Wo ist denn Waldemar?“

„Der macht einen Besuch. „

„Und wen besucht er, wenn ich fragen darf?“

„Das darfst du gern: Er besucht eine Jugendfreundin, die gerade bei ihrem Bruder hier in Hamburg ist.

„Er besucht seine Freundin?“

„Mama: Erstens ist es nicht ,seine Freundin`, sondern seine beste Jugendfreundin von vor einem Vierteljahrhundert, und zweitens hab ich ihm das ausdrücklich erlaubt, und drittens werde auch ich demnächst, das heißt im Mai, meinen Jugendfreund Rolf treffen. „

„Ja, der Rolf Peter –„

„Petereit, Rolf Petereit. „

„Ja, der war so sympathisch — ich hab mich immer gefragt, warum das damals mit euch auseinandergegangen ist.

Ist er dir zu nahe getreten?“

„Im Gegenteil!“

„Wieso ,im Gegenteil`?“

„Er ist mir zu wenig nahetreten, ein anderer Junge — Olaf, den kennst du nicht — ist mir zu nahe getreten, und Rolf war so eifersüchtig, daß er batz-bauz mit mir Schluß gemacht hat. „

„Und das hast du mir gar nicht erzählt?“

„Mama, was sollte ich dir das erzählen? Du hättest dich fürchterlich aufgeregt, und ich hab dem gar keine große Bedeutung beigemessen, bis Rolf mit mir Schluß gemacht hat.

„Und hat Olaf –„

„Ja, er hat!“

„– hat Olaf dich vergewaltigt?“

„Nein, überhaupt nicht. Er hat auf einer Party mit mir getanzt — Rolf konnte an dieser Party nicht teilnehmen — und dann ist er mit mir in ein Zimmer verschwunden, hat ganz fix rein–raus gemacht, ich hatte sein weißes Zeugs nicht in mir, sondern auf dem Bauch und war trotzdem nicht mehr Jungfrau.

„Und als du Dieter kennengelernt hast, da warst du schon längst –„

„Eine Frau — aber ,längst` ist auch etwas übertrieben. „

„Und was hat Dieter denn dazu gesagt?“

„Der hat mir mit einem Kuß alles Vorherige verziehen — er hatte ja auch ein Vorleben. „

„Ich weiß nicht — bei uns früher –„

„Mama, in welchem Jahrhundert lebst du denn noch? Als ich Abitur machte, hatten, glaub ich, schon alle Mädchen und fast alle Jungens die ersten Erfahrungen hinter sich, und ich war in meiner Klasse eher eines der späteren Mädchen.

„Und du hast mich am Tag deiner Hochzeit reden lassen und reden lassen, dabei wußtest du schon längst, wie das geht, warum hast du mir das nicht wenigstens da gesagt — und läßt mich reden wie ein Baas!“

„Ja, Mama, das war blöd von mir, aber ich habe es nicht übers Herz gebracht — bis heute — dir zu sagen, wann und wie ich — wir haben ja auch nie über so was geredet — ich hab schon damals immer deine und Papas Ehe als großes Vorbild gesehen und gefürchtet, so gut würde ich es nicht hinkriegen.

„Ja, das war eine gute Ehe mit Papa — aber, jetzt wo du erwachsen bist –„

„Aber das bin ich doch schon seit Jahrzehnten!“

„Aber für mich bist du doch auch immer noch irgendwie mein kleiner Spatz — also Papa hatte ja auch seinen Spaß — die drei Male, wo ich schwanger war, da ist er auch –„

„– in den Puff gegangen –„

„Ausdrücke hast du wieder — nein: Es gab da in Eimsbüttel eine Madame namens Dupont — ob die wirklich so hieß, das weiß ich nicht — die hatte einen Gesprächskreis mit jungen Leuten beiderlei Geschlechts — da sind auch welche von Papas Kollegen hingegangen — da wurde, heißt es, locker auch über heikle Themen geredet.

„Das ist ja mal eine intelligente Tarnung von so was — Gesprächskreis — auf die Idee muß man erst mal kommen!“

„Na ja, so hatte Papa auch mal seinen Spaß. — So, mein Spatz, setzen wir uns endlich an den Kaffee!“

Der Rest des Nachmittags verlief ruhig und harmonisch. Ich spürte, wie meine Mutter und ich uns bei diesem Gespräch, einem der ersten über solche Themen, sehr viel näher gekommen sind und daß ein schwerer Stein von unserer Beziehung genommen war.

Beim Abschied küßte mich meine Mutter und fragte mit Tränen in den Augen: „Nun sag mal, Melanie, bist du mit deinem Leben glücklich gewesen?“

„Was soll ich sagen, Mama? Im Moment, mit Waldemar, bin ich sehr, sehr glücklich, so glücklich wie wohl noch nie in meinem Leben — mit Ausnahme als Kind — und mein Leben davor — ich würde es nicht unglücklich nennen. „

„Ich hab mich nur immer gefragt –„

„Wir reden noch weiter darüber! So, jetzt fahr ich nach Hause, wahrscheinlich ist Waldemar zurück und hat sicher viel zu erzählen.

Es geht ja nicht nur um seine Jugendfreundin Conny, er war — und das hab ich jetzt erlebt — auch mit ihren Brüdern sehr befreundet und hat die jetzt wiedergefunden. „

Ich fuhr schnell nach Hause, und tatsächlich wartete Waldemar schon auf mich. Wir fragten beide fast gleichzeitig:

„Wie war's?“

Waldemar floß als erstem das Herz über, und er erzählte von diesem Nachmittag, an dem er nach etwa dreißig Jahren zum ersten Mal wieder seine Jugendfreundin getroffen hatte.

Das Treffen muß sehr harmonisch verlaufen sein, aber Waldemar erzählte keine Einzelheiten; die sollten wohl ein Geheimnis von Conny oder von Conny und ihrem älteren Bruder oder vielleicht auch von Waldemar bleiben — oder sie wollte ihre schlimmen Erlebnisse erst einmal verdrängen und vielleicht viel später erst davon erzählen. Auf meine unangebracht neugierigen Fragen antwortete Waldemar nur, Conny sei von ihrem Ex nicht nur betrogen, sondern auch vor allen Leuten lächerlich gemacht worden.

„Aber du wirst sie ja morgen kennenlernen, vielleicht erzählt sie dir als Frau mehr, aber das soll sie entscheiden.

„Und habt ihr schon Weiteres ausgemacht?“

„Ich werd sehen, daß ich Conny auf meiner nächsten Dienstreise nach Kiel, die demnächst ansteht, besuche; sie will mir ihre Wohnung zeigen. „

„Und dann werdet ihr auch das Schlafzimmer in Augenschein nehmen –„

„Wohl nur in Augenschein nehmen, denn sie scheint ihren neuen Freund wirklich sehr gern zu haben. Du wirst sie ja morgen kennenlernen.

„Ich freu mich schon!“

Und das tat ich wirklich. Nach allen Erzählungen Waldemars mußte Conny eine ganz liebe Person sein, der man helfen mußte, nach ihren schweren Enttäuschungen wieder Selbstvertrauen und Vertrauen zu anderen Menschen zu gewinnen.

Als wir am kommenden Nachmittag bei Werners Haus klingelten, wer öffnete uns? Eine freundliche Dame, etwas älter als ich: Conny! Sie fiel gleich Waldemar um den Hals, nach zwei Küßchen aber begrüßte sie mich mit den Worten:

„Sie sind also Melanie, Waldemars zweite Frau — Waldemar hat mir schon vieles von Ihnen erzählt.

„Hoffentlich nicht zuviel Schlechtes– und verheiratet sind wir auch — noch — nicht!“

„Das hab ich in meiner Jugend mal geglaubt, daß es darauf ankommt, Melanie, das hab ich mir inzwischen abgespeckt! — Aber gehen wir doch auf die Terrasse und klönen da!“

Dort erwartete uns schon Werner und fragte:

„Na, habt ihr euch schon ein wenig miteinander bekannt gemacht?“

Als es bei dem folgenden small talk über das Wetter und die Hamburger sowie allgemeine Politik allmählich lästig wurde, daß Conny und ich die einzigen in der Runde waren, die sich siezten, fuhr Werner dazwischen und sagte:

„Ihr beiden Hübschen, ich sehe, ihr versteht euch prächtig, wollt ihr euch nicht auch duzen?“

„Ach ja, natürlich“, sagte Conny, „also ich bin die Conny — Ferber –, ich blöde Kuh bin das noch von meinem — unserem, nicht wahr, Werner? — Elternhaus so gewohnt, daß man sich mit fremden Leuten erst mal fünfundzwanzig Jahre siezt, also stoßen wir aufs Du an, Melanie — Werner, hol doch mal bitte was!“

Nachdem Werner einen Cognac gebracht und Conny mit mir Schwesternschaft getrunken hatte, sagte ich zu ihr:

„Nach allem, was mir Waldemar Liebes von Dir erzählt hat, bin ich froh, daß du so gut aufgelegt bist! Komm doch zu mir aufs Sofa und laß dich noch mal richtig umarmen.

Sofort setzte sich Conny zu mir, und wir umarmten uns lange und innig — so lange, daß Werner lachend sagte:

„Das sieht ja schon richtig gefährlich aus mit euch beiden!“

„Wieso gefährlich?“, fragte Conny und fuhr, als der Groschen gefallen war, fort: „Ach so! Ja, du hast recht, Werner: Nach meiner Scheidung hat mir wirklich eine Kollegin, von der alle wußten, daß sie lesbisch ist, angeboten, zu ihr zu ziehen.

Ich hab das zum Glück nicht gemacht, denn ich hatte gleich das Gefühl, daß sie auch sehr besitzergreifend ist. Also setzen wir uns wieder anständig hin, auch du, Melanie, und halten züchtigen Abstand voneinander!“

„Du bist Chemikerin, hat mir Waldemar erzählt?“

„Hat er das? Da hat er mal recht mit — ich weiß ja nicht, was er sonst von mir so erzählt hat –„

„Nichts Schlimmes!“

„Das will ich hoffen! Mein Ex verbreitet nämlich neuerdings die angeblich ,wissenschaftlich erwiesene Tatsache`, daß wegen der Produkte meiner Firma die Fische im Polarmeer sterben oder so was Ähnliches.

„Und was macht ihr wirklich?“

„Reinigungsmittel. Ich entwickel gerade ein Verfahren, ein umweltverträgliches Spülmittel möglichst kostengünstig herzustellen. Das wird den Pril-Markt revolutionieren! Wenn von einer Milliarde Chinesen nur jeder hundertste das neue Mittel kauft, dann könnte ich mir sogar ein neues Auto kaufen. „

„Das hab ich dir doch schon versprochen“, warf Werner ein.

„Ach ja, richtig, danke: Dann genügt jeder zweihundertste.

„Und was machen deine Töchter?“

„Die haben beide fertig studiert, wohnen in Rostock und besuchen ziemlich oft ihre Mama, die manchmal den Kopf schüttelt — aber es sind liebe Mädchen. „

„Und warum schüttelst du dann den Kopf?“

„Die haben beide schon lange einen Freund — also: jede hat einen Freund — und die ältere hat schon zwei Kinder und die jüngere kriegt in fünf Monaten ihr erstes — aber heiraten wollen die nicht.

„Vielleicht wegen deines Beispiels. „

„Genau das sagen meine Mädchen — ich sag immer noch Mädchen –„

„Das sagen doch fast alle Mütter!“

„Also genau das sei der Grund, dabei sind meine Schwiegerfreunde ganz liebe Jungs und zeigen überhaupt keine der so äußerst liebenswerten Eigenschaften meines Ex, die so bald nach der Hochzeit herausgekommen sind. „

„,Liebenswerte Eigenschaften` hast du ironisch gemeint, nicht wahr?“

„Du hast es erraten! Jetzt bin ich zweifache, bald dreifache Oma, kann aber als solche nur sehr bedingt ausgenutzt werden, da ich ja noch berufstätig bin.

Das besorgen dann die Gegenschwiegermütter, Freundesschwiegermütter, Schwiegerfreundesmütter — wie sagt man bei so was?“

„Das weiß ich auch nicht — ein Armutszeugnis für eine Deutschlehrerin! — Jetzt, wo ich älter werde, denke ich auch manchmal, daß es schön gewesen wäre, wenn ich Enkelchen hätte. „

„Dazu kann ich dir ein Rezept sagen: früh heiraten und Kinder kriegen!“

„Das erste hab ich ja gemacht, und es war wohl zu früh, und dann ging es auseinander –„

„Und warum hattet ihr keine Kinder am Anfang?“

„Meine Berufsausbildung war meinen Eltern und Dieter — das ist mein Ex — wichtiger; das war überhaupt die Bedingung, daß meine Eltern mich mit zwanzig heiraten ließen.

„Na ja, mein holdes Ehegespons — möge er in den Pinneberger Sümpfen — aber man soll ja nicht fluchen — also er sagte immer, wie gern er Kinder hätte, und damit hat er auch unsere Eltern und meine Brüder rumgekriegt — gib es zu, Werner! — und die Kinder hat er mir dann ja gemacht, und dann ging es los — aber wir reden ja heute so lustig, ich will nicht wieder damit anfangen! — Und wir tratschen hier, und ich hatte Werner gesagt, ich kümmere mich um den Kaffeetisch! Das muß ich jetzt nachholen, ihr unterhaltet euch ja wohl auch ohne mich!“

Wirklich: Die Unterhaltung war so anregend gewesen, daß wir gar nicht gemerkt hatten, daß wir immer noch an einem leeren Tisch saßen — nicht einmal ein Glas Wasser hatte man uns angeboten!

Als Conny in der Küche hantierte, sagte Werner:

„So fröhlich habe ich Conny seit ihrer Scheidung nicht mehr erlebt! Habt vielen, vielen Dank, daß ihr gekommen seid!“

Ich ging dann auch in die Küche, um Conny zu fragen, ob ich ihr nicht etwas helfen könne.

„Danke, nicht nötig, Melanie! — Ich glaub, wir sind uns in vielem ähnlich, findest du nicht?“

„Genau das finde ich auch — das liegt wohl am Frauentyp, der Waldemar gefällt. „

„Das wird's sein — wenn du doch mal den Kuchenteller nehmen tätest — oder darf ich das zu einer Deutschlehrerin nicht sagen?“

„Eigentlich nicht — aber ich geb dir gern Nachhilfestunden.

„Ach geh, unsere Forschungsberichte müssen wir sowieso alle auf Englisch schreiben, und die sieht dann immer ein Engländer durch, der bei uns arbeitet. „

„Das wollte ich dir nur noch sagen, wo wir hier in der Küche unter uns sind: Wenn du jemand brauchst, mit dem du von Frau zu Frau reden kannst: Ich bin sozusagen immer für dich da. „

„Danke — aber was heißt ,sozusagen`?“

„Das heißt, daß ich ja auch meinen Beruf hab und es deshalb zweckmäßig ist, ein Treffen oder in längeres Gespräch vorher zu verabreden.

