Annas neue Verwandtschaft Kap. 01

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Etwas nervös sitze ich in dem Cafe am Rathausplatz, nippe immer wieder an meinem Cappuccino und halte Ausschau.

Wie sieht die Frau aus, mit der ich telefoniert habe? Was ist das für eine Person, die über einen Aushang in der Uni „Spielgefährtin gegen gute Bezahlung“ sucht?

Mein Blick wandert wieder durch das Glas der Scheibe hinaus auf den regennassen Platz. Tauben eilen pickenden Schrittes hin und her und eine Gruppe Jugendlicher fährt mit Fahrrädern durch die Pfützen.

Die Fragen am Telefon waren zugegebenermaßen etwas seltsam: ob ich eher schmal gebaut bin, ob ich helle Haut habe, ob ich in der Lage bin, eine Rolle länger durchzustehen…

Fast schon will ich wieder gehen, die Neugierde und die In-Aussicht gestellte Bezahlung aber lassen mich noch weiter warten.

„Eine Rolle durchstehen“ — ich bin Schauspielschülerin, da sollte dies das wenigste sein, was ich kann.

Der Frau am Telefon habe ich dies natürlich nicht verraten. Ich war mir sicher, dass größtmögliche Anonymität hier angeraten scheint. Souverän habe ich das Treffen vorgeschlagen, habe Ort und Zeit gewählt und dann mit flauem Gefühl im Magen aufgelegt.

Das war vorgestern, kurz nachdem ich den Aushang entdeckt hatte.

„Gute Bezahlung“ ist etwas, was ich in den letzten Monaten echt vermisst habe — die Schauspielschule kostet mich nichts, dank eines Stipendiums, aber die Miete, die Lebensmittel, die Zigaretten, die Kostüme und Requisiten! Von meinen Hilfstätigkeiten bei den Bühnenbildern am Städtischen Theater ist das nicht zu bezahlen und den letzten Kellner-Job hab ich geschmissen.

Schon zehn Minuten über die Zeit! Ich trinke meinen Cappu aus, lasse mein Jacket über der Stuhllehne hängen und gehe zur Toilette. Eigentlich muss ich nicht, aber da mich mein Getränk nicht mehr am Platz hält und ich zu nervös bin, um zu lesen, verspürte ich den Drang, ein paar Schritte zu gehen.

Im Spiegel schaut mich ein blasses Gesicht an, graue Augen mit leicht getuschten Wimpern, etwas Rouge auf den Wangen und knallrot gemalten vollen Lippen.

Ich betrachte mich prüfend, verhelfe mit etwas Lipgloss meinen Lippen zu mehr Glanz und übe einen lasziven Blick. Hinter mir öffnet sich eine der Kabinen. Schnell senke ich die Augen, greife nach dem Seifenspender und beginne fast gleichzeitig mit der ältlichen Dame am benachbarten Waschbecken, mir die Hände zu reinigen.

Dabei steht mein Entschluss fest: ich werde gehen. Auf der Stelle. Ich werde vorne mein Kaffeegetränk bezahlen und durch den Regen nach Hause marschieren.

Und so einen Quatsch nicht noch einmal machen — das bin ich doch gar nicht. Oder?

Mein Herz beginnt zu klopfen, als ich meinen Tisch erreiche. Meiner Jacke gegenüber sitzt eine schmale Frau. Ich sehe einen schwarzen Bubikopf und lange Ohrringe, die ihr bis fast auf die Schultern reichen.

Ich versuche, möglichst souverän zu wirken, trete an den Tisch heran und nehme mir vor, auf ein kurzes „Guten Tag“ sofort ein „Sie sind sehr spät und ich werde jetzt gehen“ folgen zu lassen.

Die Frau lächelt mich an, steht auf, reicht mir die Hand und bittet mich, mit ihr Platz zu nehmen. Meine Souveränität ist dahin. Diese Offenheit, gepaart mit Bestimmtheit und einem Wissen um die eigene Wirkung auf andere Menschen, beeindruckt mich. Unweigerlich murmele ich „Hallo“ und lächle dazu wie ein kleines Schulmädchen.

Ich fühle, wie ihr prüfender Blick auf mir liegt, schaue ihr fest in die Augen, kann aber ihrem Blick nur Sekunden standhalten.

Als mein Blick auf die Tischplatte prallt, ärgere ich mich und eine blasse Röte steigt mir ins Gesicht.

