Erkenntnis

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Über das Stadtpalais hatte sich dunkle Nacht gelegt. Die eben geendete Abendvorstellung der lokalen Schauspielgruppe spülte eine handvoll Menschen auf den von romanisch emporragenden Sakralbauten umzingelten Rathausplatz. Es war lau, der ansonsten lästige Nordwind hatte sich hinter die Alpen zurückgezogen und an seine Stelle war der wärmere, leise Südwind getreten, der die Pappelallee vor der Piazza rascheln ließ. Im Gebüsch sang leise eine Nachtigall und jene wenigen Menschen, die tratschend und unruhig vor den Eingangstüren herumtrippelten, freuten sich über die uneingeladene Sängerin zu später Stunde.

Unter ihnen war auch Lilli, eine Kunsthistorikstudentin aus der nahen Großstadt. Ihre Freundin hatte sie hierher gelockt, denn dies war deren Heimatort und ihr ältester Bruder spielte die Hauptrolle in diesem Macbeth-Verschnitt, den der Theaterverein verbrochen hatte. Wenigstens spielte dessen Ehefrau die Lady, so dass wenigstens der obligatorische Kuss einen raren schauspielerischen Höhepunkt barg. Entnervt blickte Lilli auf ihr iPhone. Simon, ihr derzeitiger Freund hatte sich seit dem frühen Abend, als sie mit der S-Bahn losgefahren waren, nicht mehr gemeldet.

Er war wohl auf dieser Bunker-Party im neuen Nachtclub in ihrer Straße. Die ganze WG war dort. Nur sie nicht! Was tat man nicht so alles für seine beste Freundin! Zumal Kati ja nach diesem Aufenthalt in der Magersucht-Klinik sowieso Narrenfreiheit hatte! „Lilli dies — Lilli das! „Mea culpa!“, dachte sie sich, schließlich hatte sie ja gesagt: „Ich bin immer für dich da, mein Schatz!“ Und jetzt also diese unfreiwillig komische Shakespeare-Reminiszenz!

Da kam Kati auch schon und griff ihr von Hinten an die Schulter.

„Hey Süße!“, flötete sie, „kommst mit zur Aftershow-Party im Trödler?“ Der „Trödler“ war die Stammstischkneipe der Kleinstadt und beherbergte vorallem diejenigen Bergarbeiter, die rein mental die Schließung ihrer Braunkohlegrube noch nicht verwunden hatten und mit dem ein oder anderen Glas Doppelkorn in Erinnerungen schwelgten. Lilli ekelte das an, Alkoholmissbrauch lag ihr fern, ihr Vater war Alkoholiker gewesen und hatte oft im Suff die entwürdigsten Aktionen gebracht, so dass sie die Lust auf das flüssige Delirium für immer als entwertende Perversion schien.

Aber was sollte sie machen?

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Im Trödler war außer heißer Luft und Schweiß auch eine unfreundliche, fette Barfrau zugange, die Lilli auf die Frage, ob sie den eine Apfelschorle haben könne, nur ein bräsiges: „Hamma nicht!“ entgegenklatschte. Die Schauspieler waren ähnlich drauf, irgendjemand hatte so eine schreckliche Rocknummer aufgedreht, eine lausige Indie-Sache aka Arctic Monkeys, jedenfalls bluteten ihr nach wenigen Minuten die Ohren und sie ging höchst entnervt nach draußen, vor die Tür, auf die verlassene Hauptstraße.

Dort wehte jener kalte Wind natürlich weiterhin ungehemmt und zerstob ihre Frisur und tausend struppige Strähnen, die ihr nun wirr vom Kopf hingen. Der Abend war vorbei! Aber sowas von!