„Ist doch klar, Melanie! Ich werd vielleicht auf dein Angebot zurückkommen. — Gehen wir wieder raus zu den anderen! Kriegen wir beide alles mit?“

„Bei den Kuchenmengen, die du gebracht hast, fürchte ich, eine von uns muß nochmal in die Küche und den Rest holen. „

„Ach, das geht schon!“

„Aber wir sind doch keine Kellnerinnen — die Kuchenteller sollen nicht zu Bruch gehen, die sehen mir sehr nach altem Familienporzellan aus.

„Das hast du richtig erraten. — Na gut, du hast gewonnen, nehmen wir erst mal einen Teil. „

„Vielleicht essen unsere Herren ja auch gar nicht so viel. „

„Ha! Hast du eine Ahnung! Waldemar hast du ja wohl als Kuchentyp kennengelernt — und was Werner an Kuchen verdrücken kann — man sieht es ihm ja auch an. „

Als wir mit den Kuchentellern an den Gartentisch kamen, wurden wir mit frohem Hallo begrüßt; Werner mußte allerdings von Conny mit einem „Pfoten weg! Es kommt noch mehr!“ zurückgescheucht werden, als er sich gleich auf den Kuchen stürzte.

Dann ging Conny den letzten Kuchenteller holen, und als sie auch diesen gebracht hatte, legte sie Waldemar und Werner und aus Solidarität auch sich und mir von jeder Sorte ein halbes Stück auf unsere Teller und sagte mit todernster Miene:

„Das muß für euch reichen. Den Rest nehm ich nachher meiner Mischpoche mit. „

„Das sagt unsere liebe Conny immer“, klärte uns Werner in ebenfalls trockenem Ton auf — und alle, besonders Conny, mußten fürchterlich lachen, währenddessen Conny Wörter wie „Vielfraß“, „Fütterung der Raubtiere“, „nächstens kauf ich meine Bäckerei leer“ artikulierte.

Als Werner sein sechstes Stück Kuchen in den Mund stopfte, versuchte es Conny noch einmal:

„Das soll auch gaaaa nich gesund sein, soviel Süßes zu fressen!“,

worauf Werner mit vollem Mund lachend antwortete:

„I mu o a-e o-e au-o-ian. „

„Wie bitte?“

Conny mußte warten, bis Werner das Stück hinuntergeschluckt hatte, dann antwortete er im Klartext:

„Ich muß doch alle Sorten ausprobieren!“

Im Endeffekt wurde wirklich fast alles aufgegessen, und für Connys „Mischpoche“ blieb kaum etwas übrig.

„Wie gut, daß ich einen Teil zu Hause gelassen hab!“, sagte sie lachend.

Nach dem Essen zogen sich die Herren zur elektrischen Eisenbahn zurück — nein, eine solche besaß Werner nicht, aber an Werners neuen Computer, der bei modernen Männern ja die Rolle der elektrischen Eisenbahn spielt und den Werner Waldemar stolz vorführte. Conny und ich setzten uns auf eine Bank im Garten, und Conny begann:

„Du hast gesagt, ich kann von Frau zu Frau mit dir sprechen.

„Ja, natürlich!“

„Dann sag mir mal ehrlich: Findest du mich dick?“

„Nein — na ja — die Allerschlankste bist du ja nicht — aber dick: Das ist doch zu hart gesagt!“

„Dick — das hat mein Ex immer von mir gesagt, auch vor anderen Leuten. Aber kann ich was dafür, daß ich nach meinem zweiten Baby nicht mehr so schlank geworden bin wie früher? Die ,Allerschlankste` bin ich allerdings auch nicht gewesen — aber ich hatte eine ganz schöne Taille.

„Natürlich kannst du da nichts für! Wie ich dich jetzt kennengelernt hab, bist du eine wunderbare Frau, und jeder Mann sollte froh sein, der dich zur Frau hat. „

„Das haben ja sogar Bodos — jetzt ist es raus: Mein Ex heißt Bodo — Bodos Kollegen zu ihm gesagt, aber ich war für ihn dann nur noch das ,dicke Trampel`. Außerdem hat er mich betrogen. „

„Das hat mein Ex auch — und daran ist schließlich auch meine Ehe zerbrochen, weil ich das als ganz junge unerfahrene Frau auf die Dauer nicht verknusen konnte.

„Am Fremdgehen meines Ex allein wäre meine Ehe ganz bestimmt nicht zerbrochen. Unsere Mama — eine wunderbare Frau, jetzt ist sie leider schon sechs Jahre tot — hat mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit einmal gesagt, unser Papa sei auch fremdgegangen, habe immer mal wieder eine Freundin gehabt und kenne alle besseren Puffs der Stadt — aber wir Kinder haben davon absolut nicht gemerkt, sondern Papa war ein wunderbarer Familienvater — das schließt einander also nicht aus — aber mein Ex –„

„Wenn du nicht darüber reden willst –„

„Aber ich will mit dir darüber reden, schließlich hast du mir angeboten, mich anzuhören, es ist gut, wenn das mal rauskommt.

„Da hast du völlig recht“, sagte ich und umarmte Conny innig, und der Rest des Gespräches beziehungsweise von Connys Erzählung fand in dieser Umarmung statt. So sahen wir uns meist nicht direkt in die Augen, und Conny brauchte sich ihrer Tränen nicht zu schämen. Irgendwann einmal sah ich Waldemar und Werner in den Garten kommen, als sie aber sahen, wie wir in einem intimen Gespräch waren, zogen sie sich wieder ins Haus zurück.

„Abgesehen, daß er immer wieder auf mein Nicht-mehr-so-Schlank-sein angespielt hat, hat er irgendwann angefangen, seine Freundinnen — es waren wohl auch bezahlte Damen darunter — in unsere Wohnung mitzunehmen und sie da zu vernaschen. Dazu muß ich sagen, daß wir seit der Geburt meiner älteren Tochter in getrennten Zimmern schlafen, da Bodo damals für seine Arbeit ungestörten Schlaf brauchte. Daß er Frauen mit in die Wohnung nahm, ging sicher schon länger, als ich ihn das erste Mal dabei erwischte.

Er entschuldigte sich tausendmal, er brauche manchmal auch schlankere Frauen, und das in der Wohnung, das komme nicht wieder vor. Daran hielt er sich wohl einige Monate, tat sich dann aber nur noch wenig Zwang an, und öfter, wenn ich von der Arbeit kam, hörte ich aus seinem Zimmer die entsprechenden Geräusche. Daß er sich Frauen für die Nacht holte, das tat er damals noch nicht, auch ließ er seine Tussis damals noch nicht unser Badezimmer benutzen, sondern schickte sie ungewaschen weg.

„Und wie haben das deine Töchter erlebt?“

„Das wollte ich gerade erzählen. Meine jüngere Tochter war damals schon sieben oder acht und hatte wohl aus meinen Aufklärungsgesprächen und aus der Schule schon so manches über Sex und Freundinnen und Fremdgehen und andere solche Sachen gehört. Kurzum, meine Töchter sahen das ganz cool, ,Unser Papa hat fremde Weiber`, so war es eben bei uns, und sie hielten immer zu mir, weniger mit Worten als in ihrem Benehmen.

Wenn es einer von uns drei ,Frauen` mal nicht so gut ging oder ich auch mal geweint habe, schlief eine oder schliefen sogar beide bei mir im Bett. — Einmal — das lief schon einige Jahre so — traf ich ihn mit seiner Dame auf dem Flur, als er sie wegschickte — solche Treffen hat er soweit wie irgend möglich vermieden — der Dame sah man irgendwie an, daß sie aus dem Gewerbe kam, und ich konnte nicht an mich halten und fuhr Bodo an: ,Was fällt dir ein, deine Huren hierherzubringen?` Mein Ex sagte nur lachend: ,Das weißt du doch schon lange!` Aber die Tussi ging in die Luft und fuhr Bodo an: ,Als du mich hierhergeschleppt hast, hast du gesagt, du wohnst hier allein! Und jetzt ist doch deine Frau hier! Such dir für so was gefälligst eine andere! Ein bißchen Anstand hat ja auch unsereiner noch!` Und bevor sie zur Tür ging und rausrauschte, kam sie noch auf mich zu, umarmte mich, gab mir ein paar solidarische Küsse von Frau zu Frau und flüsterte mir zu: ,Ich rate dir: Laß dich von dem scheiden!` Erst da bin ich dem Gedanken nähergetreten.

„Warum hast du dich denn nicht schon längst scheiden lassen?“

„Wegen der Kinder. Mein Ex verdiente gut und hat es ihnen an nichts fehlen lassen. Er zahlte regelmäßig große Beträge auf ihre Sparkonten — überhaupt und zur Finanzierung des Studiums. Nach außen war unser Familienleben noch intakt. „

„Bis auf die Frauen, die Bodo anschleppte und dann nach ein–zwei Stunden wieder wegschickte. „

„Das hat unsere Nachbarn überhaupt nicht interessiert.

Nein, aber in der Schule bei den Elternabenden oder bei unseren Urlauben an der See — da waren wir die perfekte Familie. Komischerweise hat dabei mein Ex offenbar auch Urlaub von seinen Liebes-Belastungen gemacht, obwohl man sonst ja gerade im Urlaub so manche Bekanntschaft knüpft. „

„Hattest du eigentlich noch Sex mit Bodo?“

„Seinen sogenannten ehelichen Pflichten ist er so im Großen und Ganzen auch noch nachgekommen, ich hab aber fast nie mehr was dabei empfunden.

„Du hast es über dich ergehen lassen?“

„Nicht nur. Ich hab mir Sexbücher aus der Bücherei geholt und studiert, wie ich ihn vielleicht becircen könnte. Ich hab noch lange gehofft, Bodo würde zu mir zurückfinden und ich würde was empfinden, wenn ich im Bett ein aktivere Rolle spiele — aber es hat alles nicht genützt. „

„Und wie war die Scheidung?“

„Problemloser, als ich es befürchtet hab.

Ich hatte als Anwalt einen Schulkameraden von Werner, und der hat das alles auf das Beste gedeichselt, vor allem das Finanzielle für die Töchter. — Und weißt du, was jetzt passiert?“

„Nein! Sag es mir!“

„Bodo ruft mich manchmal an und winselt rum, ob wir es nicht nochmal miteinander versuchen sollten, er habe sich geändert und so weiter. Dabei verdient er genug und kann sich alle Weiber und jeden Puff leisten.

„Vielleicht ist er pervers –„

„Bestimmt nicht!“

„– pervers in dem Sinne, daß er nur richtig kann, wenn ihm jemand, jemand, der ihn kennt, dabei zuhört. „

„Meinst du, so was gibt es?“

„Ich könnte es mir vorstellen — nach allem, was du mir erzählt hast. „

„Dann soll er seinen Bruder oder seine Schwägerin ins Nebenzimmer setzen! Mir ist das jetzt so was von egal, wie er sich abreagiert.

Selbermachen ist am billigsten — das muß ich ihm überhaupt mal sagen, wenn er wieder mal anruft. „

„Und wie geht es mit deinem Freund?“

„Wunderbar! Mit ihm — und jetzt, wo Waldemar sich nach so vielen Jahren wieder gemeldet hat — und wo ich dich gefunden hab — es gab Zeiten, da glaubte ich nicht mehr, so was noch einmal zu erleben, so down war ich. „

„Aber du hattest ja deine Töchter –„

„Ja, schon!“

„Und deine Schwiegerfreunde –„

„Ja, die sind auch beide ganz lieb zu mir, aber irgendwann gehen die ja doch ihre eigenen Wege und lassen ihre Mama und Oma allein.

„Aber die Gefahr, daß du allein bleibst, ist ja jetzt abgewendet. „

„Hoffentlich bleibt es dabei. — Und wie bist du damit fertiggeworden, daß dein Ex fremdgegangen ist? Waldemar hat angedeutet, daß du ein ziemlich bewegtes Leben hattest. „

„In der Tat. Ich hab mir, als mir das klar wurde, selbst aktiv einen Freund geangelt — aus Rache, würde wohl ein Psychologe sagen. „

„Ich hab mich zu so was nie getraut.

„Wenn ich heute daran denke, wie ich damals meinen ersten Freund — ich meine, während der Ehe — verführt hab, und das noch in unserer Nachbarschaft — ich hab jetzt noch oder wieder Angst vor meiner eigenen Courage. Aber das erzähl ich dir gern ein anderes Mal, es ist jetzt schon spät, wir sollten allmählich nach Hause fahren, morgen müssen wir beide zur Arbeit. Oder lies, was ich darüber aufgeschrieben habe!“

„Du hast was aufgeschrieben?“

„Ja, ich hab in der letzten Zeit Gefallen daran gefunden, meine wichtigsten Erlebnisse aufzuschreiben, erst einmal für mich, dann auch für meine engsten Freunde — ich darf dich doch dazu zählen?“

„Ja, Melanie, das darfst du — ich komme darauf zurück — und vielen Dank fürs Zuhören!“

„Da nich für!“, sagte ich nur und küßte Conny noch einmal ganz herzlich.

Wir gingen dann ins Haus und fanden die Herren an Werners Computer, wo ihm Waldemar einige schöne Pornoseiten im Internet zeigte. Darin hatte er in den letzten Jahren, als er allein lebte, eine große Erfahrung gesammelt und mir auch schon einiges gezeigt.

„Mensch, was für schöne Frauen!“, rief Conny, die so was wohl noch nie gesehen hatte. „Da kommen wir nicht mit!“

„Und ob ihr beiden Hübschen da mitkommt!“, lachte Waldemar, umfaßte mit den Armen je eine von uns um die Taille und küßte uns links und rechts.

Wir ließen und das gern gefallen, dann entwand sich Conny aus Waldemars Umarmung und sagte zu Waldemar und mir:

„Ihr bleibt doch noch zum Abendbrot? Zu Hause müßtet ihr doch auch noch was essen!“

So saßen wir noch bei einem einfachen Abendbrot und danach bei einem Gläschen Wein zusammen, erzählten, politisierten — Conny wiederholte ihre Einladung an Waldemar, aber auch an uns beide, sie in Kiel zu besuchen — und erst gegen Mitternacht fuhren wir nach Hause.

Eine Stunde später — wir lagen mit Waldemar schon im Bett — ging das Telephon, und Conny sagte nur kurz, daß sie heil angekommen war; darum hatte sie Waldemar gebeten.

Etwa drei Wochen später war es soweit: Waldemars Firma schickte ihn für drei Tage auf Dienstreise nach Kiel. Er wohnte in einem Hotel, aber es waren natürlich auch ein oder mehrere Besuche bei Conny geplant. Ich verabschiedete Waldemar mit einem Küßchen und der überflüssigen Aufforderung, sich anständig zu benehmen, und genoß es, mir im Fernsehen die Sendungen anzusehen, die mich interessierten, und an diesen Tagen ganz und völlig, ohne jemand fragen zu müssen, ob ihn vielleicht etwas anderes interessiere.

