Erotische Geschichten schreiben

In Zeiten von Corona ist es wichtig, körperliche und soziale Kontakte auf ein Minimum herunter zu fahren! Bordelle schließen, die sexuelle Lust ist dennoch weiter da. Warum nicht deshalb mal Camsex ausprobieren, der virtuelle Sex ohne Gefahr für beide Seiten! Schützen Sie sich!

(Inspiriert von Brenoite Groult)

Nicht ohne eine gewisse Scheu mischte ich mich unter die zweifelhafte Schar der Schriftsteller, die versucht haben, auf einem jungfräulichen Blatt Papier jene Freuden dingfest zu machen, die man die fleischlichen nennt, die einem aber zuweilen heftig bis tödlich das Herz angreifen. Und ich entdeckte, wie vermutlich viele unter ihnen, und wie die noch viel zahlreicheren, die irgendwann aufgegeben haben, daß die Sprache sich wenig hilfreich zeigt, wenn man den Zauber, die Schönheit und die Verzückung der Liebe ausdrücken will, jene äußerste Lust, die die Grenzen des Lebens auflöst und in uns Gefühle gebiert, von denen wir nichts ahnten.

Ich weiß, daß mir Lächerlichkeit auflauert, daß meine erlesenen Gefühle der Banalität nicht entkommen können, und daß jedes Wort nur darauf wartet, mich zu verraten, jedes Wort: jämmerlich oder vulgär, fad oder grotesk, wenn nicht gar abstoßend.

Wie soll ich ganz nach meinem Herzen jene Auswüchse oder Einwüchse benennen, in denen das Begehren sich ausdrückt, sich auflöst und wieder ersteht? Wie soll man anrühren, indem man „Koitus“ sagt? Co-ire, gewiß, zusammengehen und, in deutscher Sprache, zusammen-passen.

Was wird jedoch aus der Lust zweier Körper, die zusammengehen, weil sie zusammenpassen? Und Penetration? Klingt ungemein juristisch. „Ist es zu einer Penetration gekommen, Fräulein XY?“

„Unzucht treiben“ gehört in den Dunstkreis von Beichtstuhl und Sünde. Und „Kopulation“ klingt nach Mühsal, „Begattung“ klingt tierisch, „schlafen mit“ ist langweilig und prüde. Oder lieber „das Schatz-Kästlein aufschließen“, „den Specht Hacken lassen“, oder „die Liebesgrotte abkühlen“ Dies sind leider in Vergessenheit geratene Ausdrücke, heitere Erfindungen einer jungen, unbekümmerten Sprache, die sich noch keine Zügel hatte anlegen lassen.

Heutzutage, in einer Zeit der verbalen Inflation, wo sich die Wörter noch schneller abnutzen als die Kleider, bleiben uns nur noch die schweinischen Wörter oder die Wörter aus der Nutten-Sprache, die durch ständige Verwendung ihre Farbe verloren haben. „Bumsen“? Wie erniedrigend. Und „vögeln“ hört sich nach Schellverfahren an. Und dann gibt es auch noch das brave „Ins Bett gehen“, es steht allzeit zur Verfügung und hat kaum noch einen emotionalen, sinnlichen oder erotisch-skandalösen Beiklang.

Es ist literaturunfähig geworden, gewissermaßen.

Und wenn die Rede auf die Organe kommt, die besagte Lust kanalisieren und vermitteln, dann warten auf den Schriftsteller, und noch mehr wahrscheinlich auf die Schriftstellerin, neue Klippen. Und wir bemerken, daß es in der deutschen Sprache keine brauchbaren Worte für jene primären Merkmale gibt, die uns doch eigentlich soviel Freude machen (können). Ein richtiges Problem: Schwanz und Möse: es sind kaum unerotischere Worte denkbar.

So richtige „Kalte-Dusche-Worte“. Und wenn die Sprache keine Worte bereitstellt, muß man fast Absicht unterstellen im orwellschen Sinne.

Was schließen wir daraus? Wenn die Sprache absichtsvoll keine Worte bereithält? Wir, weil uns schlicht die Worte fehlen, nicht darüber reden können? Wirft dies nicht ein bezeichnendes Licht auf das gespannte Verhältnis der deutschen Gesellschaft zu der „Schönsten Sache“ der Welt?