Als sie gerade überlegte auf welche Art und Weise man auf einer Provinzstraße schnellen Selbstmord begehen konnte, kam plötzlich ein Auto aus der Ödnis. Es war ein schwarzer Fiat Punto. Irrte sie sich oder wurde das Fahrzeug langsamer, als es sie mit seinen Scheinwerfern erfasste? Tatsächlich hielt der schwarze Wagen, als er auf ihrer Höhe angekommen war.

Langsam wurde die Scheiben heruntergelassen, ein braungebrannter No-Brainer grinste sie mit einem schleimigen Lächeln an. „Na, Sweety, schon was vor?“, fragte er, seine Würde nihilierend. „Ja, dir in die Eier treten!“, hätte sie am liebsten geantwortet, doch stattdessen keuchte sie nur angewidert auf. Andererseits litt sie den ganzen Abend schon unter chronischer Langeweile und vielleicht war das die einzigartige Gelegenheit, den Theaterschauspielern zu entkommen und gleichzeitig vielleicht auch noch Simon eins auszuwischen. „Wohin?“, fragte sie diese Karikatur eines Mannes.

„Gibt's hier irgendwo einen Nachtclub?“ Es gab wohl einen. Zumindest wurde das blancoweiße Grinsen von Mr. Bombastic noch breiter und er machte eine einladende Handbewegung. Lilli stieg entschlossen ein, zur Not würde sie diesen hechelnden Sklaven seiner Hormone schon auf Distanz halten können, zumal sie immer eine Dose Pfefferspray in ihrer Handtasche mit herumtrug.

Sie fuhren aus der Ortschaft hinaus, wohl in das benachbarte, etwas größere Städtchen. Mr. Bombastic war glühender Anhänger von Duck Sauce und den dazugehörenden „hämmernden Beats“, so dass sich Lilli vom Regen in die Traufe geraten vorkam, als sie in die Nacht brausten.

Ihre Begleitung schien über alle Maße stolz, dass sein abgegriffener Anmachspruch das wohl erste mal zu Erfolg geführt hatte, zumindest sprach er ehrfürchtig kein Wort mehr mit ihr.

Nach etwa 20 Minuten kamen sie an ein großes, rotbeleuchtetes Gebäude in barockem Stil mit allem Schnickschnack samt Kaskaden, Stuck und Wasserspeiern vor dem Scheinwerfer kreisten und bizarr neonhell den schwarzen Nachthimmel durchschnitten. Auf dem Parkplatz lauerte bereits ein in rotgoldenen Samt gekleideter, stilecht mit Perücke und Puder einbalsamierter Angestellter des Nachtclubs (so vermutete Lilli zumindest) und wies ihnen mit einem Lächeln und einem Wink mit seinen weißen Handschuhen eine frei Lücke.

Als sie ausstiegen dröhnte ihnen bereits die Schlußarie von Tosca entgegen, in der sich Maria Callas die Stimmbänder aus dem Leib sang und überall, auch auf dem schmalen Grünstreifen zwischen Parkplatz und Hauptstraße standen diejenigen Leute, die sie eigentlich bloß aus exklusiven Atelierpartys kannte, nämlich aufgepompt und herausgeputzt, mit lauten Stimmen, kehligem Gelächter und vollen Geldbörsen.

Lilli war von Sinnen, da konnte die Retro-Bunker-Party ihrer Kommilitonen natürlich nicht mithalten. „ThE OpErA“ prangte in grellroten Buchstaben auf dem schräg gehaltenen Flachdach, das sich wie ein startender Vogel über den Eingangsbereich sengte.

Mr. Bombastic steuerte zugleich auf den Gorilla zu, der die Kordel zum VIP-Bereich in seinen beharrten Pranken hielt. Doch dann passierte etwas unerwartetes aber zugleich auch erfreuliches. „DU kannst rein“!, sagte der Primat zu Lilli. „ABER du nicht“, sagte er zu Mr. Bombastic. So war Lilli wieder allein.

Drinnen war die Hölle los. Junge Frauen in rüschchenbestickten Ballkleidern tanzten zu Bizet und weiter hinten, in der Wagner-Lounge, führten zwei Männer einen Tanzkampf zu Parzival auf.

