Walpurgisnacht 01
Veröffentlicht am 17.05.2016 in der Kategorie Erotikgeschichten Telefonsex mit ECHTEN Frauen: Zusätzlich mit Kamera Funktion möglich!Sonntag, 28 . April 1599
Dunkle Wolken hatten sich über dem Land zusammengezogen. Schwarz und schwer bedeckten sie den Morgenhimmel über dem Harz. Der Wind frischte auf, drückte die Kronen der mächtigen Eichen, der hellgrün belaubten Kastanien, der dunklen Tannen nieder, dann prasselten die ersten Körner herab, wehten in Schwaden über den Wald. Leichter Donner rollte, ein Blitz zuckte über den schwarzen Himmel. In Sekunden waren Felder und Wiesen mit einer weißen Schicht überzogen.
Eisige Wasserfälle flossen an den Bäumen herab, Hagel peitschte vom Wind getrieben über Wege und Seen, Dächer und Felder. Tiere suchten Zuflucht unter Bäumen, Bauern ließen ihre Pflüge stehen und hasteten zum Waldrand, Reiter zogen ihre Mäntel weit über den Kopf und stießen den Pferden die Hacken in die Flanken.
Der Hagelschauer fegte von Ost nach West über den Harz hinweg, und als auf dem Brocken die ersten Hagelkörner fielen, riss über Aschersleben die Wolkendecke bereits wieder auf.
Die Sonne kam hervor, der Hagel strahlte grell, taute zu blassen Pfützen und versickerte zwischen Krokussen, Hyazinthen und dem ersten blauen Lattich.
An jenem Tag, während er von Quedlinburg kommend in die Ausläufer des Harzes vordrang, schlief Professor Ludwig Bechstein unruhig und träumte hektische, kurze Träume, die aufflammten und erloschen wie Lichtreflexe auf einem Wasserfall. Sein Kopf mit dem pelzbesetzten Barett war leicht zur Seite gekippt, wippte auf und ab, rollte in einem Halbkreis nach vorne, bis der Professor mit einem leisen Grunzen die Nase in den Fahrtwind hob und mit faltigen Lippen schmatzte.
Anschließend kippte der hagere Kopf wieder nach rechts auf die Schulter, und das Spiel begann von neuem.
Schwankend träumte er von seinem Ziel, das zwei Jahre zuvor zu seiner heiligen Mission geworden war, eine Mission, die den Horizont des Menschen erweitern sollte, die schließlich einen weiteren Beitrag zur enzyklopädischen Bildung des Menschen im Sinne Erasmus von Rotterdams darstellen würde. Im Traum tanzten schon vor Langem beiseite gelegte Bücher um ein Feuer herum, fraßen Singvögel Heilkräuter, kochte die Natur selbst in Gestalt einer großen Eiche Suppe in einem großen Kessel.
Bechstein oblag es, jedem Vogel und jedem Kraut einen Namen zu geben. Bevor er es schaffte, stand er wieder in Greifswald an der Universität und erhielt erneut eine Ehrung für seine Veröffentlichungen.
Mein bescheidener Ruf, träumte der Professor, jetzt sollte, Gutenberg sei gedankt, eine Buchreihe über den Menschen folgen und den Ruf vergrößern. Rückkehr zu den Quellen, war es vom Professor Bechstein Haribalds Vater gegenüber genannt worden, Grundlagenforschung.
Bechstein hatte von einem alten Freund in Stettin den Auftrag bekommen, dessen Sohn Haribald gegen großzügige finanzielle Unterstützung auf seine Forschungsreise mitzunehmen.
Als Gegenleistung sollte dem Jungen eine umfassende Erziehung zuteil werden, die ihm bislang versagt geblieben war. Bechstein hatte versprochen, den Jungen seinen Standort in der Welt finden zu lassen. Erst ein paar Wochen später, als er bereits mit Haribald unterwegs war, fiel ihm ein, wie wenig der alte Freund von den Zielen der Reise hatte wissen wollen. Ein Freund, der ihm im Traum die Hände schüttelte, sich auf einen Besen setzte und davonflog, während die umstehenden Menschen sich bekreuzigten und mit Hufeisen jonglierten, als wären sie Gaukler auf einer Maifeier.
Dann träumte Professor Bechstein, wie die Erde in Stettin angefangen hatte zu beben und schreckte aus seinem Schlaf hoch. Die schmale Brille war auf seine Nasenspitze gerutscht, das Barett hing ihm in die Augen. Die Kutsche rumpelte über einen Stein. Vorbei an dichtbelaubten Bäumen huschte das Gefährt, ab und an schlug ein Ast gegen das Verdeck, drang ein Lichtstrahl durch die Kronen und glitzerte auf den Pfützen, die der letzte Aprilschauer hinterlassen hatte.
Professor Bechstein rückte die Brille zurück auf seine Nase und rieb sich die Augen.
„Haribald, mein Junge, wo sind wir?“
Haribald drehte seinen Kopf. Die Feder auf seinem Hut wippte im Takt der Schritte.
„Zwei Stunden nach Treenberg“, keuchte er pathetisch und stolperte fast über einen Stein. Bechstein wusste noch immer nicht, was er von dem Jungen halten sollte.
Sie waren erst seit gut zwei Monaten unterwegs, hatten auf dem Weg nach Süden Rostock und Schwerin gestreift, und in der Zeit hatte Bechstein versucht, ihm eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie sehr die Dinge des Lebens miteinander verwoben waren. Es gab nicht nur Bier und Mädchen. Wer die Welt als Ganzes verstehen wollte, musste sich mit der Naturwissenschaft beschäftigen, mit der Philosophie und Theologie, vor allem aber mit dem Menschen und seiner Natur.
Gleichwohl spürte der Gelehrte an manchen Tagen einen Widerwillen in dem Jungen, der sich nur schwerlich überwinden ließ.
Wenigstens heute war Haribald folgsam und tat, worum man ihn bat. Ohne Pause lief er jetzt seit fast zwei Stunden, das machte sein letztes Versehen zumindest im Geiste wieder wett.
„Dann kannst du jetzt ein wenig langsamer laufen, denn wir liegen gut in der Zeit. “, sagte der Professor und zog seinen ergrauten Schädel wieder ins gekrauste Hemd zurück.
Haribald lächelte erleichtert. Der Alte hatte also von der kleinen Pause unter den Bäumen, um das Ende des Hagelschauers abzuwarten und sich genüsslich mit der rechten Hand Befriedigung zu verschaffen, nichts mitbekommen.