„Sie gefallen mir gut“, sagt sie und lächelt wieder.

Ich fühle, wie meine Mundwinkel nach oben wandern. Ein Kompliment von einer Fremden, einer Frau, die ominöse Bekanntschaften über Papieraushänge in deutschen Hochschulen sucht. Von jemandem, der sich mit jungen Frauen in Cafés trifft und zu diesen Treffen auch noch zu spät erscheint — warum freut mich dieses Kompliment? Ich lerne mich noch einmal von einer anderen Seite kennen.

Sie beginnt, von ihrer Ehe zu erzählen. Von ihrem Mann, mit dem sie seit 14 Jahren verheiratet ist. Den sie liebt und mit dem sie alt werden möchte. Der ein guter Mensch ist, sehr gepflegt, sportlich und sexuell beständig sehr interessiert.

„Sie schenkt ihm einen Dreier zum Hochzeitstag“, fährt es mir durch den Kopf. „Wie originell. „

„Ich suche eine Nichte“, sagt sie und schaut mich erwartungsvoll an.

Während ich bislang geschwiegen hatte, erwartet sie an diesem Punkt eine Reaktion von mir.

Weil mir nichts anderes einfällt, wiederhole ich: „Eine Nichte?“

„Eine Nichte, die uns am Wochenende besucht. Kannst du dir so etwas vorstellen?“

Es fällt mir kaum auf, dass sie mittlerweile zum Duzen übergegangen ist. Nachdem ich bereits in die Geheimnisse einer glücklich-funktionierenden Ehe eingeweiht worden war und nun zur Verwandtschaft werden sollte, erscheint mir dies nur als eine logische Schlussfolgerung.

„Und was wären meine Aufgaben als Nichte?“

„Das Wichtigste ist zunächst, dass du in deiner Rolle bleibst. Es macht ihm keinen Spaß, wenn du dich verplapperst oder irgendetwas anderes tust, was meine Nichte nicht tun würde. Wenn du meinst, dass du das schaffst, dann würde ich gerne wissen, wie empfindlich du bist. “ Wieder schaut sie mir fragend in die Augen.

„Wie empfindlich?“ echoe ich und komme mir ziemlich blöd dabei vor.

Ich reibe mir meine schwitzigen Hände an den Oberschenkeln und kann das nervöse Flattern in meinem Magen nicht ignorieren. Dieses ganze Gespräch verwirrt und verunsichert mich, aber was hatte ich schon erwartet? Einen Putzjob? Serviertätigkeiten oder Büroarbeiten? Aktmalerei?

Ich versuche mich in Selbstbeherrschung und antworte mutig: „Ja, ich kann in meiner Rolle bleiben und nein, ich bin nicht empfindlich. „

„Dann würde ich dich gerne einladen. Passt dir Freitag?“

Ich nicke stumm.

Gerne hätte ich weitere Informationen, würde wissen wollen, was genau von mir erwartet wird, was ich anziehen soll und so weiter, traue mich aber nicht, danach zu fragen.

Sie holt einen Zettel und einen Kugelschreiber aus ihrer Tasche und beginnt zu schreiben. Dann zieht sie einen 50-Euro-Schein aus dem Portemonnaie und reicht mir Geld und Zettel.

„Du nimmst am besten ein Taxi“, sagt sie und deutet mit dem Kopf auf den Schein.

„Hier lässt du dich hinfahren. Um 20. 30 Uhr erwarten wir dich. — Eine Frage noch: Wie sollen wir dich nennen?“

„Anna“, antworte ich sofort.

Sie legt zehn Euro auf die Tischplatte, reicht mir ihre schmale Hand und lächelt mir wortlos ins Gesicht, bevor sie das Café verlässt.

Wieder auf der Straße, nehme ich kaum Notiz vom Regen, der unaufhörlich in langen, weichen Bindfäden vom Himmel nieselt.

Ich stecke meine Hände in die Taschen meiner Jacke, den Zettel mit der Adresse fest im Griff als wäre dies ein Lottoschein mit Gewinngarantie. Ich bin nicht in der Lage, über das gerade Geschehene vernünftig nachzudenken, aber ich spüre, dass meine Neugierde zu groß ist, um die „Einladung“ auszuschlagen und mir mit den 50 Euro einen schönen Abend in Kino und Disco zu machen.

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