Fast nie stritten wir uns über das Fernsehprogramm, oft hatte ich auch keine Zeit, sondern mußte Arbeiten korrigieren, aber unlängst kam Waldemar mit dem Spruch: ,Was ist Voraussetzung einer guten Ehe?` Antwort: ,Liebe, Respekt — und ein zweiter Fernsehapparat!` War das ein Wink mit dem Zaunpfahl — oder die dezente Ankündigung eines Geburtstagsgeschenkes?

Am ersten Abend rief mich Waldemar von Conny an und schilderte mir ihre gemütliche Wohnung, hatte auch ihren Freund Achim kennengelernt — und dann ließ Conny sich den Hörer geben und sprach auch mit mir:

„Jetzt fehlst nur noch du und Werner und Wolfram und natürlich die Mädchen und deren Männer und Kinder, und dann wären wir komplett — das machen wir im Sommer mal — du bist doch mit Waldemar dabei?“

„Natürlich, Conny! — Dann wünsch ich euch noch weiter einen schönen Abend — und ich erhol mich mal von Waldemar.

„Ist da denn was zum sich erholen?“

„Nee, eigentlich nicht! Tschüs, Conny!“

Am zweiten Abend rief Waldemar nicht an, und ich dachte mir nicht viel dabei. Oder ich dachte schon halb im Unterbewußten: Vielleicht holen die beiden Versäumtes aus der Jugend nach — aber bei den beiden ist ja nicht mehr sehr viel nachzuholen, es sei den, fünfundzwanzig Jahre gemeinsames Eheleben, und das ließ sich nun beim allerbesten Willen nicht mehr nachholen.

Aber, Melanie, mußte ich mir zurufen, das hast du Waldemar doch ausdrücklich erlaubt, ja, ihn fast dazu aufgefordert!

Am Nachmittag des folgenden Tages kam Waldemar zurück. Er war in sehr aufgekratzter Laune und küßte mich überschwenglich. Ich sagte ihm lachend auf den Kopf zu:

„Du hast dich nicht die ganze Zeit ans-tändig benommen!?“

„Um ehrlich zu sein: Nein! Komm, laß dir erzählen!“

Wir setzten uns mit einem Glas Bier gegen Waldemars Reisedurst aufs Sofa, Waldemar legte mir den Arm um die Schulter und erzählte:

„So etwa saßen wir gestern mit Conny auf dem Sofa — Achim war zu seiner Mutter nach Schleswig gefahren — und erzählten von alten Zeiten.

Ich hab dir ja gesagt, ich hab mich mit Conny früher immer in ihrem Zimmer getroffen, und das Sofa dort war für uns wohl so wie für dich und Rolf eure Wiese. Jedenfalls gingen unsere Reden immer so: ,Weißt du noch, wie das damals war, als ich dir zum ersten mal das Hemd aufknöpfte und du mir an den Busen gingst`, und so weiter; einmal fragte sie mich auch: ,Findest du auch, daß ich dick bin? Fühl doch mal meine Taille!`“

„Die Arme hat wohl Minderwertigkeitsprobleme wegen ihrer jetzt nicht mehr so ausgeprägten Taille.

„Ja, ich weiß auch nicht, jedenfalls fühlte ich ihre Taille, und ich weiß nicht, ob Conny das so eingerichtet hat, oder ich nach oben ging, jedenfalls hatte ich meine Hand an ihrem Busen, und dann ging es Schlag auf Schlag mit ,Weißt du noch?`, und schließlich –„

„– landetet ihr im Bett. „

„Wie hast du das erraten? Und wir haben uns geliebt — aber du hast mir das erlaubt!“

„Das hab ich — ich sag ja auch gar nichts!“

„Und dann noch ein zweites Mal — und das war dann wie früher.

Es hat wohl jede Frau ihre eigene Art in der Liebe, und bei diesem zweiten Mal war Conny ganz wieder die alte. Und weißt du, wie sie ihren Fehltritt dann für sich begründet hat?“

„Nein, sag's mir!“

„Sie sagte, sie wollte doch nun endlich auch mal selbst sehen, wie das ist, wenn man fremdgeht. „

„Und wie war das?“

„Sie fand es herrlich.

Sie sagte, jetzt könne sie ein wenig verstehen, daß Männer diesen Kick suchen. „

„Und auch Frauen!“

„Das sagte sie nicht — hat es aber wohl auch gemeint. Und Conny sagte noch — und mir ging es, ehrlich gesagt, auch ein wenig so — sie fühlt sich ganz jung und wie ein kleines Mädchen, das Äpfel aus Nachbars Garten geklaut hat und jetzt hofft, daß es nicht rauskommt.

„Und jetzt hast du es doch verraten! — Wollt ihr solche Spiele öfter mal wiederholen?“

„Wiederholen vielleicht — du hast es mir erlaubt –„

„Hab ich –„

„– aber sicher nicht ,öfter`, sonst ist es ja kein Kick mehr, meinte Conny. — Verzeihst du mir den gestrigen Abend?“

„Ja, natürlich, Waldemar! Und wie hat sich Conny sonst gefühlt?“

„Auch sonst ist sie fast wieder die alte, Allmählich treten wohl die schlimmen Erlebnisse mit ihrem Ex in den Hintergrund.

„Und wenn du — und natürlich auch ich, das wollen wir nicht vergessen! — ihr dabei etwas geholfen hast, dann hatte dein Besuch bei ihr inklusive des Unaussprechlichen ja einen guten Zweck!“

„Danke! Das freut mich, daß du das so siehst. „

Waldemars frohgemute Stimmung hielt den ganzen Abend an, und in der Nacht hatten wir eines unserer schönsten Liebeserlebnisse.

Und am nächsten Nachmittag, ich korrigierte eine Griechischarbeit, und Waldemar war noch nicht gekommen, rief Conny an und entschuldigte sich ihrerseits, daß sie mir Waldemar für einige Stunden genommen hatte.

„Waldemar hat mir schon das eine und das andere erzählt, und daß du wieder fast die alte gewesen seist — im guten Sinne natürlich, du junges Mädchen!“

„Du, und ihr alle, seid so gut zu mir“, man hörte sie weinen, „dabei war ich das erste Mal in meinem Leben eine Ehebrecherin — und hab mich noch gut dabei gefühlt!“

„Nun nimm dir das mal nicht so zu Herzen.

Wir sind ja alle nicht oder noch nicht verheiratet, und es sind doch jetzt andere Zeiten. Ich hab das meinem Waldemar erlaubt, mit seiner lieben Jugendfreundin eventuell auch wieder intim zu werden — aber du: Wirst du das deinem Achim sagen?“

„Ich weiß nicht — ich sollte wohl, damit Ehrlichkeit zwischen uns ist. Aber ich weiß nicht, wie er reagieren wird. Er kommt heute abend — was soll ich ihm nur sagen?“

„Vielleicht wirklich erst mal gar nichts.

Ihr werdet euch mit Waldemar doch höchstens ab und an sehen, und einmal ist keinmal. „

„Danke für deinen Rat, Melanie!“

„Und danke für deinen Anruf, und einen schönen Abend und was weiß ich danach mit Achim!“

Am nächsten Tag um etwa die gleiche Zeit klingelte wieder das Telephon, und wieder war es Conny.

„Du, Melanie, ich muß dir was beichten.

„Na, was das wohl ist, was du mir beichten mußt?!“

„Ich hab deinen Rat von gestern nicht befolgt –„

„Und hast Achim gebeichtet –„

„Ja!“

„Und was hat er gesagt?“

„Er hat mich umarmt, geküßt und mir alles verziehen!“

„Na, siehst du — ich hatte das irgendwie im Gefühl nach dem, was du und Waldemar von Achim erzählt hast.

„Aber trotzdem hast du mir geraten, nichts zu sagen. „

„Ich dachte: Sicher ist sicher. Aber so ist es natürlich viel besser. Und laß dir von einer erfahrenen Frau sagen: Bis verliebte Männer etwas merken, da muß schon viel passieren — und so hätte dein lieber Achim sicher gar nichts gemerkt, wenn du nichts gesagt hättest. Das können wir Frauen manchmal ausnutzen. „

„Hast du das mit Waldemar schon mal ausgenutzt?“

„Mit ihm noch nie — und werde hoffentlich auch nicht in die Verlegenheit kommen.

„Ich komm am Wochenende wieder zu Werner — kommt ihr uns besuchen?“

„Ja, gern, wir haben bis jetzt noch nichts vor außer dem traditionellen Samstagnachmittagsbesuch bei meiner Mutter — also am Sonntag nachmittag?“

„Kommt doch schon Mittags zum Essen!“

„Uns was sagt Werner und seine Frau dazu?“

„Ich lad euch jetzt einfach so ein, ohne die zu fragen — ich kümmere mich ja auch ums Essen, die beiden haben also kaum mehr Mühe, wenn ihr zum Essen kommt!“

„Na gut, ich freue mich — aber, Mensch, Conny, das ist ja schon übermorgen, wir haben ja schon Freitag — wie die Zeit läuft! Das war ja auch eine ereignisreiche Woche! — Dann Tschüs, Conny, bis Sonntag!“

In den folgenden Wochen und Monaten — und bis heute — sind wir mit Conny und ihrer Familie einschließlich ihrer Töchter, Schwiegersöhne, Enkel und auch Achims die dicksten Freunde.

Und nachdem Conny und Waldemar nun auch ihre Jugendliebe zünftig abgeschlossen hatten, ist zwischen ihnen auch nichts Intimes mehr passiert.

Aber kehren wir zum Stand der Dinge zurück.

Zum Essen am Samstag brachte Conny auch ihren Achim mit, so daß wir ihn kennenlernen und uns ausgiebig mit ihm unterhalten konnten. Er war Studienrat für Mathematik und Physik und für den ersten Eindruck so dröge, wie man sich diese Fächer so vorstellt.

Als er aber auftaute, wurde er zum flottesten Gesprächspartner.

In den folgenden Wochen überschlugen sich die Ereignisse.

Schon ein Wochenende später ereignete sich etwas, was für unseren weiteren Lebensweg nicht ganz ohne Bedeutung bleiben sollte.

Ich machte bei schönem, aber noch recht kaltem Frühlingswetter mit Waldemar vor dem Kaffeebesuch bei meiner Mutter noch einen Spaziergang auf dem Elbwanderweg. Dabei kam uns eine Grazie im wahrsten Sinne des Wortes entgegen.

Sie war nicht allein, sondern ging in Begleitung eines Herrn. Sie hatte ein dickwollenes Winterkostüm an, aber mit recht kurzem Rock, und mit jedem Schritt zeigte sie ihr wunderbar schlankes Bein bis weit übers Knie. Als das Paar an uns vorbeigegangen war, konnte es Waldemar doch nicht lassen, sich umzudrehen und dieser Dame nachzusehen, um noch einen Blick auf ihre aphroditegleichen Kniekehlen zu erhaschen. Dann drehte er sich wieder um, gab mir ein Küßchen uns sagte leise:

„Entschuldige, Melanie!“

„Du brauchst dich doch nicht zu entschuldigen — ich kenn doch die Männer.

„Aber die Frau war wirklich so was von schön –„

„Schöner als ich?“

„Nur ein ganz, ganz kleines bißchen weniger –„

„Du hast wahrscheinlich wieder nur auf ihre Beine gesehen, ich hab nach etwas weiter oben gesehen: Die hatte auch ein sehr schönes Gesicht. „

„Das hab ich doch natürlich auch gesehen. „

„Kennst du die Dame vielleicht — ist sie dir irgendwo mal begegnet?“

„Nein, nie.

Übrigens: Der Herr neben ihr sah auch sehr sympathisch aus, das hast du doch sicher auch festgestellt. „

„Auf den hab ich gar nicht geachtet“, mußte ich errötend zugeben.

„Na, siehst du!“

Und nach eine längeren Pause, in der er mich unterhakte und fest an sich drückte, fuhr er fort:

„Sag mal, Melanie, meinst du, daß wir es fertigbringen, ganz auf aushäusige Eskapaden zu verzichten — ich meine — wenn es knistert –„

Die Frage kam für mich ganz unvermutet, da aber Waldemar nicht frei heraussprach, sondern ziemlich herumstotterte, hatte ich Zeit genug, mich zu fassen, und sagte nur cool:

„Nö.

„Du meinst, du würdest wieder das Angebot eines rettendes Wohnwagenbesitzers annehmen –„

„– und du würdest dir, wenn sich die Gelegenheit bietet, vielleicht den langweiligen Hotelabend während einer noch langweiligeren Tagung versüßen –„

„– nie wieder intensiv flirten –„

„– nie wieder sich verführen lassen –„

„– ich glaub nicht –„

„– ich auch nicht –„

„– daß wir auf die Dauer solche Engel sind –„

„– nee, das glaub ich wirklich nicht — aber sag mal, wie kommst du jetzt darauf: Hast du etwa was in Aussicht?“

„Nein, Melanie, wirklich nicht.

„Also fragst du rein theoretisch?“

„Genau, das kam mir jetzt so in den Sinn. — Und du meinst also, wir würden schwach werden — und was würdest du dazu sagen, wenn ich zum Beispiel — na, sagen wir, so ähnlich wie du, mal eine einsame Dame tröste?“

„Ich wäre — ich muß es zugeben: Ich bin da schon etwas egoistisch — also: Ich wäre nicht sehr amused, aber wenn es wirklich nur ein Seitensprung wäre und du dann unverzüglich auf den richtigen Weg zurückkommst –, dann kann ich bei meiner Vergangenheit wohl nicht allzu viel dagegen haben.

— Und wir könnten uns heiße Erlebnisse erzählen — das mußt du mir versprechen für solche Fälle!“

„Also Toleranz bei voller Ehrlichkeit?“

„Volle Ehrlichkeit, aber auch Toleranz. — Übrigens, da muß ich was beichten: Bei uns ist jetzt so ein junger Referendar, der sieht immer auf meine herrlichen Beine, aber der ist mir unsympathisch. Wahrscheinlich wird er weitere Avancen machen, aber den laß ich abschmettern, du hast also nichts zu befürchten.

Und zur Bekräftigung unserer Abmachung küßten wir „alten Leute“ uns zur Verwunderung der anderen Spaziergänger mitten auf dem Weg.

Dies allerdings meinte ich eigentlich nicht mit den „sich überstürzenden Ereignissen“.

Aber in der Woche darauf kam Waldemar eines Tages abends von der Arbeit und begann:

„Melanie, das rätst du nie. „

„Was soll ich nicht raten?“

„Ich hab dir doch gesagt, meine Firma will nach Osteuropa expandieren, und heute sagt mir unser Chef, ich soll den Aufbau eines Zweigwerks in Polen männätschen.