Für alle Himmelskörper oder Sphären gibt es nicht nur einen Mittelpunkt, pflegte Bechstein zu sagen, wenn Haribald wieder einmal nicht verstand, in welchem Zusammenhang die Schädelknochen des Menschen mit der Kunst des Fechtens standen. Man müsse versuchen, über den Tellerrand hinaus zu blicken, es ginge nicht um den Sinn der Naturerscheinungen, sondern um deren Ursachen.
Der kräftige blonde Junge zog dann immer die schmalen Augenbrauen hoch, zuckte mit den breiten Schultern oder entgegnete leise „Hefe und Malz, Gott erhalt's. “. Kopernikus konnte ihm gestohlen bleiben, das aber sagte er nie. Es war nicht seine Entscheidung gewesen, dem Professor als Assistenten zu dienen, sein Vater hatte für ihn entschieden. Nie wäre Haribald auf die Idee gekommen, sein geliebtes Stettin, seine Freunde und die vielen Mädchen, die nur allzu bereitwillig die Beine für ihr spreizten, einzutauschen gegen ein unstetes Leben auf Reise, bergauf und talab dem Professor seine Taschen hinterhertragend, immer auf der Suche nach Beweisen und Belegen, um die sich die Mission des Alten drehte.
In Stettin waren seine Freunde, bei denen er sonntags in der Spinnstube saß und sich mit dem billigen Bier des Oderwirtes am Heumarkt den Nachmittag schön trank. Stettin, das waren die heimlichen Treffen in Scheunen, auf Dachböden und in Bierkellern mit Margareth, Kathrin, Agnes und all den anderen prallen Körpern, die sich nach seinem langen Degen sehnten und der Hoffnung, ein reicher Kaufmannssohn würde mehr von einer Magd wollen als pralle Brüste und feste Schenkel, als eine feuchte Möse und ein enges Hinterloch, in das Haribald besonders gerne mit Hilfe von feinstem Olivenöl eindrang.
Stettin, die engen Gassen und das Haff, war seine Heimat, und alles, was Haribald gewollt hatte, war eine Ausbildung als Bierbrauer. Vier Mal bereits hatte Haribald das Werk des Doktor Knaust ‚Die Fünf Bücher von der göttlichen und edlen Gabe, der philosophisch hochwertigen und wunderbaren Kunst, Bier zu brauen‘ gelesen und verinnerlicht. Das Reinheitsgebot war sein Gesetzbuch; die Bahn der Gestirne interessierte ihn ebensowenig wie der andere Unsinn, mit dem ihn Professor Bechstein jeden Abend mästete.
„Hättest du besser auf das Pferd achtgegeben, könntest du jetzt neben mir sitzen. “
„Ja, Professor. “
„Na, eine Lehre für das nächste Mal. “
„Man vertraut eben keinem Mann mit eingeschlitztem Ohr sein Pferd an…“, murmelte Haribald leise.
„Man vertraut eben keinem Mann mit eingeschlitztem Ohr sein Pferd an…“, sagte Professor Bechstein und hob dabei den Zeigefinger.
Ein Schmetterling fing seinen Blick, wurde jedoch abrupt abgelenkt durch ein langgestrecktes Heulen. Bechstein runzelte die Stirn, Haribald verlangsamte seinen Schritt und brachte die Kutsche rumpelnd zum Stehen.
„Hört Ihr, Professor? Ein Wolf!“
„Das ist unmöglich, weil viel zu früh, denn die Tiere sind, was sind sie, Haribald, was sind sie? Dämmerungsaktiv“, winkte der Professor ab und suchte nach dem verschwundenen Schmetterling. „Und jetzt weiter, Haribald, wir wollen am Nachmittag in Thale sein.
“
Haribald nahm die Griffe ein wenig fester in die Hand, trat an und zog die einachsige Kutsche weiter über den schlammigen Weg durch den Wald. Das Grün der Bäume empfand der Junge als erdrückend, das Zwitschern der Vögel als bedrohlich. Marktschreier und enge Gassen waren ihm tausendmal lieber als Wolfsgeheul und Hohlwege. Ab und zu wich Haribald einem wassergefüllten Schlagloch aus, denn er kannte diese Löcher, in denen sich die Lichtstrahlen brachen, als heimtückisch knietief.
Schatten am Wegesrand, Bruchholz und dahinter erwartete Haribald ganz sicher einen Räuber oder zwei, mit geschärften Schwertern, schweren Keulen und hässlichen, vernarbten Gesichtern.
Er starrte zu angestrengt auf den Weg zu seinen Füßen, um die zwei Männer hinter der nächsten Kurve rechtzeitig zu bemerken. Sie trugen braune Hemden und Hosen, die ihnen in Fetzen um den Körper hingen. Die Haare der Männer waren lang und zottig, die schweren Knüppel in ihren Händen sorgten für Eindruck.
„Brrr!“, machte Haribald unwillkürlich, rutschte über den Boden, blieb an einer Wurzel hängen und brachte stolpernd die Kutsche zum Stehen.
Die Männer schlugen mit den Knüppeln in ihre offenen Handflächen, der eine kaute auf etwas und spuckte einen braunen Strahl vor Haribald auf den Boden. Haribald wagte nicht einmal zu keuchen, nur die Vögel zwitscherten hämisch, als hätten sie es gewusst.
„Her“, sagte der erste Mann nur.
Er war größer als der andere, dünner, und als er sprach öffnete sich hinter seinen Lippen eine dunkle Kalksteinhöhle, in die gelbbraune Stalagtiten und Stalagmiten ragten. Der andere Mann, um einiges dicker, genauso unrasiert und dreckig, kaute seelenruhig weiter.
„Was ist, Haribald, warum bleibst du stehen?“, fragte Bechstein, als würde er die Wegelagerer überhaupt nicht sehen. Haribald drehte sich mit weit aufgerissenen Augen um, wollte dem Alten sagen, ihr letztes Stündlein habe gerade geschlagen und anfangen, panisch zu schreien, als Bechstein zu lächeln begann.
„Ach, Ihr seid es“, sagte er. „Wie laufen die Geschäfte?“
„Geld, Fmuck und die Klamotten, aber fackig, ne“, sagte der Lange ungerührt.
„Euer letzter Überfall hat sich weit herumgesprochen, ich hatte schon Angst um Euch. Wie ist es Euch denn so ergangen?“, fragte Bechstein wieder mit fester Stimme. Haribald war kurz davor, schreiend die Flucht in den Wald zu ergreifen.
Der Dicke sah seinen Kompagnon von unten an.
„Du kennst den, Gebhard?“
Der Lange sah zum Dicken hinunter, doch bevor er etwas sagen konnte, klatschte Bechstein in die Hände. „Ich habe Euch ja bereits letzte Woche etwas für die freie Fahrt gezahlt, Gebhard, und hoffe, Ihr zwei habt das Geld gut verwendet. “
Jetzt runzelte der Lange die Stirn. Ein Stück Dreck fiel auf seine Nase.