Schummriges Licht tauchte die Szenerie zusätzlich in einen komischen, Schatten und Kontraste vermischenden Anblick, so dass sich sogar schwer tat, seinem direkten Gegenüber ins Gesicht zu sehen. Dieser Umstand wurde ihr auch sofort zum Verhängnis, nämlich als ihr jemand von hinten an die Schulter griff und ihr ins Ohr flüsterte: „So allein hier, süeze Maus?“ Seine Stimme war nicht erkennbar, es war mehr ein Hauchen den ein Sprechen. Lilli war unsicher, sie drehte sich um, konnte aber nur Schemen erkennen, offenbar trug er eine Maske.

„Sag mal gibts hier irgendwo eine Liga der grenzdebilen Flirter?“, sagte sie dann entzürnt. „Nein, aber anscheinend eine Liga der angry Bräute!“, entgegnete er verschmitzt. „Ha-Ha, Blödmann! Welchen solchen Typen wie dir geh ich nicht in Discos!“ Lilli war jetzt richtig sauer. „Und warum bist du dann hier? Ist doch dann gar nicht deine Musikrichtung…Was hörst du? Lass mich raten, Tim Bendzko, oder? Und Til Schweiger ist dein Lieblingsschauspieler?“, er konnte kaum sprechen,vor lauter Lachen über seine eigenen Zoten.

„Wenigstens bin ich kein so ein armseliges Würstchen, dass Mädchen mit billigen Sprüchen von seiner nicht vorhandenen Großartigkeit überzeugen muss!“, sagte Lilli wütend. „Hey, hey…wie wäre es mit pax in terram? Du magst mich nicht, ich mag dich…. eher auch nicht! Wir haben jetzt genau zwei Opportunitas, entweder wir gehen uns jetzt aus den Augen oder aber: Wir versuchen unsere Antipathie bei einem Drink an der Bar zu vertiefen!“, schlug er vor. Lilli seufzte, sie würde ihn ja eh nicht wieder los werden.

Es stellte sich heraus, dass Benjamin, so hieß der Typ mit der Maske, BWL studierte und jedes Wochenende herkam. Früher war er immer in der Großstadt weggegangen, aber seit es ein Monopol auf House & Electro gab und so Flachpfeifen wie Houserockerz oder Finger u. Kadel rauf und runter liefen, hatte er sich nach etwas Anderem umgeschaut. Und war dann auf die OpErA gestoßen, wo man noch Spaß an guter Musik hatte und pseudointellektuelles Geseiere zum guten Ton gehörte.

„Und wo man interessante weibliche Wesen kennenlernt“, sagte er und lächelte.

Der Appeltini schmeckte jedenfalls ganz gut und so kam auch Lilli dazu, mehr von sich zu erzählen. Es wurde später und später. Lag es am Alkohol oder daran dass der Cro-Verschnitt seine venezianische Maske abnahm und sie nun endlich sein Gesicht sehen konnte, denn Lilli fiel auf das Benjamin mit seinen blonden, lockigen Haaren und den fein definierten Muskeln, die sich unter seinem Shirt abzeichneten, ziemlich gut aussah? Aber was sollte das? Sie hatte ja Simon! Und obwohl sich der in letzter Zeit eher arschlochmäßig verhielt, konnte man durchaus sagen, dass ihre Beziehung glücklich verlief, auch vom Sex her.

Das war jetzt so eine Situation wie in einer amerikanischen Dramedy-Serie: Ich will dich nicht betrügen, mental wie sexuell, aber die Versuchung ist verdammt nochmal so groß! Und da wanderte auch schon Benjamins Hand an ihr Schulterblatt, sie lehnte es nicht ab, es war auch keine Resignation, aber irgendwie gab ihr das in dieser Situation den Kick, von einem fast Fremden berührt — zärtlich berührt — zu werden.