Um wie vieles leichter hat es da die englische Sprache, die nur selten lächerlich, gestelzt oder gar vulgär klingt.

Was ich noch akzeptieren kann, ist „Männlichkeit“, „Stärke“, „Schwert“, „Liebespfeil“, „Er“, aber es sind alles nur schwache Substitute. „Liebesgrotte“ ist einfältig. „Erdbeerkörbchen“ etwas besser. „Bärenauge “ – na ja. Von den „Lippen“ zu reden, geht ja noch, auch und gerade wegen der Doppeldeutigkeit. Aber: „Brüste“? Da muß ich an hängebrüstige, alte Matronen denken. Schwieriges Problem, und nicht lösbar. „Zwillinge“? Das finde ich angemessen. Und erinnert an das Hohe Lied Salomos.

Aber was bedeutet ein schönes Wort für all das, was ich beschreiben möchte?

„Thomas Rute war zum Bersten steif…“ „Wolfgangs Phallus ragte empor, majestätisch, schreckerregend…“ „Das Gemächt des stellvertretenden Direktors…“ „Dein geliebter Hodensack…“ „Sein Penis, ihre Scham, ihr Liebesschlupfloch… ; Regina, deine Vagina… deine Klitoris, liebe Doris…“ Klitoris? ich rieche Formalin aus dem Sektions-Saal. „Murmel“? „Perle“? Schon besser. Vielleicht.

Wie könnte man da der Komik entrinnen? Wenn es sich um Sex handelt, verliert sogar die Anatomie ihre Unschuld, und die Wörter, diese verdammten Schurken, die ihr Leben unabhängig von uns führen, zwingen uns feststehende Bilder auf und verbieten einen unbefangenen Gebrauch.

Sie gehören zum Medizinerlatein oder zum Schund-Vokabular, zum Pennälerjargon oder zur Gossensprache. Wenn sie überhaupt existieren. Denn das Vokabular der weiblichen Lust erweist sich, sogar bei den größten Autoren, als bestürzend armselig.

Man müßte alles vergessen und neu beginnen können, angefangen von der Fachpresse für Schwellkörper über die Photoromane mit Schleimhaut-Großaufnahmen bis zu den Doppelaxeln der Sex-Akrobaten, die von blasierten, schlecht bezahlten Redakteuren kommentiert werden. Und gründlicher noch müßte man jene modische Hoch-Glanzerotik vergessen, die von einer gewissen „philosophischen“ Schickeria propagiert wird; leider gehört es zum guten Ton, sie zu schätzen, weil der intellektuelle Jargon ihre Schändlichkeit, die Demütigung der Frauen, vernebelt.

Frei machen müßten wir auch unsere Sinne von den billigen „erotischen“ Filmen, mit denen uns das Nachtprogramm des Fernsehens uns verwöhnt. Sie haben nichts mit wirklicher Erotik zu tun. So wenig wie die Anleitungen und Kochbücher selbst ernannter Experten oder die uns über vermeintliche Interna oder dem neuesten Trend informieren – wollen.

Ich verfüge über keinerlei Wissen, das andere nicht hätten, über keinerlei Worte, die andere nicht schon überstrapaziert haben.

Es handelt sich keineswegs um eine Reise in unbekannte Gefilde: Es gibt kein unentdecktes Atlantis der Liebe. Und letztlich gibt es nichts Banaleres als eine Möse, es sei denn zwei Mösen; und ein Phallus aus extrasamtiger Herrenhaut wird, wenn seine Zeit gekommen ist, genauso leergepumpt sein wie ein Schwanz der profansten Sorte.

Die Vorsicht würde also dazu raten, die Sache gar nicht erst anzufangen, zumal zwischen den gefährlichen Klippen der Pornographie und des Groschenromans die ganz wenigen Meisterwerke aller Literaturen, die sich lachend über all diese Gefahren hinweggesetzt haben, in kühnem Glanz erstrahlen.

Aber erst hinterher, im Falle eines Mißerfolgs, erscheint die Vorsicht als eine Tugend. Ist Literatur nicht immer unvorsichtig? Und schließlich ist das Risiko so schön, die ersten Zeilen einer „unmöglichen Geschichte“ trotz allem hinzuschreiben: „Ich war fünfzehn, als in mein Herz, und für immer die Liebe, in mein Leben getreten ist. jedenfalls hielt ich es damals für mein Herz. „.

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