„Welches Geld?“, fragte der Dicke.
„Na, das Geleitgeld für die Passage durch Euren Wald“, sagte Bechstein verwirrt. „Ihr habt es ihm doch gesagt, Gebhard, oder nicht?“
Der Lange räusperte sich und schien zu überlegen. In Haribalds Blick flackerte weiterhin Panik, der Professor hob die Hände, um seiner Ratlosigkeit Ausdruck zu verleihen. Ein Gedanke riss den langen Räuber aus der Überlegung.
„Und wenn ef fo if‘, ne, dann fahlft du halt nochmal, ne“, blaffte er.
Der Dicke hob den Blick voller Misstrauen.
„Hast du mir schon wieder was unterschlagen?“
Der Lange legte den Kopf schief, biss die letzten zwei Zähne zusammen und starrte den Dicken verkniffen an. Seine Keule hing locker an seiner Seite.
„Hör fu, Ferdinand, du haft wieder diefen Ton, den ich nicht mag. Natürlich hab‘ ich dir nichtf vom Geld gegeben, weil ef gar kein… “
„Ich glaube es nicht.
Natürlich, sagt er, natürlich habe ich dir nichts vom Geld gegeben. Hast du das gehört?“, sagte Ferdinand zu Haribald, der sich vergeblich an einem Lächeln versuchte. Der Lange packte den Dicken am Kragen und zog ihn zu sich heran. „Wirft du mich wohl aufreden…“
„Du kotzt mich an mit deinen Ausreden. Seit drei Monaten höre ich mir das jetzt an. Du hast den Braten essen müssen, weil er sonst schlecht geworden wäre, du hast den letzten Schluck Wein nur getrunken, weil man Kopfschmerzen davon kriegt, und die wärmere Decke ist angeblich viel zu kratzig!“, fauchte Ferdinand.
„Und jetzt unterschlägst du mir auch noch Geld, du elender Lump. “
„Ich hab‘ daf Geld nicht unterflagen…“, fauchte Gebhard zurück und hob die Keule. Mit katzengleicher Wendigkeit, die sowohl Haribald als auch den Langen überraschte, drehte sich der Dicke um die eigene Achse und hieb dabei dem Langen die Faust in den Bauch. Als der zusammenklappte und sich sein Gesicht auf gleicher Höhe wie das des Dicken befand, holte dieser aus, um ihm ordentlich aufs Maul zu hauen, seine Faust landete jedoch in der reaktionsschnell erhobenen Hand seines Gefährten.
Zwei Schläge: Faust traf Kinn, Keule traf Fuß, zwei Schreie, wütendes Fluchen. Anschließend ging die Klopperei los. Der Lange und der Dicke hieben mit Füßen, Fäusten und den Knüppeln aufeinander ein. Dazwischen beschimpften sie sich als Lügner, Betrüger, Räuber, Kameradenschwein und Abschaum.
„Haribald, trab an“, sagte Bechstein. Darauf hatte sein Assistent nur gewartet. Sie ließen das Räuberduo links liegen. Als sie um die nächste Biegung rollten, beruhigte sich endlich Haribalds Herzschlag.
„Wieviel habt Ihr ihm denn gezahlt, Herr Professor?“
„Nichts, mein Junge, natürlich nichts. “
„Ihr sagtet…“
„Schlagen sie nicht gleich zu, hat der Reisende eine Chance. Denn rhetorisch, mein Junge, sind diese Halunken uns immer unterlegen. Der Mensch ist einfach schrecklich naiv. “
Bechstein rieb zufrieden sein glattrasiertes Kinn, rückte die Brille zurecht und lehnte sich zurück. „Das Wort, mein lieber Haribald, ist stets mächtiger als das Schwert.
“
Die nächsten Stunden begleitete sie das Zwitschern der Vögel und fleckiges Sonnenlicht, der Weg unterbrochen von einigen Lichtungen, manchmal lief ein Reh oder ein Wildschwein von Waldsaum zu Waldsaum. Schließlich wichen die Bäume zurück, und hinter einer Gruppe alter Eichen führte der Weg aus dem Wald. Links und rechts lagen im Sonnenlicht Felder, auf denen die Saat bereits eine Handbreit aufgegangen war. Der Weg führte leicht bergauf. Haribald geriet rasch ins Schwitzen, dann kamen Häuser in Sicht.
Ein kleiner, schmutziger Junge am Wegesrand sah die beiden, hüpfte vergnügt und lief nebenher.
„Warum ziehst du denn die Kutsche?“, wollte das Kind wissen. Haribald hatte keine Kraft mehr für ein Lächeln. Nach dem ersten Gehöft ließ er die Kutsche ausrollen, machte letzte Schritte und stand still.
„Ist das hier Thale?“, fragte Professor Bechstein. Der Junge mit dem schmutzigen Gesicht schien zu überlegen.
Haribald fragte sich, ob das Dorf hier überhaupt einen Namen hatte.
„Mama!“, rief das Kind, machte auf der Stelle kehrt und rannte über die schlammige Straße in das nächste Haus. Ein paar Hühner flatterten umher, hinter einem Zaun stierte eine Kuh herüber. Drei oder vier Gehöfte lagen am Weg, dahinter klapperte eine Mühle an einem Bach, und erst dort, wo der Wald wieder dichter wurde, konnte Bechstein den Turm einer Kirche erkennen.
Zwei weitere ärmliche Häuser scharten sich um den Platz davor.
Aus dem Haus, in dem der Junge verschwunden war, kam eine noch recht junge aber erschöpft aussehende Bauersfrau. Ihr zerrissenes Hemd stand halb offen und ließ die Ansätze runder, schwerer Brüste blitzen. „Was wollt Ihr denn?“, fragte sie. Haribald ertappte sich bei der Vorstellung, wie sie wohl ganz ohne Rock und Schürze aussah. Bechstein stieg ächzend von der Kutsche, Haribald streifte das Geschirr ab und ließ den Kutschkasten nach vorne kippen, streckte sich.
„Ist das hier Thale?“
„Bestimmt“, sagte die Frau. Sie schien Haribalds Blicke zu bemerken, doch statt das ehemals weiße Kattunhemd vor der Brust zusammen zu raffen, reckte sie ihren Oberkörper und vergrößerte so den Spalt. „Aber wollt bestimmt nicht hierher. “
Bechstein trat vor die Frau in der Tür. Der Junge versteckte sich hinter ihr und sah neugierig zum Professor hinauf.