Sie fuhren dann zu Benjamin ins Studentenwohnheim.

Sie kannte ihn immer noch nicht richtig. Aber körperlich kamen sie sich immer näher. Im Radio lief Tori Amos als sich seine Hand abermals auf ihren Körper verirrte, diesmal an eine verheißungsvollere Stelle, nämlich ihre Brüste. Sie waren erst auf dem Parkplatz, aber schon völlig heiß aufeinander, so dass sie es kaum erwarten konnten. Lilli küsste zaghaft ihre flüchtige Bekannschaft, eine Mischung aus Rache und purem Hedonismus durchzog ihre Synapsen und ihre Zunge fand die seine.

Es war angerichtet. Über ihnen glühten die Sterne, als sie endlich ausstiegen, schon erwärmt und atemlos, in die Nacht hinaus, die Treppe hoch, durch die Glastür, hinein in die hellhörigen Räume, ins Bett, aufeinander, umschlungen, zu gut um wahr zu sein! Ficken ist etwas, dass man auch tut, um sich frei zu fühlen! Peaches sang mal „Fuck the pain away“, befrei dich von deinem Ärger, den Lasten des Lebens. Gleiche mit Ekstase deine unerfüllten Träume aus.

Lilli und Benjamin küssten sich immer wilder, am ganzen Körper, hinauf, hinunter, immer wieder, immer geiler. Schließlich konnte es Benjamin nicht mehr erwarten, fummelte in seinen Taschen, und — siehe da — wurde fündig. Gefühlsecht, ja das war es wohl. Und der Zug fuhr durch den dunklen Tunnel. Es war lauter, als Lilli sich jemals an den Sex erinnern konnte. Zumal es kürzer dauerte als sonst.

Oft war es für Lilli schon zur Routine geworden, ihren Körper gegen einen anderen zu hämmern, gelangweilter als an einem Fließband, mit leeren Augen und trockenen Lippen.

Oft nahm dieser Schrecken auch kein Ende, das ewige raus-rein wurde zur Qual, die eher unangenehm den erregend erschein. Doch nicht so heute, heute war es fast erfrischend. Sie wechselten die Positionen, mal lag Lilli oben, mal lag sie unten, aber immer hielten sie sich fest umschlungen und schauten sich in die Augen, glaubten eine unendliche Tiefe in ihrer Regenbogenhaut zu erkennen. Erstmals seit langem Stimmten auch die ganzen Nebensächlichkeiten des Geschlechtsverkehrs, es roch nicht nach Schweiß, es klebte nichts, ein kühler Hauch durchfuhr das Zimmer vom leichtgeöffneten Balkon her.

Benjamin achtete darauf, ihr beim Eindringen nicht weh zu tun. Sie achtete darauf Benjamin beim Drehen nicht versehentlich die Hoden zu quetschen.

Aber war das wirklich alles, gab es nicht eine Liebe jenseits des Sexuellen? Diese alltägliche Liebe, diese Toleranz, der freundliche Blick obwohl man ungeschminkt, mit fettigen Haaren an den Frühstückstisch kam? Das Zuhören wenn man weinte, das beschwichtigen wenn man wütete? Dieses Gefühl jemanden so zu vertrauen, dass man sich nicht mehr verstellen musste, dass man auch mal blöd sein konnte und trotzdem oder vorallem auch deswegen geliebt wurde? Diese Gedanken ließen sie auch nicht mehr los, selbst als sie laut ihren Orgasmus herausstöhnte.

Danach wollte Benjamin eine rauchen. Und Lilli rauchte mit. Sie lagen beide nackt auf seiner alten Couch und starrten in den Fernseher. Es lief irgendeine Show auf ZDFneo…beide schwiegen sie im flackernden Licht der Mattscheibe. Irgendwann, so um 5 Uhr herum war Lilli dann gegangen. Zu Simon.

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