„Polen ist aber noch Mitteleuropa. „

„Schon, natürlich hast du recht. „

„Und wo in Polen?“

„Ganz nahe: bei Posen. „

„Dann müssen wir uns trennen — und wir kennen uns erst kaum. „

Mir kamen die Tränen, aber Waldemar sagte gleich:

„Auf keinen Fall! Ich nehm dich natürlich mit, wenn das nur irgend geht.

Es gibt doch so ein Austauschlehrerprogramm, und du könntest Deutsch geben. Du interessierst dich doch so für Polen. „

„Schon. — Ja. — Und du würdest mich mitnehmen wollen?“

„Ja, natürlich! Was denn sonst? Wenn du nicht mitkommen könntest, würde ich das Angebot ablehnen und hierbleiben. Hier ist auch reichlich genug für mich zu tun. „

„Also, da kommt mir ein Gedanke. „

Ich hatte mich wieder gefangen und fuhr fort:

„Gehen wir das Ganze konstruktiv an.

Deutschunterricht in Polen — ich weiß nicht. Aber hattest du nicht mal angedeutet, ihr expandiert auch nach Rumänien?“

„Ja. Wir bauen auch ein Werk bei Hermannstadt. Dafür ist Kollege Irmescher angesetzt, der stammt von da, ist aber gar nicht glücklich, wieder da arbeiten zu sollen. „

„Uns würdest du — rein theoretisch — auch nach Rumänien gehen wollen — für eine begrenzte Zeit?“

„Mit dir würde ich überallhin gehen wollen.

Wie kommst du auf Rumänien?“

„Weil es da deutsche Schulen gibt — schon immer — und eine ganz bekannte auch in Hermannstadt. Wußtest du das nicht?“

„Ich erinnere mich dunkel, daß wir so was in der Schule gelernt haben. — Das ist eine ganz tolle Idee. Ich geh dann gleich morgen zum Chef und schlag ihm das vor. Irmescher wird mir um den Hals fallen — aber ob er dafür nach Polen will, weiß ich allerdings auch nicht — und dem Chef ist es wahrscheinlich egal, wer wohin geht.

Wie gesagt, die Ereignisse überschlugen sich. Schon in der Pause nach der zweiten Stunde kriegte ich in der Schule einen Anruf. Es war Waldemar, der mir mitteilte, daß der Tausch Polen–Rumänien perfekt sei. Ich legte gar nicht erst den Hörer nieder, sondern tippte nur auf die Gabel und rief gleich meinen Schulrat an und bat um eine dringende Audienz am Nachmittag.

„Na, Frau Knaack, was haben Sie denn auf dem Herzen? So kenne ich Sie ja gar nicht.

Kommen Sie um fünf, vielleicht müssen Sie aber noch etwas warten. „

Ich brachte die restlichen Unterrichtsstunden irgendwie rum, und um fünf begab ich mich in die Schulbehörde. Der Schulrat wartete schon auf mich, ein Gesprächstermin hatte sich zerschlagen, und er bat mich gleich in sein Zimmer.

„Nun schießen Sie mal los, Frau Knaack!“

„Also“, begann ich zu stottern, „mein Mann –„, mein Mann? — „mein Mann wird für wahrscheinlich drei Jahre nach Rumänien –„

„Entschuldigen Sie, Frau Knaack, Sie sind wieder verheiratet?“

Der Gute kannte meine Personalakte, oder wahrscheinlicher hatte er sie sich vor meinem Besuch kommen lassen.

Ich merkte, wie ich über beide Ohren rot wurde und sprach entsprechend unsicher:

„Nein — das heißt; vielleicht bald — vielleicht — wahrscheinlich werd ich bald wieder heiraten. „

„Entschuldigen Sie meine Unterbrechung — dann wünsch ich Ihnen im Voraus von Herzen alles Gute — aber fahren Sie doch bitte fort. „

„Also“, stotterte ich weiter, „mein Partner –„

„Nun sagen Sie schon: Ihr Mann!“

„Danke! Mein Mann geht also für eine Zeit nach Rumänien, um da den Aufbau eines Zweigwerks zu leiten, und ich hatte mir gedacht, ob mich die Schulbehörde nicht im Rahmen des Austauschprogrammes so lange nach Hermannstadt beurlauben könnte.

Da ist ja eine deutsche Schule. „

„Das würde ich natürlich sofort unterschreiben. Aber leider sind alle Plätze in diesem Programm schon besetzt. Sie wissen ja: Man kriegt ein ganz schönes Zusatzgehalt, und da haben sich viele gemeldet. Ich fürchte, ich sehe schwarz, jedenfalls für das nächste Schuljahr. „

Ich mußte schlucken. Sollte sich alles zerschlagen? Oder würde mich Waldemar mit seinem guten Gehalt mit durchfüttern? Doch: Er würde! Und so traute ich mich zu fragen:

„Und gäbe es die Möglichkeit, daß ich unbezahlten Urlaub nehme für die Zeit?“

„Unbezahlter Urlaub freut jeden Arbeitgeber, der sich dann um eine Ersatzkraft kümmern muß.

Aber weil Sie's sind: Ich würde das vorbehaltlos befürworten. Ich nehme an, Ihr Mann verdient genug — sonst hätten Sie wohl nicht danach gefragt. „

„Das tut er. Und könnte ich dann wieder in den Schuldienst einsteigen, wenn wir wieder zurückkommen?“

„Ja, das kann ich versprechen — allerdings nicht unbedingt an Ihre alte Schule. „

„Also, dann werde ich ab dem nächsten Schuljahr unbezahlten Urlaub verlangen.

„Füllen Sie das entsprechende Formular aus und reichen es ein. Aber ich versuch es auch mit dem Gastlehrerprogramm — vielleicht ist jemand zurückgetreten. — Ihre Fächer sind doch Deutsch und Latein –„

„– und Griechisch!“

„Richtig! Mit Deutsch ist es da natürlich kein Problem. Mit Latein müssen wir und müssen Sie sehen, was Sie da Nützliches machen können — aber Griechisch?“

„Ich könnte Kurse anbieten, und dann ist da noch ein evangelisch-theologisches Seminar, und die angehenden Pfarrer müssen doch alle Griechisch lernen.

„Gut, daß Sie das sagen. Dann sind Sie da ja genau richtig. Das hilft vielleicht, für Sie noch einen offiziellen Platz zu finden — und sonst bleibt ja die Möglichkeit eines unbezahlten Urlaubs. — Ich freu mich für Sie — es wird schon werden — und die besten Empfehlungen für Ihren Mann, das freut mich ja ganz besonders. „

So weit war also alles optimal gelaufen. Allerdings mußte ich Waldemar noch von meinem Ansinnen mit dem unbezahlten Urlaub beichten.

Das tat ich gleich, als ich nach Hause kam. Waldemar war schon gekommen, und ich platzte gleich los:

„Weißt du, was ich gemacht habe, als du mich am Vormittag angerufen hast, daß das mit dir und Rumänien klappt?“

„Nein! Aber sag's mir!“

„Ich hab gleich den Schulrat angerufen und war jetzt gerade bei ihm. Er sagte, daß aus meiner Entsendung als Gastlehrerin wohl nichts werden würde, da seien alle Plätze schon besetzt, jedenfalls für das nächste Jahr, aber da hab ich –„

Ich zögerte; wie sollte ich Waldemar das sagen?

„Was hast du da –?“

„Wir kennen uns doch noch nicht so lange, gerade ein Jahr, und da kann ich doch nicht –„

„Was kannst du nicht?“

„Ich kann doch nicht verlangen, daß du mich — sozusagen –„

„Ich versteh wirklich nicht, auf was du hinaus willst.

„– ich hab angeboten, daß ich unbezahlten Urlaub nehme und ohne Gehalt mit dir nach Rumänien gehe. „

„Ach so“, sagte Waldemar erleichtert, „wenn das alles an Schlimmem ist — natürlich kannst du mitkommen, mein Gehalt wird dicke für uns beide reichen, denn ich krieg ja noch einen Zuschlag. — Wie gut, daß es kein wirkliches Problem ist. Komm, stoßen wir an, ich hab hier im Supermarkt rumänischen Wein entdeckt und gleich eine Flasche mitgebracht, daß wir uns daran gewöhnen.

Vor dem Abendessen mit rumänischer Mädchentraube lagen wir uns aber wohl über eine Stunde in den Armen.

Während des Abendessens kam mir ein beunruhigender Gedanke:

„Du, Waldemar, wir haben noch was Wichtiges vergessen. „

„Deine Mutter! Daran hab ich auch schon gedacht. Ich hab heute nachmittag mal deinen Bruder Hans angerufen und ihm von unseren Plänen erzählt, Und er will sich mit seiner Freundin –„

„– Frau –„

„Gut — natürlich — mit seiner neuen Frau um Mama kümmern; die verstehen sich ja prima.

„Aber wir müssen Mama schon auch von uns aus erzählen. „

„Natürlich. Das tun wir am Sonntag. Hans und Annemarie kommen dann auch. „

Dieses Gespräch muß — rückwärts gerechnet — am Mittwoch gewesen sein, denn am nächsten Tag, also am Donnerstag, geschah es, daß Waldemar, als ich gegen drei Uhr nach Schule und Einkäufen nach Hause kam, dort schon auf dem Sofa saß und auf mich wartete, aber nicht, wie ich es gewohnt war, im Hausdress, sondern in einem dunklen Anzug.

Auf dem Tisch vor der Couch standen eine Weinflasche und zwei Gläser.

„Was soll das denn bedeuten?“, fragte ich, aber ich hätte es mir ja denken können.

„Komm, Melanie, setz dich zu mir, ich will dir was Wichtiges sagen. „

„Aber wenn du so feierlich angezogen bist, muß ich mir auch was Schönes anziehen und nicht in diesen Jeans — wie sieht denn das aus?“

Damit verschwand ich zu den Kleiderschränken im Schlafzimmer und wählte trotz dem warmen Frühlingswetter ein kleines Schwarzes aus.

Das Frischmachen und Anziehen dauerte nicht lange, und ich ging wieder ins Wohnzimmer und setzte mich neben den nervös wirkenden Waldemar. Ich nahm seine Hand und fragte:

„Na, was willst du mir sagen?“

Waldemar nahm meine beiden Hände in seine und sagte leicht stotternd:

„Ich will nicht lange drum rumreden, das liegt mir nicht: Ich will dich fragen: Willst du meine Frau werden?“

Mir kamen Tränen der Freude und des Glücks, und ich konnte nur stammeln:

„Das bin ich doch schon.

„Ja, aber ich meine: richtig, mit Standesamt und Kirche. „

Ich fiel Waldemar um den Hals und flüsterte ihm ins Ohr:

„Natürlich will ich das!“

Nachdem wir uns sehr ausgiebig geherzt und geküßt und wieder „anständig“ nebeneinander gesetzt hatten und Waldemar die Flasche geöffnet und uns Wein eingeschenkt hatte, fand ich meine Fassung wieder und begann:

„Wir müssen dann das Praktische bedenken.

Zuerst müssen wir das Mama sagen –„

„Das machen wir gleich am Sonntag –„

„Dann müssen wir das Aufgebot bestellen und uns beim Pfarrer anmelden. Ich schlage vor, wir heiraten hier in meiner evangelischen Gemeinde –„

„Na klar!

„Und dann fällt mir da noch was ein. Trudi hatte mal gesagt, ob wir nicht eine Doppelhochzeit feiern sollten, wenn sich das so ergibt, und wir haben ja so viele gemeinsame Bekannte und Freunde, dann ist das ein Abwasch –„

„Das ist eine gute Idee.

Ruf doch gleich Trudi an und weihe sie ein!“

Dazu trank ich mir erst einmal Mut an, dann griff ich zum Hörer. Trudi war schon zu Hause und sagte nach den ersten Begrüßungsworten:

„Melanie, du klingst so komisch. „

„Ich bin wohl etwas beschwipst, und ich hab auch etwas geweint –„

„Hattest du Ärger mit Waldemar. Das passiert jeder Frau mal. „

„Daß sie Ärger mit Waldemar hat –?“

„Nein, natürlich daß sie Ärger mit ihrem Liebsten hat.

„Entschuldige, aber ich mußte dich mal wieder verbessern, aber du weißt, das mache ich nur, wenn ich gut aufgelegt bin. Nein, ich hab geweint, weil mir Waldemar eben einen Heiratsantrag gemacht hat. „

„Gratuliere!“, sagte Trudi resigniert.

„Nun sei doch nicht gleich traurig! Ich ruf dich nicht deswegen an, das hätte ich dir natürlich auch gleich gesagt, aber vielleicht nicht in den ersten Minuten danach — nein, weswegen ich anrufe: Ich hab gleich daran gedacht, daß du mal was von Doppelhochzeit gesagt hast –„

„Und du würdest mit deiner Trudi, dem alten, dicken, gefallenen Mädchen, gemeinsam Hochzeit feiern wollen?“

„Ich weiß ja nicht, wer von uns beiden mehr und öfter gefallen ist — aber laß doch den Quatsch und überrede deinen Bernd, ob er nicht mitzieht bei dieser Gelegenheit.

„Wann hattet ihr denn gedacht?“

„Darüber haben wir noch gar nicht nachgedacht. Ich weiß das doch auch erst seit zehn Minuten. Ich denke, so am Anfang der großen Ferien, Anfang Juli. „

Waldemar nickte im Hintergrund zustimmend.

„Ich werd mein Bestes tun. Hab vielen Dank für den Anruf. „

Ich setzte mich wieder zu Waldemar und sagte als praktische Hausfrau:

„So, Waldemar, wo das Wichtige und Entscheidende nun gesagt ist: Wollen wir uns nicht wieder zivil anziehen, sonst muß ich morgen deinen Anzug und mein Kleid bügeln.

Aber Waldemar, sonst allem allzu Feierlichen abhold, wollte diesen Abend in gehobener Kleidung verbringen, einschließlich Abendessen und Dokumentarfilm im Fernsehen.

Bei diesem wurden wir durch einen Anruf gestört. Es war Trudi. Sie war glücklich wie über den Wolken und sagte:

„Bernd macht mit! Wir können zusammen feiern! Wir müssen uns dann mal zusammensetzen und alles besprechen. Wie wäre es Samstag?“

Ich fragte Waldemar:

„Paßt es dir am Samstag zu Trudi und Bernd?“

Waldemar nickte wieder zustimmend, und ich sprach wieder in die Muschel:

„Es paßt.

— Aber wie machen wir das mit der Kirche: Du bist doch katholisch!?“

„Aber ihr Evangelischen seit drei zu eins. Nein: Gehen wir zusammen zu eurem evangelischen Pfarrer, ich lad aber auch natürlich Tadziu ein, die beiden kennen sich. „

„Na, dann bis Samstag!“

Waldemar fragte mich dann noch:

„Ruf doch auch Hans an, ob er dann nicht auch gleich seine Annemarie heiraten will.