„Habt Ihr vielleicht einen Schluck Bier hier für mein Pferd, pardon, meinen Assistenten und Schüler?“, fragte Bechstein, nachdem er sich umständlich und ausgiebig geräuspert hatte.
Die Bäuerin hob die Augenbrauen, schickte ihr Kind ins Haus und nickte in Haribalds Richtung. Dabei öffnete sich ihr Kleid noch weiter. Ihre Brüste waren mit dunklen Warzen besetzt. Haribald wurde der Mund trocken.
Über ihrem Kopf hing an der Tür ein Hufeisen, daneben waren mit Kreide drei Kreuze gemalt. Bechstein drehte sich zu Haribald um, auf seinem Gesicht lag ein breites Grinsen. Er winkt den Jungen mit dem Kopf heran.
„Hufeisen, mein Junge, ein Hufeisen. “
Haribald hob die Schultern, murmelte „Na und?“, und griff nach dem Bier, das ihm vom Kind in einem Tonbecher angeboten wurde. Die dralle Bäuerin stemmte die Hände in die Hüften.
„Nur Bier? Oder wolltet ihr mit Pferd vielleicht etwas Anderes über euren Schüler andeuten?“
Bechstein spürte, wie ihn die schlichte Direktheit, die primitive Sexualität der Bäurin in Verlegenheit brachte.
Zudem roch sie geradezu nach der Mal Franzos, der gallischen Krankheit, die Menschen auffraß wie ein Lindwurm, der von innen kam.
„Ich bin sicher, dass mein Schüler über viele Qualitäten verfügt. “
Die Bäurin ließ eine Zungenspitze zwischen den blassroten Lippen blicken, musterte Haribald von oben bis unten und trat von einem Bein auf das andere.
„Die ihr mir sicher nicht so einfach überlasst, was? Was wollt ihr?“
Informationen.
In einer solchen Gegend war Wissen schwer zu bekommen. Zum Glück waren sie vorbereitet. Es würde nicht das erste Mal sein, dass sie sich die Arbeit aufteilten. Ein Kopf und ein Körper. Haribald musste nur lernen, irgendwann einmal, wenn Bechstein zu alt für die Forschung war, selbst die Kopfarbeit zu übernehmen und einem anderen den Körpereinsatz zu überlassen.
„Ich höre?“, sagte die Frau. Unter ihrem Kleid schwangen die Brüste schwer hin und her.
„Wir möchten uns nur mit ihnen unterhalten. “
„Gut, das können wir dann ja hinterher machen. “
Die Frau packte Haribald am Ärmel und zog ihn ins Haus. Professor Bechstein blieb mit dem Kind an der Tür stehen und hoffte inständig, dass Haribald an den Tabaksbeutel dachte.
Die Stube war dunkel, verraucht, dreckig und schnell durchquert. Sie warf Haribald auf eine quietschende Bettstatt im hinteren Teil des Raumes.
Ihre Brüste sprangen aus dem geöffneten Hemd. Ihre Finger öffneten zielstrebig seinem Hosenstall und packten seinen harten Schwanz.
„Pferd? Dein Professor hat nicht übertrieben, Jungchen. “
Ihr Mund stülpte sich über sein Gemächt. Gurgelnd und röchelnd stieß sie sich die Elle in den Hals, als wolle sie ihn verschlingen. Haribald ahnte, dass alles an dieser Frau groß und weit und tief sein würde. Ihr Schnaufen wurde atemloser, doch ehe Haribald die Besinnung verlieren konnte, wurde die Luft an seinem Schwanz kühl.
Im Halbdunkel kroch sie an ihm hinauf, drückte ihn tief in die Bettstatt und raffte den Rock. Bevor sie sich mit seiner harten Elle pfählen konnte, drehte sich Haribald zur Seite. Seine Hand steckte längst in dem kleinen Tabaksbeutel, der ihm in den vergangenen Wochen ein treuer Begleiter geworden war und stets an einer Lederkordel an seiner Hose hing.
„Augenblick“, sagte er, holte aus dem Beutel etwas hervor, das eine wie mit Wachs bestrichene Hostie in der Größe eines Silbertalers aussah.
„Was ist das?“, keuchte die Bäuerin, ungeduldig und überrascht von dieser Unterbrechung.
„Es ist besser für uns“, antwortete der Junge und legte sich die Hostie auf die Eichel. Innerhalb einer Sekunde verwandelte sich die Oblate in eine winzige Mütze wie aus dünner, wächsern schimmernder Baumwolle, die der Junge geübt von der Eichel her über den steifen Degen rollte.
„Schweinedarm, hä? Davon habe ich gehört.
Bist ein ganz sauberes Kerlchen, was? Ein Hochwohlgeboren mit einem Ding wie ein Bauer. Ist mein Glückstag heute“, zischte sie und schob sich, kaum dass Haribald den Überzieher bis zur Wurzel abgerollt hatte, seine Lanze bis zum Anschlag hinein. Es war mehr als nur ein Schweinedarm, wusste Haribald, aber das würde sie nie begreifen. Ihre Möse war heiß, weit und gierig. Wie viele Kinder sie dadurch wohl schon gepresst haben mochte? Haribald griff nach den fleischigen Hügeln.
Das Holz quietschte, durch den Strohsack stachen spitze Halme in seinen Rücken. Ihr Hintern war überraschend fest.
„Stoß mich, mein Junge, stoß mich“, röchelte sie. „Mein Alter bekommt ihn längst nicht mehr hoch. “
Haribald schwieg und genoss die durch den präparierten Schweinedarm gemilderten Reibungen der Möse an seinem Geschlecht. Diese Momente und das Bier auf dem Weg waren der einzige Grund, warum er nicht längst zurück nach Stettin geflohen war, mit allen Konsequenzen, die ihm sein Vater angedroht hatte.
„Ob Ihr wohl ein wenig Olivenöl zur Hand hättet?“, fragte Haribald, nachdem sie das erste Mal zuckend auf ihm gekommen war. Dabei wusste er, dass die Tränen des Baumes, wie sein Meister die zähe, elastische Flüssigkeit nannte, mit denen er den Schweinedarm so genial behandelt hatte, kein Fett vertrugen. Eine Zwickmühle, denn nur im Hintern einer Frau wurde die schwächere Reibung infolge des Futterals wieder ausgeglichen.
„Spucke tut es auch“, antwortete sie grimmig und ging vor ihm auf alle Viere.
Die Knie weit auseinander, den Hintern hoch in die Luft gereckt. Zwischen den Schenkeln dräute der dunkle Busch. Ölivenöl war ihm lieber, aber nicht zum ersten Mal wurde er so an die Armut auf dem Lande erinnert. Haribald spuckte in die Hand, verrieb den Speichel auf dem von den Tränen des Baumes geglätteten Schweinedarm und ging die Bäurin von hinten an.
Sie nahm auch in dieser Öffnung die ganze Elle auf und entließ statt überraschter Schmerzenzsschreie, die Haribald erwartet hatte, nur ein kraftvolles Stöhnen.
Beinahe mühelos schob er sich zur Gänze hinein und nahm Fahrt auf. Noch nie hatte er eine Frau getroffen, die seine Lanze in voller Länge in den Hintern aufgenommen hatte. Und es schien für nicht ungewohnt zu sein.
„Stoß mich, du geiler Hengst“, rief die Frau. „Stoß mich in den Arsch. “
Seine Stöße brachten die Bettstatt in Schwingungen. Bald klatschte sein Bauch gegen die festen Backen, umklammerten seine Hände die milchigen, schweren Titten der Frau.
Die Bettstatt knarrte erbärmlich, Holz knirschte, Stroh raschelte. Sie bekam mehr Lohn, als ihre Informationen wert waren, ahnte Haribald. Wer weiß, dachte Haribald, wer sonst noch den Bauern vertrat. Vermutlich bediente sie sich nicht selten im Stall. Die Bäurin zuckte und röchelte zum dritten Mal, und schließlich spritzte er kraftvoll in den Überzieher, zähneknirschend und den Moment verdammend, in dem er die Flasche mit dem Olivenöl zerbrochen hatte.
Haribald nahm einen tiefen Zug aus dem Krug.
Das Bier war angenehm warm aber fad. Zu wenig Hopfen und schlechte Gerste. Die Bäurin stopfte ihre Brüste zurück unter das Kattunhemd und setzte sich an den wackeligen Tisch.
„Was wollt ihr wissen. “
„Gute Frau, sagt mir, das Hufeisen über Eurer Tür…“
Die Bäuerin erstarrte für einen Augenblick, dann blaffte sie Haribald an. „Na, wie ist's Bier? Sagst ja gar nichts. “
„Tolles Bier.
So nass“, sagte Haribald.
„Trink mal ordentlich, Junge, siehst durstig aus. “
„Bin ja auch den ganzen Tag gelaufen. “
„Jammere nicht, Haribald. Wenn du nicht das Pferd…“
„…einem Mann mit einem Schlitzohr gegeben hättest. Ja ja. “
„Also, gute Frau, das Hufeisen… “
„Ach, Hufeisen, was ist mit Bier, wollt Ihr ebenfalls ´nen Schluck?“
„Nein, ich möchte wissen, warum hier ein Hufeisen über der Tür hängt.
Und die drei Kreuze daneben, was haben die zu bedeuten. Gibt es hier im Dorf vielleicht Probleme?“
Die Bäuerin stemmte ihre Hände in die massigen Hüften und richtete sich auf. Der Schemel unter ihrem Hintern kippte um und polterte auf den Lehmboden.
„Probleme? Natürlich. Habter das da nich‘ wo Ihr herkommt, hä?“
„Probleme, nun, es kommt darauf an…“
Die Bäuerin lachte und zeigte eine überraschend vollständige Reihe Zähne.
„Jaa, ham‘ hier ´ne Menge Probleme, ne. Ernte letztes Jahr war schlecht, Winter zu kalt, wir hatten die Dings, die Pocken…“ Sie stellte sich bequem und zählte an den Fingern ab. „…den Holzwurm im Gebälk, durchs Dach regnet's rein und letzte Woche is'ne Kuh verreckt, ne. Probleme?“
„Interessant. “ Professor Bechstein wandte sich an Haribald. „Mein Junge, gib mir bitte das Buch. “
Haribald gab den leeren Tonbecher an das kleine Kind zurück, ging durch die Tür auf die Straße und holte eine schwarze Tasche aus der Kutsche.
Das Tageslicht blendete. Im Bauernhaus war es verdammt dunkel. Er wühlte lange darin herum und zog ein in braunes Leder eingebundenes Buch hervor.
„Kuh… Kuh…“, murmelte der Professor und kratzte ab und zu sein Kinn. „Gibt eine Eurer Kühe vielleicht Rotwein?“ Er nickte Haribald aufmunternd zu. „Oder sprechen Eure Katzen? Oder gibt es bei Euch fliegendes Geschirr, zum Beispiel Untertassen?“
Die Bäuerin streckte ihren Kopf hervor, sah nach links, dann nach rechts, packte den Professor schließlich am Hemd und zog ihn zu sich heran.
„Die alte Keplerin!“, zischte sie. „Wohnt im Wald alleine, jaaa, nennt sich Kräuterweib, aber ha. “ Sie spuckte auf den Boden. „Die Pocken komm‘ von ihr, die schlechte Ernte, waren die verfluchten Weiber, die Kuh, das Dach. Hat sogar unseren Tisch verzaubert, plötzlich läuft er. “
„Kann ich den Tisch einmal sehen?“
Die Bäuerin lockerte den Griff. „Ham wer verfeuert, ne, ist ja alles runtergefallen, hat ja kein Sinn mehr gehabt, ne.
Letzte Woche ist die Keplerin auf ´ner Sau durchs Dorf geritten und anschließend ist mein Jüngster an Dings, ääh, hat er die Dings, hier, ne, gekriegt. “
„Die Dings?“
„Jaaa, schlimm, ekelig. “
„Hat sie jemand dabei gesehen, ich meine, die Keplerin?“
„Jaaa, mein Mann, wie er vom Wirt kam, ne, jaa, genau gesehen“ sagte die Frau und ließ den Professor los.
Der schob seine Brille zurück auf die Nase und rückte das Barett zurecht.
„Und wer ist die Keplerin?“
„Die macht immer so Handlesen und so, jaja, im Wald hinter Blankenburg. Ist eine ganz schiefe, die spricht mit Wölfen und reitet auf dem Besen und macht sich Salben aus dem…“ Sie nickte mit dem Kopf. „…von Männern. “
„Woraus?“
„Na, aus dem…“ Wieder nickte sie, diesmal entschieden deutlicher in Richtung der Körpermitte des Professors.
„Brauchen mal ´nen Prozess, hier. Und dann, ruckzuck, Rübe ab. “ Die Frau strich sich mit dem Zeigefinger über den Hals und holte ein knackendes Geräusch aus der Kehle. „Diese vermaledeiten Weiber. Klauen Kühe und Hühner, und dann sind unsere Kinder dran. Und die Pest bring se uns, die ham sich verschworen, ham se sich, gegen uns Menschen. Ich sach Euch, der Teufel, der ist überall, vor allem hier im Harz, hier.