Ich ergriff die Gelegenheit und rief meinen Bruder an und erzählte ihm von unseren Heiratsplänen; von Rumänien wußte er schon.

„Nein, laß mal“, sagte Hans, „wir wollen mit Annemarie noch etwas warten. Aber es ist doch schön, daß wir jetzt beide jemand gefunden haben, dann sind wir vor gewissen Versuchungen gefeit. „

„Hans!“, sagte ich nur in drohendem Ton.

Waldemar, der von mir fast „alles“ wußte, dieses aber nicht, sah mich etwas verwundert an, und wieso Hans so offen reden konnte, das mußte ich mal versuchen herauszukriegen.

Hatte er etwa Annemarie gebeichtet?

Nachdem wir zu Abend gegessen hatten und nach einem weiteren Gläschen Wein mit Händchenhalten, verliebten Blicken und vielen Küssen begaben wir uns zu einer weiteren „Hochzeitsnacht“ ins Schlafzimmer. Im Hochgefühl, mich nun praktisch endgültig zu „besitzen“, legte er eine Liebeskraft an den Tag — oder besser gesagt: in die Nacht –, wie ich sie an ihm noch nicht erlebt hatte — aber wir kannten uns ja auch noch nicht allzu lange.

Ich aber erreichte nur mühsam erst nach Waldemars zweitem einen Höhepunkt, da ich immer denken mußte, daß ich Waldemar nun doch meine schlimmsten Sünden beichten sollte.

Als wir, wie das Sprichwort sagt, danach als tristia animalia nebeneinanderlagen, nahm ich allen Mut zusammen und sagte:

„Du, Waldemar –„

„Ja, mein Mäuschen?“

„Waldemar, ich muß dir jetzt doch noch etwas beichten –„

„Aber du hast mir doch schon alles gebeichtet, und ich hab dir alles verziehen!“

Bei diesen Worten rückte er wieder an mich heran und umarmte mich ganz fest.

Ich aber fuhr fort:

„Nicht ganz alles –„

„Was willst du gute, liebe Seele denn noch Schlimmes gemacht haben, daß du so zitterst?“

Erst jetzt bemerkte ich, daß ich schon fast einen Schüttelfrost hatte, und sagte mit klappernden Zähnen:

„Ich hatte mal eine Affäre –„

„Ja, mein liebes, liebes –„

„Vielleicht bin ich dir gleich nicht mehr lieb, wenn ich die sage, daß ich mal was — er hat mir beim Cembalokauf geholfen — also: Es war der katholische Priester von Trudis Gemeinde.

„Der Gute ist doch auch nur ein Mann — dagegen kann ich doch überhaupt nichts sagen — die Katholiken mit ihrem Zölibat, die sind doch so was von weltfremd — deswegen kannst du beruhigt schlafen. „

Sprach's und überhäufte mich mit Küssen, ich aber begann zu weinen und stammelte:

„Du bist so gut und verständnisvoll zu mir — das hab ich nicht verdient — da war nämlich noch was — was viel Schlimmeres –„

„Du mußt mir das nicht sagen — und was du mir auch noch beichtest: Ich heirate dich trotzdem, das versprech ich dir!“

Waldemars liebe Worte munterten mich wieder etwas auf, und ich sagte lächelnd:

„Das sollte ich mir schriftlich geben lassen.

Denn — denn — ich hatte dann auch noch eine heftige Aff –„

„Mit deinem Bruder Hans –„

„Woher weißt du –?“, fragte ich entgeistert.

„Eigentlich weiß ich überhaupt nichts. Und bevor du jetzt mit dem Beichten angefangen hast, hatte ich keine Ahnung. Aber dann fiel mir wieder der Ton ein, wie du ,Hans!` gesagt hast, als ihr vorhin miteinander telephoniert habt — also mit deinem Bruder — das ist schon heftig — aber laß dir sagen: Ich lieb dich nach dieser Beichte mindestens genauso sehr wie vorher, eher mehr, aus Dank für deine Offenheit –„

Und er küßte mich und küßte mich und küßte mich, und irgendwann bei dieser Kußorgie berührte er mich an der falschen Stelle, das heißt: Er kitzelte mich, daß ich lachen mußte, und die Kußorgie ging in eine Lachorgie über und wie so oft dann auch in eine Heul-Orgie, und als ich mich auch davon wieder erholt hatte und normal reden konnte, sprudelte ich los:

„Nach Hermines Tod — du weißt: Sie ist an Krebs gestorben — kam Hans zu mir, weil er ein absolutes Antitalent in Hausarbeit ist.

Ich richtete seine Anzüge und machte manchmal auch bei ihm sauber, wenn seine Reinemachefrau wieder mal abgesagt hatte. Und dabei haben wir zum ersten Mal in unserem Leben auch über Persönliches und dann auch Intimes gesprochen. Hans wollte gern wissen, ob ich mit meinen verschiedenen, öfters wechselnden Freunden auch glücklich war, und ich hab auch ihm sozusagen „alles“ gebeichtet, auch Sauna und Segeltörn. Er war, wie du dir denken kannst, ziemlich entsetzt, andererseits spitzte ihn dieses Thema auch merklich an.

Irgendwann einmal hatte ich im Eifer des Gesprächs seine Hand auf meinem Schenkel, und ich weiß nicht, ob es bei der Gelegenheit war oder etwas später, ich weiß auch nicht mehr, wie es genau zu dieser Frage kam, jedenfalls fragte er, ob ich mir vorstellen könne, mit ihm intim zu sein, und ich hab einfach ehrlich mit ,Ja` geantwortet. ,Die Stimme des Blutes` ist doch Quatsch, aber ein Kind wollte ich natürlich nicht von ihm haben.

Hans fand dann eine fesche Freundin, die Familie dachte schon, das ist es für Hans, aber nach dem ersten Beilager verlangte sie von ihm, wenn er Vertrauen zu ihr hätte, ihr sein Haus zu überschreiben, wegen Steuer und so, und da hat er sie sofort rausgeschmissen. An dem Samstag kam er dann mit eingezogenem Schwanz — bildlich gesprochen — wieder mit seiner Wäsche bei mir an, und in der Nacht ist es dann passiert — das heißt, ich hab ihn schon vorher neben mir im Bett schlafen lassen, damit wir beim Abendessen was trinken können und ich nicht das Sofa für ihn machen mußte.

Das ging dann, bis er seine Annemarie gefunden hat. Es war nicht meine schlechteste Zeit — Hansens bestimmt auch nicht. „

„Das Ganze braucht natürlich niemand zu wissen, aber ich meine, du brauchst dir deswegen doch keine schlechten Gedanken zu machen, so was kommt doch in vielen Familien vor — was glaubst du!? Wo du das jetzt so erzählst, da muß ich doch auch was beichten. Ich und Marianne — Mausi und ich –„

„Was, ihr auch?“

„Sooo weit sind wir nicht gegangen, aber wir hatten, bis wir bei den Eltern auszogen, ein gemeinsames Kinderzimmer — das ging in der Wohnung nicht anders, wir hatten uns beim An- und Ausziehen an den Anblick des nackten Körpers des/der anderen gewöhnt, und seit ich elf war und Mausi dreizehn und ihr Interesse erwachte, haben wir aneinander beobachtet, wie sich unsere edlen Teile entwickeln.

Mausi hat mir stolz ihr sprießendes Schamhaar und ihre sich bildenden Brüste gezeigt. Ach ja, schon vorher wußte ich, wie man sich einen — damals noch trockenen — Steifen wichst und hab das Mausi vorgemacht. Etwas später konnte ich mich dann meinerseits mit sprießendem Schamhaar revanchieren. Ungefähr in der Zeit muß es gewesen sein, daß wir beiden unsere Schamteile gegenseitig buchstäblich unter die Lupe nahmen. Als ich die ersten feuchten Träume hatte, konnte auch die eigentlich weiter entwickelte Mausi nichts mit diesem Phänomen anfangen, aber nachdem mich einige Tage oder Wochen später ein Klassenkamerad aufgeklärt hatte: ,Vor dem Einschlafen die weiße Freude rauswichsen`, bin ich diesem Rat gefolgt, hab dies auch stolz der Mausi vorgeführt, und die feuchten Träume waren vorbei.

Da war ich fünfzehn und Mausi siebzehn. Im selben Jahr hatte Mausi ihren ersten Freund und wurde zur Frau, ohne große Probleme. Sie zeigte mir das Ergebnis, aber ich fand, der Anblick ihrer Muschi hatte sich nicht viel verändert. Die Freundschaft mit ihrem Entjungferer hielt aber nicht länger als zwei–drei Monate, und Mausis Trauer war groß. Jetzt war es, daß ich mich zum ersten Mal, als beide Eltern aushäusig waren, zu Mausi ins Bett legte — beide noch angezogen — und sie getröstet habe.

Dann aber legten wir uns auch nur mit Slip bekleidet und schließlich ganz nackt zusammen und entdeckten für uns das gegenseitige Wichsen und auch das Petten. Aber ich kann auf meine Ehre versichern, ein Eindringen hat es nicht gegeben. „

„Und wenn schon — davon geht die Welt auch nicht unter. „

Wir umarmten uns nach diesen outings noch einmal fest und schliefen beim Küssen ein.

Nach diesem aufregenden Tag und der nun wirklich aufwühlenden, dann aber doch schönen „Hochzeitsnacht“ und vor den wahrscheinlich aufregenden Gesprächen am Samstag und den noch aufregenderen mit meiner Mutter und meinem Bruder Hans am Sonntag hoffte ich, einen sozusagen außer dem Schuldienst „freien“ Freitag zu haben.

Aber nein: In einer Pause sagte mir mein Schuldirektor, der Schulrat habe angerufen und mich um drei Uhr nachmittag in die Schulbehörde bestellt. „Wahrscheinlich wegen Ihrer Rumänienpläne“, fügte er mit freundlicher Stimme hinzu.

Nach der sechsten Stunde und einer Arbeitsgemeinschaft für lateinische und griechische Zusatzlektüre, die ich in diesem Schuljahr angeboten hatte, war keine Zeit mehr, zum Umziehen nach Hause zu fahren, und so fuhr ich „notgedrungen“ in meinem zerknautschten Jeansdress zur Schulbehörde.

Mein Schulrat war in sehr guter Stimmung — „danke, daß Sie gleich kommen konnten. — Weswegen ich Sie heute hab kommen lassen: Ich möchte heute mit Ihnen die Formulare ausfüllen, die ich ans Unterrichtsministerium in Bukarest und an das Schulinspektorat in Hermannstadt schicken muß. Ihr Antrag auf offizielle Entsendung hat leider erst im nächsten Schuljahr Aussicht auf Erfolg. Aber haben Sie mit Ihrem Mann gesprochen wegen unbezahltem Urlaub?“

„Ja, das geht klar.

„Das freut mich — grüßen Sie ihn von mir. — So, und jetzt zu den Formularen. Ich kann ja eigentlich alles aus Ihrer Personalakte entnehmen, ich möchte aber doch mit Ihnen absprechen, was ich da reinschreiben soll. „

„Aber das wäre doch nicht nötig gewesen. In meiner Akte stehen doch keine Geheimnisse. „

„Das sagen Sie. Aber da war neulich ein Kollege, der hatte in seinem Lebenslauf ehrlich geschrieben: ,Studienunterbrechung; Aufenthalt in Griechenland`; im Klartext: der hat ein Hippie-Jahr am Mittelmeer eingelegt.

Dafür haben wir dann geschrieben: Auslandsstudium. War es ja auch in gewisser Hinsicht. „

Bei mir waren dann keine solchen Probleme. Es war alles klar: persönliche Daten, Schulbesuch, Studium wann, wo, welche Fächer, berufliche Tätigkeit. In einer Viertelstunde war der Fragebogen fertig ausgefüllt.

„Entschuldigen Sie bitte vielmals, daß ich Sie herbestellt habe, aber ich hab ja gesagt weswegen. — Und — Sie sagten — Sie denken ans Heiraten?“

„Das haben wir — mein Mann und ich — gerade gestern beschlossen.

„Und wann wird das sein?“

„Wahrscheinlich Anfang oder Mitte Juli. Sie kriegen natürlich auch eine Einladung, wenn der Termin feststeht. „

„Ich wäre auch so gekommen. „

„???“

Der Schulrat sagte lachend:

„Sie werden das ja wohl einreichen wegen Sonderurlaub und so, und das geht über meinen Schreibtisch, und dann kenne ich ja den Termin.

„Aber Sie kriegen natürlich auch eine Einladung. „

„Und ich hab ja auch nur einen blöden Scherz gemacht. Ich komme natürlich nur, wenn ich eingeladen bin und Sie mich dabeihaben wollen. In jedem Fall wünsche ich Ihnen von Herzen alles Gute — und den sonstigen Papierkrieg wegen Ihres Dienstes in Rumänien schicke ich Ihnen dann zu. „

Der Freitagabend und das Gespräch mit Trudi und Bernd am Samstag verliefen problemlos, aber der Sonntag!

Es begann damit, daß sich Waldemar nicht nur in einen dunklen, sondern sogar in seinen schwarzen Anzug warf und ausnahmsweise eine Fliege umband.

Als Ingenieur konnte er sie sogar selbst binden, Dieter hatte ich immer helfen müssen. Mir war es aber zu blöd als Braut in Schwarz, und so zog ich ein helles Frühlingskleid an, ein nicht zu kurzes, um meine Mutter nicht schon mit dem Anblick meiner Knie aufzuregen.

Als wir bei Muttern eintrafen, waren Hans und Annemarie schon da, hatten meine Mutter schon schonend auf Rumänien vorbereitet und viele gute Wörter für uns eingelegt, denn Mama war natürlich nicht begeistert über die mindestens dreijährige Abwesenheit ihrer Tochter.

Dies werde ich meinem Bruder nie vergessen, denn es hat uns das nötige Gespräch mit Mama sehr erleichtert.

Als wir unserer rüstigen Mutter auch die vielen Reisemöglichkeiten nach Rumänien — darunter auch in wenigen Stunden mit dem Flugzeug — verklart hatten, gab sie uns ihren Segen — „da bist du mit deinen Fächern ja wohl wirklich mal am richtigen Platz“ –, und wir schritten zur Kaffeetafel.

Kaum aber hatten wir uns gesetzt und wollten gerade unsere Teller mit dem herrlichen Kuchen beladen, da erhob sich Waldemar feierlich, klopfte an sein Glas und hub an:

„Liebe Familie Heilburg, liebe Waltraut, lieber Hans, das wichtigste heute ist bisher noch nicht gesagt, und ich will nicht viele Worte machen: Ich bitte euch um die Hand Eurer Tochter, Eurer Schwester Kirsten, genannt Melanie.

Uns Frauen, aber auch Hans kamen die Tränen, und Waldemar setzte sich wieder, sich hilflos in der heulenden Gesellschaft umsehend. Annemarie, die neben mir saß, umarmte mich und flüsterte mir zu:

„Ich wünsche dir alles Glück dieser Welt mit diesem tollen Mann. „

„Ich dir aber auch mit Hans“, flüsterte ich zurück.

Meine Mutter rettete die Situation, indem sie Waldemars Hand nahm und ihm sagte:

„Nu sett di man wieder dal, min Jung!“

Es war eines der ganz wenigen Male, daß ich meine Mutter mehr plattdeutsch habe reden hören als „min Deern“.

Zwischen meinen Eltern war immer ein kleiner Knatsch gewesen, wenn mein Vater immer mal wieder platt redete, wie es bei ihm zu Hause gesprochen wurde. Im Elternhaus meiner Mutter, obwohl ebenfalls in Norddeutschland, sei immer nur Hochdeutsch gesprochen worden.

„Meinen Segen habt ihr“, fuhr meine Mutter fort, „und wann soll das große Fest steigen?“

„Wir haben gedacht, Anfang oder Mitte Juli. „

„Das ist ja gleich um die Ecke, dann muß ich ja schnell zu meiner Schneiderin und mir ein neues Kostüm machen lassen.

„Dat werden wir auch schon schaffen, Mutting“, meinte Hans. „Das kannst du dann bei unserer Hochzeit gleich wiederverwenden. „

„Und wann soll das sein?“

„Wohl erst nächstes Frühjahr. „

Es wurde dann eine der gelöstesten Gesellschaften bei meiner Mutter. Außer Annemarie hatten alle Anwesenden solche Situationen schon erlebt und durchgestanden, und es wurde viel Lustiges davon erzählt. Waldemar schoß den Vogel ab, als er erzählte:

„Entschuldigt bitte, wenn ich heute etwas ungeschickt war.

Aber das ist für mich das erste Mal. Ja, seht mich nicht so an! Damals mit Anne, Gott hab sie selig, das waren die Nachwehen der Achtundsechziger — wir sind mit Jeans zu Annes Eltern gegangen, und Anne — ja: Anne! — hat gesagt: ,Hallo, ihr beiden, wir kennen uns mit Waldemar ja jetzt schon fast ein Jahr, und wir wollen jetzt heiraten. ` Aber Annes Papa sagte nur lachend: ,Dann müßt ihr euch ja mal neue Jeans kaufen!` Es war dann aber doch eine traditionelle Hochzeit in weißen oder schwarzen Gewändern.

Irgendwann legte Hans nach und sagte:

„Mutting, du bist doch froh, daß wir Waldemar jetzt in der Familie haben!? Nichts gegen den guten Dieter, aber mit Waldemar kannst du dich sicher besser über Literatur unterhalten, wie du das so gerne machst. „

„Aber wenn die beiden jetzt nach Rumänien abdampfen –„

„Dann übers Telephon. Ich kauf dir einen Computer und zeig dir, wie man übers Internet fast umsonst telephonieren kann.

„So'n neumodischen Tünkram. „

„Ach, Mutter, das lernst du auch noch!“, meinte Waldemar. Ich glaube, dies war das erste Mal, daß er sie mit „Mutter“ anredete.

Später fragte ich in die Runde:

„Sagt mal, wo ist eigentlich unser Brüderlein Werner?“

„Ich hab ihn angerufen und eingeladen und ihm so in etwa erzählt, worum es geht. Er hat, glaub ich, heute nachmittag Sitzung in seinem Verein und soll zum Vorsitzenden gewählt werden“, berichtete Hans.

„Na, wenn ihm das wichtiger ist –„, meinte meine Mutter bloß.

Nach dieser aufregenden Woche war die folgende mit fast „nur“ Schuldienst richtig eine Erholung. Allerdings „fast“: Wir bestellten beim Standesamt das Aufgebot, nicht ohne vorher mühselig die notwendigen Akten zusammengesucht zu haben, und begaben uns am Freitag nachmittag mit Trudi und Bernd zu unserem Gemeindepfarrer zum Traugespräch. Da die Trauung ja erst in fast zwei Monaten stattfinden sollte, bat uns der Pfarrer nachdrücklich, in der Woche davor noch einmal zu einem Gespräch zu kommen, was wir ihm versprechen mußten.

In die nun folgenden Frühlings- und Sommerwochen vor unserer Hochzeit fielen noch zwei Ereignisse, die eigentlich nicht so sehr zu meinem Status als verlobte Braut passen.

Eines Abends ging das Telephon; Waldemar nahm ab und gab mir gleich den Hörer weiter mit den Worten: „Peter; Peter Fink. „

„Hallo, Peter“, flötete ich in die Muschel, „das ist schön, daß du dich wieder mal meldest.

„Ja, und ich wollte fragen — ich komm nächste Woche wieder mal für einige Tage nach Hamburg — ob ich wieder bei dir wohnen kann. „

„Das ist jetzt schlecht — weißt du, ich bin nämlich seit jetzt schon über einem halben Jahr nicht mehr allein, ich lebe jetzt mit Waldemar zusammen — das hab ich dir aber schon vor einigen Wochen am Telephon gesagt — und wir sind jetzt auch verlobt –, der hat eben auch abgenommen.

Statt der erwarteten enttäuschten Reaktion rief Peter ins Telephon:

„Das freut mich aber für dich, Melanie, wirklich — das macht gar nichts — aber wir können uns doch sehen, und Waldemar werd ich doch auch kennenlernen?“

„Ja, natürlich. „

„Dann nehm ich wieder ein Zimmer im Remmel — ich hab nur eine Bitte. „

„Und die wäre?“

„Daß du mich vom Flughafen abholst.

Ach, so: Ich hab ganz vergessen zu sagen: Ich bin ja jetzt in Amerika und komme mit dem Flugzeug — um elf Uhr abends; wie ich dich kenne, ist das noch nicht gerade zu spät für dich –?“

„Nein, das geht schon. „

„Ich hab nämlich kein deutsches Geld für ein Taxi und weiß nicht, ob ich so spät am Flughafen noch Dollars tauschen kann — und ob Hamburger Taxifahrer Kreditkarten akzeptieren, wage ich zu bezweifeln — Es wäre einfach bequemer, wenn du mich abholst.

„Das tu ich doch gern!“

„Also dann: Mittwoch abend dreiundzwanzig Uhr, der Flug von Chicago. „

„Okay, das schreib ich mir auf. Dann tschüs bis Mittwoch nächster Woche!“

Ich erzählte Waldemar die Teile des Gesprächs, die er nicht gehört hatte, und Waldemar fragte gleich:

„Nimmst du mich nicht mit zum Flughafen? Ich würde Peter so gern kennenlernen; du hast so schön von ihm erzählt.

„Natürlich darfst du mitkommen. Ha! Dann brauch ich nicht selbst durch die dunklen Straßen zu fahren!“

Am Mittwoch also begaben wir uns zum Flughafen. Die Maschine war pünktlich, und als die Passagiere herauskamen, zeigte ich Waldemar schon:

„Der große Herr mit dem schwarzen Hut: Das ist Peter. „

Da hatte Peter mich schon gesehen, ging auf uns zu, aber statt, wie ich es erwartet hatte, mich zu umarmen, ging er auf Waldemar zu und sagte:

„Das wird also Waldemar sein — Peter Fink.

„Angenehm — Waldemar Schröder. „

„Sag mal — Waldemar — Schröder — warst du nicht mal Hamburger Jugendmeister im 100-m-Lauf und standest auf dem Treppchen?“

„Dritter! Ich war nur Dritter! Und das auch nur, weil das As, der Wilfried Sommer, mit Grippe im Bett lag. „

„Richtig — oh, und entschuldigen Sie, daß ich Sie geduzt hab! Das ist mir so rausgerutscht!“

„Bleiben wir doch beim Du, Peter, wir alten Jungs von der Waterkant!“

„Daß du so eine Sportskanone warst, hast du mir gar nicht erzählt“, sagte ich zu Waldemar in tadelndem Ton.

„Ich wollte damit nicht angeben — es ist doch auch Jahrzehnte her. „

„Und jetzt muß ich doch auch unsere Melanie begrüßen! Waldemar: Darf ich ihr ein Küßchen geben?“

„Du darfst!“

Und Peter umarmte mich herzlich; dann sagte er:

„Du siehst jedesmal, wenn ich dich besuche, jünger aus. „

„Alter Schmeichler! Aber du hast wirklich etwas abgenommen.

„Ja! Arbeit, Sorgen, Jogging. — Aber fahren wir doch los — darf ich euch noch zu einem Happen einladen?“

„Meinst du, wir kriegen so spät noch was im Remmel?“

„Ich hab das bei der Anmeldung bestellt. „

Bei der Fahrt zum Remmel fuhr Waldemar wieder einmal seine Schleichwege. Ich kannte das schon bei ihm: Immer zeigte er gern, wie gut er auch Hamburgs Nebenstraßen kannte, und er war meistens wirklich schneller am Ziel als jeder Taxifahrer.

Nur Peter sah sich immer verwunderter um, so daß ich ihm sagte:

„Wir lassen dich irgendwo im Dunkel raus und verschwinden dann mit deinem Koffer voller Dollars. „

„Na, dann freut euch auch über die getragenen Unterhosen!“, war Peters trockene Antwort.

Damit war Waldemar schon von der „falschen“ Seite beim Remmel angelangt, bog auf den Parkplatz ein und sagte nur:

„Da wären wir, meine Herrschaften!“

Peter führte uns ins Restaurant zu dem bestellten Tisch — er hatte wirklich für drei Personen bestellt! — und meldete sich dann bei der Rezeption an.

Das dauerte bei diesem wenig bekannten, aber erstklassigen Hotel nur eine halbe Minute, dann gesellte sich Peter zu uns. Es entspann sich eine lustige Unterhaltung bei gutem Essen — Waldemar und ich so spät nur ein Omelett, aber Peter ließ sich ein Zigeunerschnitzel bringen.

„Das hab ich auch schon von Amerika bestellt. Während des Fluges hab ich fast nichts gegessen, das ist so bei mir: Wenn wir vielleicht in Turbulenzen gekommen wären, kann ich für meine Umgebung nicht garantieren — und so hab ich einen Heißhunger!“

Wir sahen Peter ein wenig neidisch beim Essen zu und erzählten ihm abwechselnd unter anderem, wie wir uns kennengelernt hatten und wie wir uns bei Konzertbesuchen näher kennengelernt hatten und noch so einiges — und die Verlobung und geplante Hochzeit.

„Du hast auf eine Anzeige geantwortet, Melanie: Dann muß es dir ja ziemlich dreckig gegangen sein. „

„Das war es. Das ist jetzt ja aber zum Glück vorbei!“ Damit streichelte ich zart Waldemars Hand. „Und lästere bitte nicht über das Kennenlernen per Anzeige!“

„Ja, das ist so ein blödes bürgerliches Vorurteil, da hast du recht, Melanie. „

Als wir fertig gegessen und Peter und ich noch ein Glas Portwein genossen hatten — Waldemar hielt sich zurück, um nüchtern nach Hause fahren zu können –, sagte Waldemar:

„So, ich mach mich dann mal auf.

Ihr beiden wollt euch sicher noch in kleinerem Kreis weiter erzählen. „

„Nein, Waldemar: Ich will dir deine Melanie nicht ausspannen! Das ist jetzt vorbei! Ich freu mich ja so für Melanie, daß sie einen so lieben Kumpel gefunden hat! Nein, ich hatte gedacht — ihr seid doch Musikliebhaber — ich lad euch morgen in die Oper ein — oder, wie ich dich kenn, Melanie, wäre dir ein Konzert lieber — ich frag morgen mal rum, was es gibt, und lass dann meine Beziehungen spielen, daß wir gute Karten kriegen.

Ihr seid doch einverstanden?“

„Das ist doch wirklich nicht nötig, Peter. Komm doch morgen abend lieber zu uns, und wir erzählen uns weiter. „

„Das machen wir nach dem Konzert! Keine Widerrede. „

„Na, dann vielen Dank, Peter. Wenn du was gefunden hast, dann ruf Waldemar auf dem Handy an — ich hab so was Neumodisches noch nicht. „

„Okay, dann bis morgen — irgendwie werden wir den Abend schon rumkriegen!“

Auf der Fahrt nach Hause fragte mich Waldemar:

„Oder wärst du gern über Nacht bei Peter geblieben?“

„Ehrlich gesagt, hatte ich mir das schon so vorgestellt.

Aber es ist gut so. Als der Peter auf deinen diesbezüglichen Vorschlag nicht eingegangen ist, wär es blöd gewesen, wenn ich mich aufgedrängt hätte. Es ist schon alles sehr gut so, und mal sehen, was sich Peter für morgen ausdenkt — ich lass mich überraschen. „

Zu Hause angekommen fuhr ich fort:

„Es freut mich, daß uns die Leute immer mehr als Mann und Frau akzeptieren, so daß sogar der wilde Peter seriös wird.

Damit überhäufte ich Waldemar mit Küssen und sagte:

„Willst du jetzt nicht auch noch ein Glas Port mit mir trinken?“

„Wir haben aber nur Samos im Haus!“

„Ist doch quasi dasselbe!“

Als am folgenden Nachmittag Waldemar von der Arbeit nach Hause kam, berichtete er von Peters Recherchen:

„Peter hat angeboten: in der Oper der Lohengrin, in der Großen Musikhalle spielt Brendel Mozart und Schubert — Peter sagt, er würde auch dafür noch Karten organisieren können — und in der Kleinen Musikhalle spielt eine Gruppe Renaissance- und Frühbarockmusik auf Originalinstrumenten.

Ich hab für dich für die Kleine Musikhalle entschieden. „

„Da hast du gut daran getan — und wo sollen wir uns treffen?“

„Peter kommt um sieben her, und er sagt, wir fahren dann mit einem Taxi in die Stadt. „

„Na, dann such ich uns mal was Schönes zum Anziehen raus. „

Peter kam pünktlich, auch schon mit einem Taxi, mit dem wir dann weiter zur Musikhalle fuhren.

Das Konzert mit schöner Renaissancemusik, der man noch die Freude über die Entdeckung des Dreiklangs nach dem gotischen Zickzack mit seiner Quarten- und Quintenharmonik anmerkte, war erhebend für mich — Waldemar kannte ja meinen Musikgeschmack, und nach dem Konzert fragte Peter:

„Ich würd euch gern noch zu was einladen. „

„Aber wir hatten doch gesagt, du kommst nach dem Konzert zu uns. Ich hab ja auch was vorbereitet, allerdings ,nur` Bratskartoffeln mit Spiegelei, aber die hast du ja bei deinem letzten Besuch so gern gegessen.