“
Je mehr sie sagte, um so lauter wurde sie. Ihr Gesicht rötete sich, Speichelblasen tauchten auf den blassen, aufgesprungenen Lippen auf, die Augen quollen aus den Höhlen. Haribald wusste die Dunkelheit in den vielen Räumen, die er in den letzten Tagen gesehen hatte, besonders zu schätzen. Nachts, dachte er, sind wirklich alle Katzen grau.
„Die ham sich gegen uns verschworen und wollen die Welt übernehmen. Erst verzaubern sie unsere Ernten, ne, und die Tiere und die Kinder, und Pest und diese Mal Franzos, die ham se uns an den Hals gezaubert.
“
„Harri, mach‘ schon mal die Kutsche fertig“, zischte der Alte in einer Atempause.
„Bald. “
„Nicht bald. Jetzt. “
„Haribald, Professor. Ich hasse es, wenn Ihr mich Harri nennt. “
Müde trottete Haribald zur Straße. Der Professor jedoch war hellwach.
„Habt Ihr Beweise, gute Frau?“
„Beweise? Wie Beweise? Wollt Ihr mich verarschen, hä? Seid Ihr auch einer von denen, hä? Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie mir jemand erzählt hat, er hätte die ganzen Weiber herumfliegen sehen, Margitta und Krostitza und Susanna und wie sie sich nennen, die teuflischen Weiber.
Mit eigenen Augen gesehen. Brennen müssen die, brennen auf dem Scheiterhaufen. “
Jetzt schrie die Frau. Sie spuckte beim Schreien dem Professor ins Gesicht. Sie drängte ihn zur Tür.
„Und jetzt ist besser, wenn Ihr geht, überleg‘ grad, wo ich die Mistgabel zuletzt gesehn hab‘, weil ich glaube, dass Ihr einer von denen seid. Beweise, hier brauchen wir keine Beweise, wir glauben an das, was wir gehört und gesehen haben, hä, Beweise, was ist'n das überhaupt, hä, Beweise, schert Euch wech!“
Sie verschwand im hinteren Teil der Stube und kehrte gleich darauf mit einer gefährlich spitzen Mistgabel zurück.
Professor Bechstein hob beschwichtigend die Hände, der Junge befürchtete bereits das Schlimmste, als sich ein lautes Geschrei hundert Schritt die Straße hinauf erhob.
Ein herausgekehrter grüner Strauß an einem breiten, geduckt wirkenden Gebäude, das kurz vor dem Zusammenbruch stand, deutete in Haribalds Augen auf einen Dorfgasthof hin. Eine Gruppe von zehn Männern drang in den Gasthof ein, man hörte Splittern von Holz und Wehklagen.
„Diese, diese Hunde!“, rief die Bäuerin und wandte sich ab vom Professor, der bereits zur Kutsche geschlichen war.
Sie nahm die Mistgabel und stürmte zur Straße. „Das sind wieder die Quedlinburger, diese Hunde. “
Haribald hatte das Geschirr der, wie er es nannte, Kreuzung zwischen Armesünderkarren und ungarischem Kotschi-Wagen bereits auf die schmerzenden Schultern genommen, da kamen die Männer wieder aus dem Gasthaus. Drei von ihnen rollten Fässer vor sich her, vier hielten zwei keifende Frauen und einen erbosten Mann zurück, den Haribald für den Wirt hielt, die letzten trugen Äxte.
„Professor, was…“, begann der Junge, dann holten die Männer mit den Äxten aus. Die Bäuerin kam gerade rechtzeitig, um sich mit dem Schwall Bier, der aus den Fässern rauschte, die Füße nass zu machen.
„Das ist, nehme ich an, eine Gegenmaßnahme der Quedlinburger“, sagte Bechstein, während er auf den Wagenkasten stieg. „Weil die Dorfbewohner mehr Bier produzieren, als sie für den Eigenverbrauch benötigen. “
„Na, und?“ Mit einer Handbewegung gab ihm der Professor zu verstehen, das Thema fürs Erste nicht weiter zu behandeln.
Sie rollten am Gasthaus vorbei. Der aufgebrachte Wirt schimpfte den abrückenden Quedlinburgern hinterher, die Faust erhoben. Die Bäuerin hatte ihre Mistgabel in den vom Bier getränkten Boden gesteckt und guckte grimmig, was Haribald bei der Menge vergeudeten Bieres gut verstehen konnte.
„Nach Blankenburg?“, fragte er schüchtern.
Die Bäuerin wies mit der Hand in die Richtung der Kirche. Noch lange hörten die Reisenden das Zetern des Wirtes, der Frauen und der Bäuerin.
Bei Dämmerung trafen Professor Bechstein und Haribald in Blankenburg ein.
Der Wächter hatte bereits Fackeln angezündet und wollte gerade das Tor schließen, wies ihnen mürrisch den Weg. Haribald brachte die Kutsche vor dem Gasthaus Goldener Gockel in der Poststraße zum Stehen, ließ Bechstein absteigen und folgte ihm mit dem Gepäck. Die Tür war niedrig, der Schankraum düster. Bechstein musste sich bücken und auf der Schwelle warten, bis sich seine Augen an das Zwielicht gewöhnt hatten.
„Wir bringen Euer Pferd in den Stall hinter dem Haus“, schlug der Wirt vor, ein mageres Wiesel mit dürren Beinen und fusseligem Bart, der mehr mit seinen Händen als mit der Zunge sprach.
„Nicht nötig“, winkte Professor Bechstein ab. „Das schläft bei mir. “
„So witzig“, sagte Haribald.
„Könntet Ihr bitte die Kutsche unterstellen? Zeigt dann meinem Assistenten den Stall, damit er sie später finden kann.
“
„Braucht er Stroh?“
„Nein, er speist mit mir. Sonst rennt er morgen wieder so langsam. “
Die Wirtsstube war klein und verräuchert. Im Kamin flackerte ein Feuer. Vier Männer an einem der Tische, sonst war niemand im Gasthaus. Der Professor zog sein Barett und grüßte.
„Besuch“, sagte ein dicker Mann mit vollem Bart, wie ihn Kaiser Karl V. getragen hatte.
Unter seinem Wams wölbte sich ein mächtiger Bauch über den Bund der Pluderhose. Die Spieler legten ihre Karten zur Seite und tranken fast synchron von ihrem Bier. Der offene Kamin in ihrem Rücken knackte und knisterte, das Holz warf Funken in den Raum. In der Luft lag der würzige Geruch von Tanne.
„Guten Abend, der Herr“, sagte der Dicke. „Was führt Euch nach Blankenburg?“
Bechstein zögerte.
Auf der zweiten Stufe hielt der Wirt inne. Welch ungünstig direkte Frage, dachte Bechstein. Gemacht für eine günstig indirekte Antwort. „Der Mensch. “ Sein Schritt in den Raum war halblang.