„Wenn es dir nicht zu viel Mühe macht, komme ich gern. „

„Die Mühe hab ich mir ja schon gemacht! Also los, fahren wir!“

Wieder mit dem Taxi fuhren wir zu uns nach Hause, und während ich die „Bratskartoffeln“ und die Spiegeleier machte, streifte Peter durch die ihm so bekannte Wohnung. „Fühl dich wie zu Hause!“, rief ich ihm aus der Küche zu. Peter warf dann auch einen Blick ins Schlafzimmer, und als er zurückkam, sagte er in etwas melancholischem Ton zu Waldemar:

„Hier hat sich auch ein Teil meiner Jugendsünden abgespielt — das ist jetzt auch schon über sechs Jahre her — Melanie hat dir sicher davon erzählt.

„Hat sie, in großen Zügen. „

„Ich freu mich wirklich für Melanie und für euch; bitte glaub mir das!“

Als wir bei Tisch saßen und das einfache Mahl genossen, sagte Waldemar in leichter Abwandlung ein Zitat aus einem der bekannten Loriot-Sketche:

„Wenn meine Frau Bratskartoffeln zubereitet, sind sie leicht und bekömmlich. „

Damit war das Eis von Peters Melancholie-Anfall gebrochen, und wir warfen uns weitere Zitate an den Kopf, vom „klassischen Horizontalensemble“ über „Der Herr ißt eine Schweinshaxe“ und das Atomkraftwerk, das „puff“ macht, bis zu „Die Ente bleibt draußen“ — und noch viele andere.

Wir kamen aus dem Lachen gar nicht mehr heraus, erinnerten uns an den Weinvertreter Blümel und den Saugblaser „Heinzelmann“ mit dem Werbespruch: „Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mama sonst nur saugen kann“; und bei der im Original belegten Variante — als der Vertreter, der dieses Supergerät vorführt, durch Blümels Weine schon sehr hinüber war — mit „blasen“ statt “ saugen“, da wieherten wir, besonders die Herren, erst richtig los.

Und als unsere Stimmung irgendwann, wie es kommen mußte, ihren Höhepunkt überschritten hatte, bot Waldemar Peter an, ihn zum Remmel zu fahren, was aber Peter dankend ablehnte, sondern bat, ihm ein Taxi zu bestellen.

Beim Abschied sagte ich zu Peter — ich hatte etwas zu viel getrunken:

„Sei mir bitte nicht b-böse, Peter, daß ich die Nacht nicht mit d-dir f-verbringe –„

„Du brauchst dich wirklich nicht zu entschuldigen, Melanie. Ich sehe doch, wie glücklich du mit Waldemar bist!“

„L-laß mich gefälligst ausreden! Aber zu Zeiten, wo ich w-wirklich mit einem Mann g-glücklich war, da hab ich nicht nach l-links oder rechts gesehen — mit Rolf, mit d-dir, dann mit Di-Dieter in den ersten Jahren meiner Ehe, und jetzt mit W-Waldemar.

Sonst war m-meine Devise — das w-wißt ihr beide: ,W-wenn dich die bösen M-männer locken, dann folge ihnen n-nach!`“

„Pass auf dich auf, Melanie — und paßt aufeinander auf, ihr beiden!“, sagte Peter zum allerletzten Abschied und verschwand, denn das Taxi hupte schon.

„Das hätt ich jetzt nicht so offen sagen sollen, daß ich so glücklich bin –„

„Ich will doch nur, daß das so bleibt“, sagte Waldemar und küßte seine leicht beschwipste Melanie.

In diese wildbewegte Zeit fiel dann auch noch Rolfs schon lange angekündigter Besuch. Eines Tages rief er an und sagte, er wohne in einer kleinen Pension in Schnelsen und wann und wo wir uns treffen könnten.

„Komm doch heute abend zu uns!“

„Geht denn das? Ich meine –„

„Was meinst du? Natürlich geht das. Waldemar weiß von dir. Du hast unsere Adresse?“

„Ja! Kann man bei euch parken?“

„Du wirst schon was finden! Wann kannst du kommen?“

„So gegen sieben?“

„Das paßt wunderbar! Dann bis später!“

Mit ein paar Minuten Verspätung klingelte es.

Da ich in der Küche ein Abendessen zubereitete, fragte Waldemar ins Interphon:

„Wer ist da, bitte?“

„Petereit. Rolf Petereit“, krächzte es aus dem Apparat.

„Dann geh zur rechten Tür rein und fahr mit dem Fahrstul in den siebten Stock!“

Wir hatten uns mit Waldemar abgesprochen, daß er auch Rolf sozusagen von der ersten Sekunde an das Du anbieten sollte.

Waldemar öffnete schon die Wohnungstür, bald kam der Lift, und ihm entstieg Rolf.

Er zuckte merklich zurück, als er einen Mann in der Wohnungstür sah, aber ich kam gleich aus der Küche mit Schürze heraus und umarmte Rolf:

„Entschuldige meinen Aufzug, aber ich mach uns was zu essen. Das hätte ich schon fast nicht mehr geglaubt, daß wir uns noch einmal sehen. „

Rolf war viel steifer als Peter und auch als Conny; er hatte seine Verlegenheit im Umgang mit anderen Menschen, die ihn mir damals auch so sympathisch gemacht hatten, immer noch nicht ganz verloren.

Waldemar rettete mit seiner Herzlichkeit die Situation, indem er zu Rolf sagte:

„Ich bin also Waldemar, und du bist Melanies erster Freund gewesen. Sie hat soviel Liebes über dich erzählt: Duzen wir uns doch einfach! Komm ins Wohnzimmer, stoßen wir auf unsere Bekanntschaft an, solange Melanie das Essen macht!“

Als ich die Pasteten auftischte, waren die beiden schon beim zweiten Glas Cognac, und Rolf taute allmählich auf. Er und Waldemar hatten sich von ihren Berufen erzählt und manchen gemeinsamen Bekannten herausgefunden.

Hierüber sprachen wir beim Essen weiter, und danach ließ Waldemar Rolf und mich dezent eine Zeit allein auf dem Sofa miteinander reden; er sagte, er habe in seinem Zimmer noch was zu tun.

Was ich in unserer zarten Jugend nicht herausfinden konnte, weil wir nichts tranken, merkte ich jetzt, nachdem wir beim Essen auch Wein getrunken hatten: Rolf war vom Typ, der beim Alkoholgenuß weinerlich wird.

Irgendwann brach es aus ihm heraus:

„Das war wirklich zu und zu blöd, daß wir uns damals getrennt haben!“

„Bitte, lieber Rolf, keinen Neid auf Waldemar! Und wir haben uns nicht getrennt, sondern du hast mich sitzenlassen. „

„Du warst doch nicht etwa schwanger?“

„Nein, das hab ich nicht gemeint. Du hast mich einfach ohne Freund sitzenlassen. „

„Und ich hatte auch lange keine Freundin.

Zu blöd!“

„Und mit deiner Frau bist du glücklich?“

„Es ist nicht mehr die heiße Liebe wie am Anfang, aber wir halten gut zusammen. Und wie ist es dir ergangen?“

„Ich hatte ein bewegtes Leben. Ich kann jetzt nicht alles erzählen. Erst seit einem halben Jahr mit Waldemar bin ich wieder in ruhigem Fahrwasser. — Wir sind übrigens verlobt, das hatten wir wohl vergessen zu sagen.

„Aber du warst doch auch verheiratet, hast du gesagt?“

„Ich hab viel zu früh und fast völlig unerfahren mit zwanzig geheiratet, mit dreiundzwanzig hab ich gemerkt, daß mein Mann in Puffs geht, und mit sechsundzwanzig, daß er Freundinnen hat. Das hat mich dumme Gans damals so umgehauen, daß ich aus Rache auch fremdgegangen bin, und dann hatte ich viele Liebhaber, nette und weniger nette, meistens zum Glück aber nette.

„Und daran bin ich schuld?“

„Das ist zuviel gesagt, Rolf. Aber ich hatte damals schon gehofft, mit dir und einigen Kindern von dir alt zu werden — den Jungmädchentraum hast du allerdings damals zerstört. „

„Und meinen eigenen auch. „

„Nur weil Olaf für ein paar Sekunden sein Ding in mich gesteckt hat — es hatte für mich wirklich überhaupt keine Bedeutung! Aber deinen Traum hast du dann ja mit deiner Frau verwirklicht.

„Ja, das kann man sagen. — Und um so schlimmer ist es, daß du nicht –„

„Nun fang deshalb bitte nicht an zu heulen — tempi passati — und wir sind ja trotzdem zu anständigen Menschen geworden — so was haben doch viele, wenn nicht die meisten erlebt — auch Waldemar — ich darf doch davon reden? — hat seine Jugendliebe nicht geheiratet, weil sie einen anderen genommen hat, mit dem sie dann fürchterlich unglücklich war — also Kopf hoch — jetzt ist doch — wenigstens für uns hier — alles gut!“

Ich merkte auch, daß mich Rolf auch noch oder wieder sehr deutlich begehrte.

Schon seit der Begrüßung spürte ich, wie er mit seinen Blicken meinen Körper abtastete, und jetzt, als wir allein auf dem Sofa saßen, wagte er das eine und den andere Streicheln meiner Knie, die mein Rock beim Sitzen frei ließ. Zu Weiterem aber ließ er sich nicht hinreißen; er fürchtete wohl, daß Waldemar zu uns zurückkehren könnte. Ich hatte weniger Hemmungen, eventuell mit ihm in der Jugend Versäumtes nachzuholen, und wir hatten uns mit Waldemar ja auch die Freiheit dazu gegeben.

„Rolf“, sagte ich schließlich, „wenn du morgen nachmittag Zeit hast, dann können wir zusammen mal zu unserer Wiese fahren und sehen, was von ihr übriggeblieben ist. Im Wesentlichen ist sie bebaut, aber die Büsche am Rand und ein schmaler Streifen existiert noch. Hast du nicht Lust?“

„Und was wird Waldemar sagen, wenn wir allein –„

„Das haben wir mit ihm so abgemacht: Mit unseren besten Jugendfreunden dürfen wir mal was allein unternehmen — auch wenn es etwas Engeres werden sollte.

„Meinst du wirklich?“

„Ja, das mein ich wirklich! Also soll ich dich um drei Uhr von deiner Pension abholen?“

„Danke, gern! Und wir fahren dann zu unserer Wiese!“

Hatte Waldemar unser Gespräch abgehört — nein, wohl doch nicht, er kam wohl zufällig gerade jetzt aus seinem Zimmer zu uns zurück, fragte aber vorsichtig:

„Darf ich jetzt wieder kommen, oder wollt ihr noch was unter euch besprechen?“

„Nein, nein, komm nur.

Wir haben uns gerade für morgen nachmittag verabredet, um einige Stellen unserer Jugend aufzusuchen. „

„Da wünsch ich euch viel Spaß!“ lachte Waldemar.

Wir tranken small-talkend noch ein Gläschen Wein, dann fuhr Rolf zu seiner Pension zurück, und als er gegangen war, fragte mich Waldemar:

„Der Rolf will doch was von dir?“

„Den Eindruck hab ich auch. „

„Aber du sagst, eure Wiese gibt es praktisch nicht mehr.

„Ich hab mir gedacht, wir fahren erst mal zu unserer Wiese, ich möchte auch wieder einmal sehen, wie es da jetzt ist, und dann fahr ich mit ihm zu unserer Waldwiese. „

„Und wenn es morgen zu kühl oder zu feucht ist?“

„Dann fahren wir zu Rolfs Pension. „

„Nicht hier? Es ist doch klar, daß ich euch das erlaube. „

„Danke, Waldemar, das ist lieb von dir, aber ich habe es in meiner ganzen langen Sex-Karriere noch nie — na ja, ganz, ganz selten — in meinem Ehebett mit anderen Männern getrieben — Dieter auch nie, das muß man ihm lassen — nein, Rolfs Pension muß ihm genügen.

„Und ich finde es lieb, daß du von unserem Bett als Ehebett redest. — Wollen wir uns nicht in dasselbe zurückziehen — und vielleicht –„

„Du meinst, ich soll vorher etwas üben? Da hast du ganz bestimmt recht! Na, dann komm! Du Schlingel kannst mich auch immer wieder zum Bodenturnen verführen!“

Und von diesem Gespräch und von der Vorstellung, daß mich morgen vielleicht oder sogar wahrscheinlich ein anderer Mann — einer, den er sogar kannte — nehmen würde, reizte Waldemar so an, daß er alle seine Künste an Fingerfertigkeit, Geschwindigkeits- und Stoßwinkelvariationen spielen ließ und mich so zweimal zum Höhepunkt brachte, bevor er endlich seine Lust in mich entlud.

Als wir wieder zu Atem gekommen waren, sagte ich lachend zu Waldemar:

„Danke, daß du mich vor morgen noch einmal daran erinnert hast, wo ich wahren Sex finde — ich hätte es fast vergessen!“

Darauf schliefen wir fest umschlungen ein.

Am nächsten Nachmittag also holte ich Rolf von seiner Pension ab und fuhr direkt zu unserer damaligen Wiese. Die Buschreihe, die sie begrenzte, stand noch, und parallel zu ihr verlief ein Spazierweg mit Bänken.

Auf eine setzten wir uns und ließen alte Erinnerungen aufleben.

„Weißt du noch, wie wir das erste Mal hier im Gras saßen und ich dein Hemd aufknöpfte? Aber du hast dich zu nichts getraut, und ich mußte deine Hand an meinen gerade knospenden — oder doch schon sehr geknospten — Busen führen. „

„Ja, das weiß ich noch wie heute!“, sagte Rolf und machte diese Bewegung diesmal ohne besondere Aufforderung.

Eine Schar spielender Kinder, die gerade borbeizog, wunderte sich wohl über diese zwei „uralten“ turtelnden und sich befingernden Liebenden.

Rolf taute allmählich auf und fuhr von sich aus fort:

„Und weißt du noch — ich glaube, das war nur eine Woche danach–, wie ich mit der Hand unter deinen Rock ging und erschrocken zurückfuhr, als ich oben angelangt war?“

Auch diese Bewegung machte er jetzt, da uns gerade niemand sah.

„Ich glaube, es war damals sogar etwas feucht — wie auch jetzt — kann das sein?“

„Jetzt kann es wohl sein, du Lüstling, aber damals, glaub ich, nicht, soweit war ich damals noch nicht. — Aber ich weiß es auch noch wie heute, wie du an den Busch getreten bist, angeblich um zu pinkeln, und wie ich dich dann gegen deinen Willen herumgedreht hab und zum ersten Mal dein enormes Ding gesehen hab? — Das mach aber jetzt hier bitte nicht nach!“

„So groß war und ist mein Ding gar nicht –„

„Das hab ich dann später durch Vergleiche auch festgestellt — aber es war der erste männliche Steife, den ich live gesehen hab, und ich war schon mächtig beeindruckt — und wie du dann in die Gegend gespritzt hast, das seh ich immer noch gerne.