„Der Mensch?“, wiederholte der Dicke und lachte herzlich. „Kennen wir ihn?“
Ein großer, blonder Mann mit ernstem Gesicht und spitzem Kinnbart schlug ihm den Ellenbogen in die Rippen. Der Dritte, hager und asketisch im Körperbau, rieb sich schweigend seine krumme Adlernase und sah dabei zu Boden, ein kräftiger Mann mit Halbglatze ließ ungeduldig die Karten zwischen den Fingern knattern.
„Ich bin Wissenschaftler an der Universität Greifswald, von Stettin aus unterwegs auf einer Forschungsreise mit meinem Assistenten und Schüler Haribald hier. “
Haribald lächelte zaghaft. Das Gespräch hatte ihm gerade noch gefehlt. Jeder Satz hielt ihn länger von seinem verdienten Bier ab.
„Und Ihr sucht also den Menschen?“, fragte der Hagere mit der Adlernase.
Bechstein kratzte sich am Hinterkopf.
„Nun, ich untersuche ihn, um genau zu sein. “
„Ihr untersucht ihn. Erzählt uns mehr. Was genau untersucht Ihr?“
„Das Thema ist sehr komplex und ich stehe erst in der Mitte meiner Studien. Falls Ihr gestattet, möchte ich vorerst soviel verraten: es geht um Grundlagenforschung. “
„Verratet mir wenigstens, warum Ihr dazu gerade in unser verschlafenes Nest kommt“, sagte der Blonde.
„Es ist vor allem die Lage.
“ Bechstein drehte seine Mütze zwischen den Händen, machte einen weiteren Schritt in den Schankraum und sah zu Boden.
Müsste mal gewischt werden, dachte er, bevor er den Kopf hob.
„Die Lage? Wovon genau sprecht Ihr, in Gottes Namen? Setzt Euch und erzählt“, forderte der Hagere. Der Dicke und der Blonde nickten, der Kräftige kniff kritisch die Augen zusammen.
Bechstein drehte sich um zu Haribald, der die Augen verdrehend an der Theke stand.
Der Wirt neben ihm verzog keine Miene. Mit einem breiten Lächeln wandte sich der Professor wieder den Männern zu.
„Vielleicht ein anderes Mal. Die Reise hat mich sehr erschöpft, und mein Assistent hat noch eine Lektion zu lernen. Ich würde Euch gerne später ein paar Fragen stellen. Mit wem hatte ich die Ehre?“
„Mein Name ist Peter Solberg, Ratsherr von Blankenburg“, sagte der Bärtige. „Das ist Richard Dülmen, der Bürgermeister, und dort seht Ihr Burkhard Widmann, unseren Stadtkämmerer, daneben Claus Nowak, Ratsherr und Vorsitzender der Handwerkerinnung.
Wie ist Euer Name?“
„Ludwig Bechstein. Sehr erfreut. “
Er machte eine kleine Verbeugung. Die vier Männer neigten ihre Köpfe ebenfalls.
„Es würde uns sehr gefallen, wenn Ihr uns mehr über Eure Arbeit erzähltet. Vielleicht führt Euch morgen Euer Weg ins Rathaus. “
Bechstein dankte. Der Wirt ging voran in den ersten Stock. Haribald kämpfte sich schimpfend mit dem Gepäck hinterher.
In der zweiten Etage, direkt unter dem Dach, öffnete der Wirt eine schmale Tür zu einem engen Zimmer. Ein Fenster führte hinaus zur Straße. In einer Ecke des Raumes stand ein zweites, kleineres Bett.
„Das Beste im Haus. Und das einzige mit zwei Betten. “
„Ich hoffe, es ist nicht zu hart. “, klagte Haribald. Ächzend setzte er das Gepäck ab. „Ich habe es mit dem Rücken.
“
„Haribald, hör auf, dich zu beschweren“, forderte Bechstein. „Du hörst dich schon an wie mein letzter Assistent, der Alfred. Der Weg zu Wissen und Weisheit ist dornig. “
Bechstein gab dem Wirt eine Bestellung für das Abendessen mit, schloss die Tür. Haribald setzte sich prüfend auf sein Bett, sein Meister ging Hände reibend durch das Zimmer. Er hatte sein Barett achtlos auf den Nachttisch geworfen, die grauen Haare hingen ihm wirr um den Kopf.
„Herrlich, Haribald, wir kommen voran. Die Hufeisen, die Kreuze an den Türen, die Anschuldigungen. Wunderbar. Oh Jahrhundert, oh Wissenschaften. Es ist eine Lust zu leben. Ich sage dir, bevor wir in Süddeutschland ankommen, werden wir einiges mehr an Gewissheit erlangen. Von hier sind es etwa sechs Meilen zum Gipfel, das sollten wir an einem Tag geschafft haben. “
„Mit einem Pferd, ja“, knurrte Haribald.
„Weißt du, wieviel uns der Gauner für ein neues Pferd abknöpfen wollte? 18 Taler, mein Junge, 18 Taler.
Für den mageren Klepper. Dieser Halsabschneider. “
Haribald schweifte in Gedanken ab, während der Professor sich über die hohen Reisekosten beschwerte, wünschte sich zurück nach Stettin zu seinen Freunden, in die Marienstraße.
„Lies bitte erneut die Stelle. “ Bechstein setzte sich auf einen Stuhl und ließ sich von Haribald die Schuhe ausziehen.
„Schuhe oder lesen?“
„Erst Schuhe, dann lesen. “
„Ich dachte, ich solle auch den Überzieher putzen.
“
„Also bitte, erst putzen, dann lesen. “
„Und sollte ich nicht nach einem Pferd fragen?“
„Also gut, erst ausziehen, dann den Überzieher putzen, dann nach einem Pferd fragen und dann lesen. “
„Lesen, bevor oder nachdem der Wirt das Bier gebracht hat?“
„Herrgott, Haribald, willst du bei mir was lernen, musst du auch was lesen. Du kannst dich nicht immer davor drücken.
Denke daran, meine Junge: Du kannst zum Tier entarten; aber du kannst dich ebenso aus dem freien Willen deines Geistes zum gottähnlichen Wesen wiedergebären. Und der Weg dahin ist die Bildung. “
Der Professor stützte sich mit einem Fuß auf die Schulter seines Adlatus, und zog den anderen Fuß aus dem Schuh. Haribald begleitete mit einem missmutigen Gesicht die Schimpftiraden des Alten, der nach dem Buch auf dem Nachttisch griff und begann, darin herumzublättern.
„Hast du deine letzte Lektion über die Schädelhälften gelernt? Ja? Nun, dann können wir heute ein neues Kapitel aufschlagen. Etwas, das zu unserer Aufgabe passt. Also. Laut Institoris und Sprenger gibt es dreierlei Arten. Die eine… na, wie hieß Institoris mit bürgerlichem Namen, Haribald, wie hieß er?“
„Heinrich Krämer“, sagte Haribald, öffnete seinen Tabaksbeutel und zog die Membran mit spitzen Fingern aus dem Tabaksbeutel. Er brauchte Wasser.
Warmes Wasser und Seife.
„Richtig, gut, also, dreierlei Arten. Einige bezaubern, lösen aber den Zauber wieder auf, andere beschädigen ohne wieder zu entzaubern und einige können nur entzaubern… Was ist, warum putzt du nicht?“
Haribald war in der Mitte des Zimmers stehen geblieben und lauschte. Es war totenstill.
„Hört Ihr das, Professor?“
„Was soll ich hören?“
„Nichts.
“
„Ja, das höre ich. “
„Ist das nicht schön?“
„Haribald, manchmal frage ich mich, ob du ganz bei Sinnen bist. “
Kopfschüttelnd schlug der Professor eine andere Seite auf, die er sogleich vorzulesen begann, während Haribald nach der Seife suchte, um die klebrige Membran von seinen Körpersäften und denen der Bäurin zu befreien.
„Laut der Theorie Aliboris, und das solltest du dir gut einprägen, hat der alte Brauch, in der Nacht vom 30 .
April auf den ersten Mai unerträgliche Musik zu spielen, den tatsächlichen Effekt, sie sichtbar zu machen. Hören sie also diese Musik, verlieren sie das zur Schau getragene Gesicht und zeigen ihr wahres Selbst, ob sie wollen oder nicht…. oder nicht. Was ist? Du putzt ja immer noch nicht. “
Haribald hielt den Überzieher in der Hand, sah zum Fenster. „Hört Ihr das?“ Der Professor verstummte und lauschte.
„Nein, ich höre wieder nichts.
Du lenkst ab, Haribald. “
„Zu schön“, sagte Haribald und holte den in einem Leinenbeutel steckenden, unförmigen Klumpen Seife aus der großen Reisetasche des Professors. „Zu schön. “
„Langsam denke ich, du willst mir gar nicht zuhören. “
Schulterzuckend stellte sich Haribald in die Mitte des Zimemrs, Bechstein schlug eine neue Seite auf. „…treffen sie sich auf dem Brocken, um ihrem Meister zu huldigen, sich zu vergnügen, zu treffen, Rezepte auszutauschen, zu feiern… Rezepte austauschen? Was ist denn das? Wer hat das geschrieben? Rezepte, Haribald, hast du wieder in meinem Buch herumgeschmiert? Haribald!“
„Ich brauche Wasser.
“
„Dann geh zum Wirt und hol dir welches. Aber lass den Überzieher hier. Ich will kein Aufsehen erregen. “
Der Wirt schickte ihn zur Magd, die ihn mit tief ausgeschnittenem Hemd zur Herdstelle im hinteren Teil der Küche begleitete. Dort füllte sie aus einem Bottich frisches Wasser einen kleinen Kessel, den sie an einem Haken über die offene Flamme hängte.
„Wofür brauchst du das?“, fragte die Magd.
„Zum Waschen. “
„Du wäscht dich? Aber das ist doch ungesund. “
„Mein Meister ist da anderer Meinung. “
Die Magd, rothaarig, mager und nicht viel älter als Haribald, blickte verschwörerisch über die Schulter, bevor sie ihr Gesicht ganz nah an sein Ohr brachte. Haribald hatte nicht einmal Zeit, erschrocken zurückzuweichen „Ich mache es auch. Heimlich. Jeden Sonntag nach der Kirche.
“
Und dann kicherte sie. Haribald spürte, wie die Lust in seine Lenden strömte. Hier brauchte er keinen Überzieher. Nur einen Ort, an dem sie ungestört sein konnten.
„Ich wasch mich jeden Tag“, sagte Haribald. Ihre Augen begannen zu leuchten.
„Komm mit“, sagte sie und nahm ihn bei der Hand.
Die Vorratskammer war eng und roch nach Kohl, nach Äpfeln vom letzten Winter und nach Schinken.
Sie klammerte sich an ihn und bohrte ihm ihre Zunge in den Mund. Ganz anders als ein paar Stunden zuvor. Diese Magd roch frisch, nicht ranzig wie die Bäuerin.
Das dünne Kleid war schnell gehoben, die Beine gespreizt. Im flackernden Licht der Kerze, die das Mädchen auf das Regal mit den Broten gestellt hatte, jubelte Haribald über milchweiße Haut, über spitze Brüste mit hellroten Nippeln, über rotes Haar auf einem köstlichen Schamhügel, über die rosafarbene Möse, die nach Jugend roch, und nicht nach Stall.
Dass er nicht so tief eindringen konnte, sondern kurz vor Ende des Weges auf Widerstand stieß, den das stöhnende Mädchen qiekend wie ein Ferkel ankündigte, nahm er nur unbewusst war. Zu sehr dachte er an Stettin, an Katharina, an Eva und an Maria, an die Dachböden im Winter und schattige Haine im Sommer, an Heimat, an verlorene Dinge, an die zerbrochene kleine Flasche.
Er drückte sich nach oben. Ihre Wangen waren gerötet, ihre Schenkel dampften, die Möse troff von ihrem ersten Höhepunkt.
„Warum hörst du auf? Das Wasser kocht bestimmt noch nicht. “
„Habt ihr Olivenöl im Haus?“
Der Wirt, mit Bier und Schweinshaxen auf einem großen Tablett, unterbrach Haribald später bei dem Versuch zu verstehen, was die Mission im Harz mit den Grundzielen seiner Ausbildung zu tun hatte, warum er sich noch immer mit den Problemen des freien Willens, des menschlichen Schicksals, der mitmenschlichen Verantwortung und der sittlichen Entscheidung beschäftigen sollte, wenn es sich im Grunde genommen bloß um Aberglaube drehte.
Haribalds Augen leuchteten beim Anblick des Tabletts. Schon lange hatte sein Magen geknurrt. Der Sinn stand ihm jetzt, wo Schenkel ihn umklammert und weder Überzieher noch Armut seine Lust gebremst hatten, nach Bier und nicht nach Bruno.
Der Wirt ließ sie alleine mit den Worten: „Zum Frühstück haben wir Hafergrütze und kräftiges Bier, der geheime Ort ist hinter dem Haus, wo die meisten Fliegen sind. “
Bechstein und Haribald aßen schweigend und gingen dann zu Bett.
.


Keine Kommentare vorhanden