„Ich würd ja so gerne dies Spiel mit dir weiterspielen — aber hier geht das doch nicht. „

„Nein, aber ich kenn inzwischen eine andere Wiese, wo uns bestimmt niemand stört. Wir müssen nur etwa eine halbe Stunde aus der Stadt fahren. Na, komm wieder ins Auto, fahren wir!“

Ich fuhr mit Rolf zu „meiner“ Waldwiese. Es war ein warmer, trockener Maitag; hoffentlich war aber das Gras von den Regenfällen der letzten Tage getrocknet.

Auf alle Fälle hatte ich einige Decken ins Auto gepackt. Auf dem Weg erzählte ich Rolf einige wichtige Stationen meines Liebes- und Sexlebens, auch die Sauna.

„Das muß ja furchtbar gewesen sein! Wie hast du das nur ausgehalten?“

„Das war gar nicht so furchtbar. „

„Wenn ich dich damals geheiratet hätte, wäre das nicht passiert. „

„Wahrscheinlich nicht — aber wer weiß? Meinst du, wir hätten es fünfundzwanzig Jahre miteinander ausgehalten? Das weiß doch niemand.

Jetzt treffen wir uns nach fünfundzwanzig Jahren wieder und haben Lust aufeinander, aber auch das hätte nach fünfundzwanzig Jahren Ehe anders ausgesehen. „

„Du magst ja recht haben — aber du im Puff. „

„In einem Edelpuff — bitte: Ich lege Wert auf dieses ,edel`. Und das ist jetzt ja auch vorbei, und jetzt bist du dabei, es mit einer quasi verheirateten Frau zu treiben. „

„Erstens seid ihr noch nicht verheiratet –„

„Nimm es doch nicht so genau — bist du unter die Erzkonservativen gegangen?“

„Nein — und zweitens hast du gesagt, Waldemar erlaubt das.

„Das hab ich allerdings gesagt. — Hast du eigentlich Erfahrung mit dem Flachlegen verheirateter Frauen?“

„Keine. „

„Auch nicht mit Fremdgehen?“

„Nur einmal ganz kurz mit einer Kollegin. „

„Und was hat deine Frau dazu gesagt?“

„Sie hat mir verziehen. Es war während ihrer zweiten Schwangerschaft, und es war wirklich nur ganz kurz — zwei Wochen.

Als ich es meiner Frau gebeichtet hab, war es schon wieder vorbei, und sie hat mir verziehen. „

„Und was wird sie zu deinen jetzigen Eskapaden sagen?“

„Sie hat beim Abschied etwas resigniert gesagt: ,Treib es nicht zu doll mit seiner Exfreundin!` Und das hab ich auch nicht vor. „

Ich wählte vom Wanderparkplatz den kürzeren Weg zu meiner Wiese, da es schon auf den Abend ging.

Auch Rolf gefiel diese Stelle sehr. Ich breitete die mitgebrachten Decken auf das noch etwas feuchte Gras und bereitete uns eine „betestat“. Dann fielen Rolfs Hemmungen; er umarmte mich stürmisch, streichelte mich überall und entkleidete mich dabei. Auch mir gelang es, ihn nach und nach unter den Küssen seiner Kleider zu entledigen, und als wir nackt waren, fanden wir uns eng umschlungen nebeneinanderliegend, und wir wiederholten ziemlich genau unsere Petting-Übungen von unserem letzten Treffen vor siebenundzwanzig Jahren — wir intensivierten unsere Bemühungen — ich flüsterte Rolf zu: „Ein Kondom brauchen wir nicht“ — diesmal fuhr er mit seiner „Maschine“ nicht nur in meiner Spalte auf und ab, sondern fand die inzwischen geweitete Öffnung, drang ein, zeigte seine nicht geringen Künste, und wir kamen fast gleichzeitig zu einem Höhepunkt.

Rolf ließ seinen Schwanz in mir schrumpfen, wie ich es so liebe — wer hatte ihm das gesteckt? –, und ich sagte zu ihm:

„Damals hab ich frech zu dir gesagt — nein, es war ja Trudi, die Tacheles mit dir geredet hat–, du würdest wohl Mühe haben, ein Mädchen zu finden, das noch kein anderer vor dir gehabt hat. Sag mal ehrlich: Hast du je ein solches Mädchen gefunden?“

„Nie, Melanie, nie.

Ich war ja so blöd damals, statt mich zu freuen, daß mir Olaf die schwierigste Sache abgenommen hat — und jetzt, wo du sagst, es habe dir gar nichts bedeutet, ärgere ich mich noch mehr. Aber damals als unerfahrener Schnösel hab ich ja geglaubt, kein Sex, schon gar kein Entjungfern ohne große Liebe. „

„Ich hab ja noch mit Engelszungen auf dich eingeredet und hab dir ja schon damals tausendmal gesagt, daß Olafs Tat überhaupt keine Bedeutung für mich und dich hatte, aber du hast mir nicht geglaubt.

— Aber wir wollen nicht in Traurigkeit versinken. So war es nun mal, und so oder so ähnlich war es mit vielen anderen! — Sag: Willst du es noch einmal versuchen?“

„Nein, Melanie — oder willst du? Ich würde sagen: Laß das unseren Abschluß sein, jetzt endlich nach so vielen Jahren. Wir haben ja eigentlich unsere Partner, mit denen wir glücklich sind. „

So kuschelten wir uns „nur“ eng aneinander und schliefen bald ein.

Als wir aufwachten, war es schon fast dunkel. Das Anziehen ging ja noch, aber den Weg zum Parkplatz zu finden: Davor hatte ich ziemliche Angst, war ich doch hier noch nie in der Dunkelheit gewesen. Aber Rolf hatte einen guten Ortssinn, und schon nach wenigen Metern sahen wir an den in der Ferne vorbeihuschenden Lichtern, in welcher Richtung die Straße und der Parkplatz lagen.

Ich lud Rolf auch heute abend zu einem Abendbrot ein.

Als wir zu Hause anlangten, fragte Waldemar:

„Na, da seid ihr ja endlich. Ihr müßt ja unersättlich gewesen sein!“

„Nicht, was du denkst: Die meiste Zeit haben wir sanft und selig schlafend stummen Abschied von unserer Jugend gefeiert. „

„Na, dann kommt zu Tisch. Ich hab was ganz Leckeres gemacht: zwei Dosen Ravioli!“

Die ließen wir uns munden, unterhielten uns noch etwas, dann bestellte ich für Rolf ein Taxi, da er es dankend ablehnte, daß ich ihn zu seiner Pension führe, und beim Abschied sagte Rolf:

„Danke, Melanie, für damals, und euch beiden für jetzt!“

Und als ich mit Waldemar danach noch bei einem Glas Wein den heutigen Tag überdachte, fanden wir es beide gut, unsere Jugendlieben in unser gemeinsames Leben mit einbezogen zu haben und verziehen uns noch einmal mit vielen Küssen unsere jüngsten „außerehelichen“ Eskapaden.

Eine andere Art Eskapade gestattete sich aber Waldemar in den folgenden Wochen: Er besuchte bei Berlitz einen Einzelunterricht-Crash-Kurs Rumänisch. Er wollte, wenn er dort arbeitet, möglichst alles verstehen was hinter seinem Rücken getuschelt wird, und die normale Sprache sowieso. Wie das bei Berlitz so üblich ist, war sein Lehrer ein gebürtiger Rumäne, und von der ersten Minute an wurde nur Rumänisch gesprochen. Zu seinem Leidwesen erschien nicht, wie angekündigt, eine junge Dame, sondern ein etwa sechzigjähriger Herr namens Cojocaru.

„Da bist du wohl traurig“, neckte ich Waldemar, als er mir dies erzählte.

„Überhaupt nicht, du dumme Liese“, lachte er, „Herr Cojocaru ist Ingenieur wie ich, und deshalb hat ihn Berlitz auch für mich ausgesucht. Wir haben uns schon radegebrochen und mit Zeichnungen erzählt, aus welchen Spezialgebieten wir sind. Herr Cojocaru ist Wasserbauingenieur, wir sollen uns, wenn wir da sind, die Staustufen am Alt ansehen, die er mitgebaut hat, und an ihn denken.

„Na, das ist ja wunderbar, und junge Damens werden in Rumänien schon auch genug auftauchen. „

Nach enigen Wochen luden mich Waldemar und Herr Cojocaru zu einem Abendessen ein, damit ich ihn auch einmal kennenlerne. Herr Cojocaru war ein rundlicher, gemütlicher älterer Herr von geschliffenen Umgangsformen. Er sprach auch hier meistens rumänisch, aber ich verstand das meiste, denn er sprach langsam und deutlich, und viele Wörter erkannte ich vom Lateinischen oder Slavischen.

Ein Handkuß, so gab er mir gleich am Anfang zu verstehen, sei in Rumänien bei der Begrüßung und Verabschiedung von Damen quasi ein Muß. Er hatte ein kleines Restaurant in einer nicht so dollen Gegend Hamburgs ausgewählt, aber es sei das einzige, das rumänische Spezialitätn anbiete. An den Maisbrei, die mamaliga oder mamaligutza würde ich mich gewöhnen müssen, auch an das Nationalgericht mititéi, zu „deutsch“ Cevapcici. Die ciorba de burta ersparte uns Herr Cojocaru.

Nach dem dritten Glas rumänischen Weins, den man auch hier bekam, gab er uns noch einige spezielle Belehrungen.

„Was ich Ihnen jetzt sage, gehört nicht zum offiziellen Lehrplan, aber Sie sollten diese Wörter kennen: pizda –„

„Das ist französisch con“, warf ich ein.

„Sehr richtig, meine Dame, und pula ist das männliche Gegenstück. Sie sollten diese Wörter nicht unbedingt selbst benutzen — für den Besuch beim Arzt gibt es auch andere Wörter, die Sie vom Latein kennen –, aber Sie sollten diese Wörter kennen, denn man benutzt sie leider oft beim Fluchen.

— Und noch was: Wenn Sie mit Italienern reden, was in Rumänien ja mal passieren kann, dann sollten Sie es vermeiden, den Namen des Bukarester Flughafens zu nennen –„

„Und warum das? Wie heißt der denn?“

„Otopeni, gesprochen eigentlich Otopénn, aber wenn Sie fälschlicherweise das End-i mitsprechen, verstehen die Italiener — na, Sie können sich ja denken, was –„

„Acht Penisse!“ Waldemar hatte es also begriffen.

„Und jetzt verstehen Sie auch, wieso jeder Rumäne sich kaum das Lachen verkneifen kann, wenn er erfährt, in welchem Dorf der Bundesnachrichtendienst sitzt, nämlich in Pullach. „

„Das ist ja noch schöner“, assoziierte ich weiter, „als der Militärische Abschirmdienst, den die hier mit MAD abkürzen, obwohl sie laufend auf Englisch in der NATO zusammenarbeiten. „

„Daran hab ich noch nie gedacht“, sagte Herr Cojocaru, „danke für den guten Tip.

Und entschuldigen Sie bitte die obszönen Wörter. „

Es folgte das Ende des Schuljahrs, mein Abschied vom Kollegium, die letzten Hochzeitsvorkehrungen und die ersten Vorbereitungen für unsere Übersiedlung nach Rumänien.

Die Prozedur beim Standesamt, schon als Doppelhochzeit, war schlicht und würdevoll. Der Beamte hielt eine wirklich gute Ansprache, und als wir ihn danach baten, uns eine Kopie davon zukommen zu lassen, war er so gerührt, daß er uns versprach, uns bei allen, aber auch wirklich allen Verwaltungsfragen bei der Übersiedlung zu helfen.

Als Trauzeugen wählte Waldemar Johann Prinz, ich einen meiner Kollegen, nicht Gernot, denn es war wohl nicht tunlich, einen Ex-Liebhaber zu wählen. Trudi hatte auch einen Kollegen gewählt und Bernd einen mir bis dahin unbekannten Cousin. Ich hatte nach alter Väter Sitte beschlossen, Waldemars Nachnamen anzunehmen, hieß ab jetzt also Kerstin Schröder, unterschrieb natürlich zuerst einmal falsch, und der Standesbeamte mußte eine genau für diesen Zweck schon vorbereitete Zweitausfertigung der Heiratsurkunde hervorholen, Trudi wählte einen Doppelnamen.

Für die kirchliche Trauung wählten wir einen Samstag. Tadziu kam im Priesterornat und beteiligte sich auch an der Liturgie. Unsere Trauung wurde so zu einem der ersten ökumenischen Gottestdienste in unserer Gemeindekirche. Während wir nach dem Gottestdiesnt vor der Kirche unsere Hochzeitsgäste von Nah und Fern begrüßten und zum Festmahl ins Remmel einluden, durchfuhr es mich: Mit wievielen dieser Gäste hatte ich es nicht schon gehabt. Mit einigen Kollegen ein Quickie oder one night stand, die Affären mit Gernot und Herbert, mit Peter, der eingeladen war und auch gekommen ist, mit Mamas Nachbar Fritz, mit Fredi, der es sich nicht hatte nehmen lassen, bei dieser Gelegenheit mal wieder mit seiner Heidemarie aus den States rüberzukommen, und ganz verwerflicherweise mit Tadziu und Hans.

Auch mit Gudrun verbanden mich gemischte Erinnerungen. Aber alle benahmen sich korrekt, keine Anzüglichkeiten, kein wissendes Augenzwinkern — meine Ex-Freunde, von denen ich anderes hätte erwarten müssen, hatte ich ja auch nicht eingeladen.

Das Festmahl und anschließende Tanz bei Remmel war rauschend, alle waren bester Stimmung — und was mich am allermeisten freute, fast mehr noch als meine eigene Hochzeit, war, daß sich bei dieser Gelegenheit meine Mutter wieder mit Gudrun versöhnte.

Gudrun hatte ja auch inzwischen ihren Bernhard geheiratet und war jetzt Buchhändlerin.

Wir feierten dann noch in kleinstem Familienkreise — zu dem wir allerdings auch Trudi und Bernd zählten, bis spät in die Nacht in unserer Wohnung. Nachdem alle Gäste gegangen waren, machte der gute Waldemar noch den Riesenabwasch, und dann ab ins Hochzeitslager. Zu meiner zweiten Hochzeitsnacht hatte mir meine Mutter keine Ratschläge mehr gegeben, unsere Müdigkeit machte aber alle andersweitigen Pläne zunichte, und wir schliefen eng umschlungen bis nach Mittag.

Dann konnten wir auch nichts Unanständiges mehr machen, denn Mama hatte uns, Hans und Annemarie zum Nach-Festmahl zu sich eingeladen, und wir würden wahrscheinlich schon zu spät kommen.

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